Nikotin und einen Laptop – mehr braucht Alaa al-Aswani nicht, um seinen Tag zu überstehen. Der ägyptische Schriftsteller ist zugleich ein prominenter Publizist – seine Kolumnen waren eine glänzende Chronik der Revolution. Bei Stuttgart nahm der Autor in der vergangenen Woche einen Preis für die Verteidigung der Meinungsfreiheit entgegen. Danach ging es zurück nach Kairo.

DIE ZEIT: Herr al-Aswani, nach der Präsidentschaftswahl im Frühjahr haben Sie alle liberalen Kräfte aufgerufen, eine revolutionäre Koalition um Mohammed Mursi zu bilden.

Alaa al-Aswani: Ich wollte ihm eine Chance geben. Mir ist dabei ganz wichtig zu sagen, dass ich ihn nicht bei seiner Wahlkampagne unterstützt habe. Ich habe Mursi erst nach der Schließung der Wahllokale zum ersten Mal getroffen. Entscheidend erschien mir damals, dass Ahmed Schafik, der Mann des alten Regimes, nicht an die Macht kommt. Nun haben wir einen Mubarak mit Bart bekommen. Auch nicht besser.

ZEIT: Sie gelten in Ägypten und international als liberale Galionsfigur. Sie haben tatsächlich einmal an Mursi geglaubt?

Al-Aswani: Das stimmt, ich habe zwei Mal dazu aufgerufen, in einer Koalition mit ihm zusammenzuarbeiten– und entschuldige mich dafür. Ich hatte aber klare Kriterien: Die Muslimbrüder hätten sich deutlich den Zielen und Werten der Revolution verschreiben müssen. Ich dachte, dass sie in der Lage seien, als Vermittler zu fungieren. Stattdessen haben sie ihr Projekt »Regieren auf Lebenszeit« gestartet. Nun bin ich klüger: Mit Mohammed Mursi und seinen Leuten kann man keine Koalition bilden. Ausgeschlossen.

ZEIT: Immerhin hat Mursi sich bereit erklärt, auf die besonderen Vollmachten zu verzichten, die er sich selbst per Dekret verliehen hatte. Er hat Sie sogar zum nationalen Dialog in den Präsidentenpalast eingeladen.

Al-Aswani: Gruppenbild mit Mursi, mehr nicht. Es geht ihm darum, sich mit ein paar Oppositionellen zu schmücken, um sein Projekt voranzutreiben – da mache ich nicht mit. Wir müssen diese Art Dialog boykottieren, auch das geplante Referendum, das ohnehin illegal ist. Nach Mursis Wahl habe ich ihm ganz klar gesagt, dass er nur tragbar ist, wenn er sich ausschließlich der Revolution und nicht etwa seinen Muslimbrüdern verpflichtet fühlt. Er hat sich Notizen gemacht, genickt, gelächelt und beteuert, dass ich recht habe. Nun präsentiert er einen Verfassungsentwurf, der nicht für das ägyptische Volk, sondern für die Bruderschaft geschrieben ist. Da machen wir kategorisch nicht mit, mehr habe ich diesem Pharao nicht mitzuteilen.

ZEIT: Was stimmt nicht am Entwurf?

Al-Aswani: Diese Verfassung möchte aus Ägypten ein neues Afghanistan, ein Saudi-Arabien machen. Wer sich am Referendum beteiligt, erzeugt nur Legitimation, wo keine ist – auch wenn man mit Nein stimmt.

ZEIT: Da drängt sich wieder die Frage auf, ob der Islam mit dem modernen Konzept der Demokratie überhaupt vereinbar ist.

Al-Aswani: Natürlich ist er das. Wir in Ägypten leben einen toleranten Islam, bei uns kann jeder so sein, wie er möchte. Deswegen wollen die Ägypter, dass diese Toleranz in der Verfassung verankert wird. Nach dem jetzigen Entwurf dürften Kopten keinen Alkohol trinken, Frauen wären nur halb so viel wert wie Männer, und Schiiten – von denen es zwar nur wenige in Ägypten gibt – würden als vom Glauben Abgefallene gelten, die den Tod verdienen. Der Salafismus und der Wahabismus wie in Saudi-Arabien sind es, die nicht mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sind.

ZEIT: Demnach ist zumindest die derzeitige politische Führung der Muslimbruderschaft nicht demokratiefähig.

Al-Aswani: Man muss erst mal verstehen, dass die Muslimbruderschaft nach ägyptischem Recht eine illegale und kriminelle Vereinigung ist. Sie hat keine ordentliche Rechtsform und wird hauptsächlich vom Ausland finanziert. Mursi ist nicht der entscheidende Mann hinter dieser Verfassung, aber da gibt es Menschen innerhalb der Bruderschaft, die Großes vorhaben. Mursi fungiert nur als Pressesprecher vor den Kameras. Bis vor Kurzem lebten die Muslimbrüder noch im Untergrund, nun sind sie an die Oberfläche gekommen und haben sich strikt machtorientiert, von oben nach unten, organisiert. Sie schwören beim Koran, ihre internen Führer, komme was wolle, bedingungslos zu unterstützen.

 "Da ist viel Manipulation im Spiel"

ZEIT: Wer oder was könnte die Muslimbrüder aufhalten?

Al-Aswani: Nur das Militär könnte die Bruderschaft stoppen. Aber die Generäle suchen den Schulterschluss mit ihnen, weil sie fest daran glauben, dass ihre Privilegien mit den Islamisten eher Bestand haben werden. Militär und Muslimbruderschaft sind jetzt Geschäftspartner. Die Revolution wird aber nicht zulassen, dass unser Land schon wieder aufgeteilt wird.

ZEIT: Sind die Proteste Teil eines politischen, ja vielleicht sogar des demokratischen Spiels – oder eine dritte Welle der Revolution?

Al-Aswani: Sie sind eindeutig die Fortsetzung der Revolution, die seit Anfang des Jahres ununterbrochen andauert. Die Gegenseite aber nimmt sogar einen Bürgerkrieg in Kauf.

ZEIT: Die Gegenseite ist immerhin demokratisch gewählt.

Al-Aswani: Da ist viel Manipulation im Spiel. Sie kaufen die Armen mit Milliarden von Petrodollar vom Persischen Golf. Sie gehen mit Essenspaketen in die Slums und erzählen den armen Analphabeten, dass sie entweder für die Muslimbrüder und mit Ja beim Verfassungsreferendum stimmen sollen oder in die Hölle fahren werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind arm, können nicht lesen, Sie sind fromm und glauben an Gott, und dann kommt jemand und erzählt Ihnen etwas von Himmel oder Hölle! Die Demokratisierung kann nicht über Nacht geschehen, schon gar nicht in einer sechsmonatigen Präsidentschaft, mit einer faschistischen Verfassung als Ergebnis. Wir brauchen mehr Zeit, um alle Menschen in Ägypten mitnehmen zu können, um unsere Positionen und Bedenken zu erklären.

ZEIT: Sie persönlich erklären und erklären und erklären auf allen Kanälen – im Internet, in unzähligen Fernsehinterviews und in Ihrer Zeitungskolumne. Bekommen Sie auf Twitter und Facebook auch ein Echo von Muslimbrüdern?

Al-Aswani: Ich werde grob beschimpft – als Amerikaner, Alkoholiker, Atheist –, finde es aber meist ganz lustig. Es zeigt, dass die Brüder und ihre Söhne nicht wissen, was sie tun. Wir, das ägyptische Volk, haben einen der mächtigsten Herrscher der Welt vom Thron gestoßen und hinter Gitter gebracht. Wenn wir mit Mubarak fertig geworden sind, werden wir mit einem bärtigen Mubarak ohne Charisma auch fertig.

ZEIT: Dieser Kampf dauert jetzt schon zwei Jahre. Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach Ruhe? Nach Stabilität?

Al-Aswani: Wissen Sie, immer wenn ich Kraft brauche, denke ich an den 28. Januar 2011. Jeder Ägypter hat einen Augenblick während der Revolution, aus dem er seine Kraft schöpft. Meinen habe ich am 28. Januar erlebt. Ich war auf dem Tahrirplatz, wir haben demonstriert. Ein, zwei Meter von mir entfernt haben Scharfschützen einen jungen Ägypter direkt in den Kopf getroffen, er fiel zu Boden, vor meinen Füßen (hält mit Mühe seine Tränen zurück). Dieser junge Märtyrer ist nicht umsonst gestorben!

ZEIT: Was haben Sie sich für die nächste Zeit in Kairo vorgenommen?

Al-Aswani: Im Verfassungsentwurf steht, dass jede Beleidigung des Präsidenten unter Geld- und Gefängnisstrafe steht. Ich habe Mursi nun schon mehrmals als unfähig bezeichnet.

Die Fragen stellte Mohamed Amjahid