ZEIT: Wer oder was könnte die Muslimbrüder aufhalten?

Al-Aswani: Nur das Militär könnte die Bruderschaft stoppen. Aber die Generäle suchen den Schulterschluss mit ihnen, weil sie fest daran glauben, dass ihre Privilegien mit den Islamisten eher Bestand haben werden. Militär und Muslimbruderschaft sind jetzt Geschäftspartner. Die Revolution wird aber nicht zulassen, dass unser Land schon wieder aufgeteilt wird.

ZEIT: Sind die Proteste Teil eines politischen, ja vielleicht sogar des demokratischen Spiels – oder eine dritte Welle der Revolution?

Al-Aswani: Sie sind eindeutig die Fortsetzung der Revolution, die seit Anfang des Jahres ununterbrochen andauert. Die Gegenseite aber nimmt sogar einen Bürgerkrieg in Kauf.

ZEIT: Die Gegenseite ist immerhin demokratisch gewählt.

Al-Aswani: Da ist viel Manipulation im Spiel. Sie kaufen die Armen mit Milliarden von Petrodollar vom Persischen Golf. Sie gehen mit Essenspaketen in die Slums und erzählen den armen Analphabeten, dass sie entweder für die Muslimbrüder und mit Ja beim Verfassungsreferendum stimmen sollen oder in die Hölle fahren werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind arm, können nicht lesen, Sie sind fromm und glauben an Gott, und dann kommt jemand und erzählt Ihnen etwas von Himmel oder Hölle! Die Demokratisierung kann nicht über Nacht geschehen, schon gar nicht in einer sechsmonatigen Präsidentschaft, mit einer faschistischen Verfassung als Ergebnis. Wir brauchen mehr Zeit, um alle Menschen in Ägypten mitnehmen zu können, um unsere Positionen und Bedenken zu erklären.

ZEIT: Sie persönlich erklären und erklären und erklären auf allen Kanälen – im Internet, in unzähligen Fernsehinterviews und in Ihrer Zeitungskolumne. Bekommen Sie auf Twitter und Facebook auch ein Echo von Muslimbrüdern?

Al-Aswani: Ich werde grob beschimpft – als Amerikaner, Alkoholiker, Atheist –, finde es aber meist ganz lustig. Es zeigt, dass die Brüder und ihre Söhne nicht wissen, was sie tun. Wir, das ägyptische Volk, haben einen der mächtigsten Herrscher der Welt vom Thron gestoßen und hinter Gitter gebracht. Wenn wir mit Mubarak fertig geworden sind, werden wir mit einem bärtigen Mubarak ohne Charisma auch fertig.

ZEIT: Dieser Kampf dauert jetzt schon zwei Jahre. Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach Ruhe? Nach Stabilität?

Al-Aswani: Wissen Sie, immer wenn ich Kraft brauche, denke ich an den 28. Januar 2011. Jeder Ägypter hat einen Augenblick während der Revolution, aus dem er seine Kraft schöpft. Meinen habe ich am 28. Januar erlebt. Ich war auf dem Tahrirplatz, wir haben demonstriert. Ein, zwei Meter von mir entfernt haben Scharfschützen einen jungen Ägypter direkt in den Kopf getroffen, er fiel zu Boden, vor meinen Füßen (hält mit Mühe seine Tränen zurück). Dieser junge Märtyrer ist nicht umsonst gestorben!

ZEIT: Was haben Sie sich für die nächste Zeit in Kairo vorgenommen?

Al-Aswani: Im Verfassungsentwurf steht, dass jede Beleidigung des Präsidenten unter Geld- und Gefängnisstrafe steht. Ich habe Mursi nun schon mehrmals als unfähig bezeichnet.

Die Fragen stellte Mohamed Amjahid