Anleger-ProduktinformationenDas Lexikon der Bandwurmsätze

Wer Aktien oder Fonds kauft, soll über die Risiken aufgeklärt werden – mit Produktinformationsblättern. Aber wer kann die verstehen? von 

Es könnt’ alles so einfach sein, ist es aber nicht«, rappt die deutsche Band Die Fantastischen Vier in einem ihrer Songs. So ähnlich müsste auch die Antwort auf die Frage lauten, was die sogenannten Produktinformationsblätter (PiB)* wirklich leisten. Seit dem 1. Juli 2011 müssen Banken und Finanzvermittler sie ausgeben, Anleger sollen so in wenigen Worten erfahren, was hinter einzelnen Produkten steckt und welche Risiken sie beim Kauf von Aktien, Fonds oder Zertifikaten eingehen. So schreibt es das Gesetz vor. Es sollte ein großer Wurf sein: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kündigte an, damit seien »Geldanleger in Deutschland künftig deutlich besser gegen Falschberatung geschützt. Die neuen Beipackzettel werden im Bankensektor zu mehr Transparenz führen und zu einer spürbaren Stärkung des Wettbewerbs.«

PiB*

Seit dem 1. Juli 2011 müssen Verbraucher bei der Wertpapierberatung ein kurzes, leicht verständliches und werbefreies Produktinformationsblatt (PiB) ausgehändigt bekommen. Es soll sowohl Rendite als auch Risiko und Kosten der Anlageempfehlung aufzeigen und darf nicht mehr als zwei DIN-A4-Seiten umfassen, bei Derivaten und Termingeschäften sind es drei Seiten.

Mittlerweile hat sich bei den Kunden zwar herumgesprochen, dass es die Erklärzettel für Finanzprodukte gibt. Jeder zweite Bundesbürger weiß Bescheid, das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Marktforschungsinstituts YouGov für das Aigner-Ministerium. Dem Großteil der halbwegs erfahrenen Geldanleger ist zudem bekannt, welche Informationen auf den finanziellen Beipackzetteln stehen sollten. Rund drei Viertel der Befragten finden sie »wichtig« bis »sehr wichtig« für die persönliche Anlageentscheidung. Und: Lediglich einer von hundert Kunden legt die Zettel, die ihm Bank und Finanzberater aushändigen, achtlos beiseite. Die übrigen 99 Prozent lesen sie oder überfliegen sie zumindest. Bloß: Dass ihnen das hilft, das darf man bezweifeln.

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Oder wüssten Sie, was »Vermögensbetreuungspflicht« bedeutet, was das »Schuldnerrisiko« ist oder was es mit dem »Auseinandersetzungsguthaben« auf sich hat? »Um die Produktinformationsblätter zu verstehen, müssen die Kunden schon Experten sein«, urteilt Anikar Haseloff. Er analysiert als Geschäftsführer des Communication Lab Ulm, wie verständlich das ist, was Politiker, Unternehmen und Banken in gedruckten Mitteilungen an Kunden absondern. Über die Sprache vieler Finanz-Beipackzettel hat er nur gestaunt: Statt kurzer, prägnanter Produktbeschreibungen, die sich Verbraucherministerin Aigner wünschte, fand er Bandwurmsätze und unverständliche Fachbegriffe

Viele Infoblätter hatten sogar ein sprachliches Niveau, das mit dem von Doktorarbeiten vergleichbar ist. Auf Haseloffs Verständlichkeitsskala von 1 bis 20 – dabei entsprechen 17 Punkte dem Niveau der Bild- Zeitung und 5 Punkte dem einer Doktorarbeit – erreichten die Beipackzettel im Schnitt eine Punktezahl von 8,06. »Somit liegen sie deutlich im fachsprachlichen Bereich«, sagt der Kommunikationsexperte, »selbst passionierte Zeitungsleser, die sprachlich anspruchsvollste Texte gewohnt sind, haben da Verständnisschwierigkeiten.«

Normalleser verstehen es nicht

Jeder fünfte Satz in den Aufklärungsblättern ist so lang, dass ihn kein Normalleser auf Anhieb versteht. Manche Banken schaffen das sogar bei jedem dritten Satz.

Das betrifft wohlgemerkt nicht nur Stellen, in denen es um komplizierte Sachverhalte geht, etwa um die Funktionsweise eines Open-End-Partizipationszertfikats. Die Branche drückt häufig selbst Einfaches wie »zu näheren Informationen fragen Sie bitte Ihren Steuerberater« so aus: »Anlegern wird empfohlen, sich zusätzlich von einem Angehörigen der steuerberatenden Berufe über die steuerlichen Folgen des Erwerbs, des Haltens und der Veräußerung oder Ausübung bzw. Rückzahlung der Wertpapiere unter besonderer Beachtung der persönlichen Verhältnisse des Anlegers individuell beraten zu lassen.«

Wer sich übrigens noch immer fragt, was sich hinter dem »Schuldnerrisiko« verbirgt: Es ist der Totalverlust, der bei vielen Anlageprodukten möglich ist; davor muss der Kunde gewarnt werden. Aber Totalverlust ist kein schönes Wort; die Branche spricht da lieber vom »Bonitätsrisiko«, »Emittentenrisiko« oder »Kreditausfallrisiko«.

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