Meron Getu lacht, als sie sich an den Tag erinnert, der ihr Leben verändern sollte: Es war 2002, sie spielte mit den Nachbarskindern in der Abendsonne, als zwei junge Männer den Pfad zwischen den Wellblechhütten des Armenviertels in Addis Abeba herunterkamen. In den Händen hielten sie grellgelbe Filzbälle. Sie fragten: »Habt ihr Lust, Tennis zu spielen?«

Die zwei jungen Männer hießen Tariku und Desta Tesfaye; die beiden Brüder waren Trainer in einem Tennisclub der Reichen – und hatten eine verwegene Idee: eine Tennisausbildung für arme Kinder. Kostenlos. Frühmorgens vor der Schule, bevor die Clubmitglieder die Sandplätze belegten.

Meron hatte Lust und den Breakball genutzt. Heute ist sie 16 Jahre alt und gilt als eine der talentiertesten Tennisspielerinnen Äthiopiens und eine der besten Afrikas. Mit 13 gewann sie ihr erstes Turnier in der Erwachsenenwertung. Sechsmal nahm sie an den Junioren-Ostafrikameisterschaften teil, jedes Mal brachte sie eine Goldmedaille zurück.

Erfolg und Erfahrung haben Meron Getu zu einer selbstbewussten jungen Frau gemacht. Verbindlicher Händedruck, fließendes Englisch. Meron ist die Erfolgreichste, aber sie ist nicht allein. Auch andere äthiopische Nachwuchsspieler gewannen bei diesen Turnieren bereits Medaillen. Wer verstehen will, wie der traditionelle Sport der Gutgestellten in einem Land Fuß fassen konnte, das zu den ärmsten der Erde gehört – Jahreseinkommen 380 US-Dollar pro Kopf, die Hälfte der Menschen unterernährt –, muss mit Merons Trainer sprechen.

»Ich war vielleicht zehn, da begannen mein Bruder Desta und ich für ein wenig Trinkgeld als Balljungen im Tennisclub zu arbeiten«, erzählt Tariku Tesfaye, ein 33-Jähriger mit wachen Augen und Lachfältchen im Gesicht. Wann immer sie konnten, schlugen die Jungen selbst ein paar Bälle, offenbar mit reichlich Geschick. Sie bekamen von den Clubmitgliedern alte Schläger geschenkt, sprangen manchmal für sie ein und wurden besser und besser.

Für die Tesfaye-Brüder ist mit Tennis ein Traum wahr geworden: Von bettelarmen Balljungen stiegen sie zu Nationalspielern auf. Der Erfolg ermöglichte ihnen ein unverhofft gutes Auskommen. Vor allem aber öffnete er ihnen die Türen zur High Society von Addis Abeba. Das Netzwerk aus wichtigen und wohlhabenden Leuten half ihnen dabei, das nächste Kapitel ihrer Aufstiegsgeschichte zu schreiben. Sie gründeten eine Tennisschule – ausschließlich für Kinder, die sich diesen Sport eigentlich nicht leisten können. Sie liefen durch die Viertel mit den Wellblechhütten und ließen Kinder vorspielen. Eines von ihnen war Meron.

Heute, zehn Jahre später, ist das Projekt weithin bekannt. TDKET lautet die Kurzform des etwas sperrigen Namens Tariku and Desta Kids’ Education through Tennis Development Ethiopia. Der Erfolg der Tenniskids – am Anfang waren es ein Dutzend, inzwischen sind sie mehr als 60 – hat immer mehr Unterstützer mobilisiert, von der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba über die US-Vertretung bis hin zur Tennisakademie Rhein-Neckar nahe Heidelberg, die durch den heimgekehrten Vizerektor der Botschaftsschule von der Sport-NGO erfuhr.

Haile Gebrselassie, Läuferlegende und äthiopischer Nationalheld, wurde Schirmherr. Als er im Tennisclub zufällig die hoch motivierten Kinder sah, legte das Erinnerungen an ein anderes sportliches Erweckungserlebnis frei: »Vor dem ersten Marathon-Olympiasieg war Äthiopien in der Sportwelt nicht existent.« Heute ist es eine Läufernation. »Warum«, fragt er, »sollte eine solche Entwicklung im Tennis nicht möglich sein?«

Das TDKET-Training ist dank der Sponsoren kostenlos, aber an eine Bedingung geknüpft: Wer für das Tennis die Schule schwänzt, fliegt raus. Die erfolgreichsten Sportler bekommen ein Stipendium für eine der angesehenen Privatschulen der Stadt. Sport soll das Spielbein sein, Bildung das Standbein. Meron Getu besucht die englischsprachige Andinet International School, eine Privatschule, an der rund 500 Schüler unterrichtet werden. Die Lehrer kommen nicht nur aus Äthiopien, sonders auch aus den USA, Großbritannien und Deutschland. Tennis trainieren die Kinder frühmorgens, von fünf bis sieben Uhr, wenn es hell ist, aber noch nicht heiß. Dann erst wieder nach der Schule.