Ägypten "Faschistische Verfassung"

Der ägyptische Autor Alaa al-Aswani attackiert den Machthunger der Muslimbrüder und ihres Präsidenten. von 

Präsidentenpalast in Kairo

Panzer vor dem Präsidentenpalast in Kairo, 15. Dezember 2012  |  © REUTERS/Khaled Abdullah

Nikotin und einen Laptop – mehr braucht Alaa al-Aswani nicht, um seinen Tag zu überstehen. Der ägyptische Schriftsteller ist zugleich ein prominenter Publizist – seine Kolumnen waren eine glänzende Chronik der Revolution. Bei Stuttgart nahm der Autor in der vergangenen Woche einen Preis für die Verteidigung der Meinungsfreiheit entgegen. Danach ging es zurück nach Kairo.

DIE ZEIT: Herr al-Aswani, nach der Präsidentschaftswahl im Frühjahr haben Sie alle liberalen Kräfte aufgerufen, eine revolutionäre Koalition um Mohammed Mursi zu bilden.

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Alaa al-Aswani: Ich wollte ihm eine Chance geben. Mir ist dabei ganz wichtig zu sagen, dass ich ihn nicht bei seiner Wahlkampagne unterstützt habe. Ich habe Mursi erst nach der Schließung der Wahllokale zum ersten Mal getroffen. Entscheidend erschien mir damals, dass Ahmed Schafik, der Mann des alten Regimes, nicht an die Macht kommt. Nun haben wir einen Mubarak mit Bart bekommen. Auch nicht besser.

ZEIT: Sie gelten in Ägypten und international als liberale Galionsfigur. Sie haben tatsächlich einmal an Mursi geglaubt?

Al-Aswani: Das stimmt, ich habe zwei Mal dazu aufgerufen, in einer Koalition mit ihm zusammenzuarbeiten– und entschuldige mich dafür. Ich hatte aber klare Kriterien: Die Muslimbrüder hätten sich deutlich den Zielen und Werten der Revolution verschreiben müssen. Ich dachte, dass sie in der Lage seien, als Vermittler zu fungieren. Stattdessen haben sie ihr Projekt »Regieren auf Lebenszeit« gestartet. Nun bin ich klüger: Mit Mohammed Mursi und seinen Leuten kann man keine Koalition bilden. Ausgeschlossen.

ZEIT: Immerhin hat Mursi sich bereit erklärt, auf die besonderen Vollmachten zu verzichten, die er sich selbst per Dekret verliehen hatte. Er hat Sie sogar zum nationalen Dialog in den Präsidentenpalast eingeladen.

Al-Aswani: Gruppenbild mit Mursi, mehr nicht. Es geht ihm darum, sich mit ein paar Oppositionellen zu schmücken, um sein Projekt voranzutreiben – da mache ich nicht mit. Wir müssen diese Art Dialog boykottieren, auch das geplante Referendum, das ohnehin illegal ist. Nach Mursis Wahl habe ich ihm ganz klar gesagt, dass er nur tragbar ist, wenn er sich ausschließlich der Revolution und nicht etwa seinen Muslimbrüdern verpflichtet fühlt. Er hat sich Notizen gemacht, genickt, gelächelt und beteuert, dass ich recht habe. Nun präsentiert er einen Verfassungsentwurf, der nicht für das ägyptische Volk, sondern für die Bruderschaft geschrieben ist. Da machen wir kategorisch nicht mit, mehr habe ich diesem Pharao nicht mitzuteilen.

ZEIT: Was stimmt nicht am Entwurf?

Al-Aswani: Diese Verfassung möchte aus Ägypten ein neues Afghanistan, ein Saudi-Arabien machen. Wer sich am Referendum beteiligt, erzeugt nur Legitimation, wo keine ist – auch wenn man mit Nein stimmt.

ZEIT: Da drängt sich wieder die Frage auf, ob der Islam mit dem modernen Konzept der Demokratie überhaupt vereinbar ist.

Al-Aswani: Natürlich ist er das. Wir in Ägypten leben einen toleranten Islam, bei uns kann jeder so sein, wie er möchte. Deswegen wollen die Ägypter, dass diese Toleranz in der Verfassung verankert wird. Nach dem jetzigen Entwurf dürften Kopten keinen Alkohol trinken, Frauen wären nur halb so viel wert wie Männer, und Schiiten – von denen es zwar nur wenige in Ägypten gibt – würden als vom Glauben Abgefallene gelten, die den Tod verdienen. Der Salafismus und der Wahabismus wie in Saudi-Arabien sind es, die nicht mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sind.

ZEIT: Demnach ist zumindest die derzeitige politische Führung der Muslimbruderschaft nicht demokratiefähig.

Al-Aswani: Man muss erst mal verstehen, dass die Muslimbruderschaft nach ägyptischem Recht eine illegale und kriminelle Vereinigung ist. Sie hat keine ordentliche Rechtsform und wird hauptsächlich vom Ausland finanziert. Mursi ist nicht der entscheidende Mann hinter dieser Verfassung, aber da gibt es Menschen innerhalb der Bruderschaft, die Großes vorhaben. Mursi fungiert nur als Pressesprecher vor den Kameras. Bis vor Kurzem lebten die Muslimbrüder noch im Untergrund, nun sind sie an die Oberfläche gekommen und haben sich strikt machtorientiert, von oben nach unten, organisiert. Sie schwören beim Koran, ihre internen Führer, komme was wolle, bedingungslos zu unterstützen.

Leserkommentare
    • trabbi
    • 20. Dezember 2012 14:05 Uhr

    OK, dass es auch beim Faschismus unterschiedliche Ausprägungen gibt, sei unbestritten. Jedoch jede Diktatur als Faschismus zu bezeichnen, schon das entwertet den Begriff, ja macht ihn überflüssig.

    In Ägypten kann man vielleicht zur Zeit von einer Diktatur sprechen, liegt doch, erzwungen von dem dortigen Verfassungsgericht, Exekutive und Legislative in einer Hand. Eben das will der Diktator wider Willen gerade ändern und muss sich dazu der Auseinandersetzung mit dem Verfassungsgericht stellen.

    Ist es denn nicht durchaus nachvollziehbar, dass andere Völker zahlreiche Erscheinungen in unseren Demokratien vermeiden und daher die Bindung zu moralischen Bezüge, auf denen alle staatliche Gewalt aufbauen soll, enger ausgestaltet wissen wollen. Wenn man das gleich als Faschismus bezeichnet, wie soll dann erst ein Staat genannt werden, indem zwischen Volkszugehörigkeit mit mehr und bloßer Staatsangehörigkeit mit minderen Rechten unterschieden wird? Etwa als die einzige Demokratie im Nahost? Allein die Tatsache, dass in Ägypten über diese Fragen jetzt öffentlich gestritten werden kann, spricht nicht für Diktatur. Bleibt zu hoffen, dass das möglichst bald auch und vor allem in einem Parlament stattfindet. Nebenbei: Auch bei uns ist öffentliche Randale mit Brandstiftung und Mord und Totschlag nicht akzeptiert.

    • krister
    • 20. Dezember 2012 20:42 Uhr

    4." Gibt es hier im Westen überhaupt fundiertes Wissen über die Gemütslage der muslimischen dominierten Völker ?"

    Wissen Sie,Sie brauchen sich nur die Länder anzuschauen,in denen die Mehrheit der Menschen Muslime sind.Und dann würde ich mir noch anschauen wie in diesen Ländern die einzelnen Muslimischen Gruppen(Sunniten,Schiiten,Salafisten,Talibane etc etc)punkt 1 miteinander umgehen und Punkt 2 mit Andersgläubigen umgehen.

  1. Im Islam werden die Koranstellen ''dekontextualisiert'' ausgelegt, ebenso das Vorbild Mohammeds in der Sunna (der Sunniten).
    In der Anfangszeit gab es natürlich viel Streit darum, wann Aussagen universal und wann sie partikulär aufzufassen seien. Wenn Mohammed entschied, dass einer Diebin die Hand abzuschneiden sei, galt das nur dieser Person unter den gegebenen Umständen, oder allgemein? Durchgesetzt hat sich schnell die universale Auslegung. Es gilt ja auch das Prinzip der wörtlichen Auslegung, von der nur bei Vorliegen von starken Indizien, dass die Aussage nicht wörtlich gemeint ist, abgewichen werden kann.
    Als Beispiel sei das Verhältnis zu den ''Ungläubigen'' genannt.
    Die koranischen Offenbarungen ändern sich tatsächlich inhaltlich im Laufe der Zeit in Abhängigkeit von den Umständen. In der Mekkanischen - ersten - Phase, in der Mohammeds Anhänger ein kleines Häuflein waren, das keine gewalttätigen Konflikte mit den ''ungläubigen' Stammesgenossen riskieren konnte, waren seine Offenbarungen meistens auf Vermeidung von Auseinandersetzungen gerichtet. Seine Gefährten sollten sich nur verteidigen.

    Antwort auf "Koran"
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    Nach dem Auszug nach Medina und der Bekehrung der dortigen Bewohner wurde seine Politik zusehends agressiver und die Offenbarungen rufen von da an unisono zum Kampf gegen die ''Ungläubigen'' von Mekka auf. Was gilt nun, die mekkanischen Koranstellen, die Mäßigung gebieten, oder die medinesischen, die zahlreich den Kampf bzw. den Dschihad - ''Anstrengung'' - gegen die Ungläubigen gebieten? Gemäß einer Auslegungsregel abrogiert - ''tilgt'' die zeitlich spätere Offenbarung die frühere soweit inhaltliche Widersprüche bestehen. Das ist plausibel, beruht aber konkret auf zwei Koranstellen. Somit abrogieren die medinesischen Suren inhaltlich widersprechende mekkanische Verse. Darauf beruht das Gebot des Kampfes gegen die Ungläubigen. Worauf ist dieser Kampf nun gerichtet, auf Zwangsbekehrung oder bloß Unterwerfung. Der ''Schwertvers'' 9, 5 eröffnet den Ungläubigen nur die Alternative Tod oder Bekehrung. Der vorrangige weil als später angesehene Vers 9,29 gebietet, die ''Völker der Schrift'', z,B Juden und Christen, zu bekämpfen, bis sie ''Tribut geben in Erniedrigung''. fast alle unterworfenen ''Ungläubigen'' wurden gemäß 9, 29 behandelt. In der klassischen Formulierung: ''Die Ungläubigen können wählen zwischen Annahme des Islams, dem Zahlen der Kopfsteuer, oder dem Tod durch das Schwert''!

  2. Nach dem Auszug nach Medina und der Bekehrung der dortigen Bewohner wurde seine Politik zusehends agressiver und die Offenbarungen rufen von da an unisono zum Kampf gegen die ''Ungläubigen'' von Mekka auf. Was gilt nun, die mekkanischen Koranstellen, die Mäßigung gebieten, oder die medinesischen, die zahlreich den Kampf bzw. den Dschihad - ''Anstrengung'' - gegen die Ungläubigen gebieten? Gemäß einer Auslegungsregel abrogiert - ''tilgt'' die zeitlich spätere Offenbarung die frühere soweit inhaltliche Widersprüche bestehen. Das ist plausibel, beruht aber konkret auf zwei Koranstellen. Somit abrogieren die medinesischen Suren inhaltlich widersprechende mekkanische Verse. Darauf beruht das Gebot des Kampfes gegen die Ungläubigen. Worauf ist dieser Kampf nun gerichtet, auf Zwangsbekehrung oder bloß Unterwerfung. Der ''Schwertvers'' 9, 5 eröffnet den Ungläubigen nur die Alternative Tod oder Bekehrung. Der vorrangige weil als später angesehene Vers 9,29 gebietet, die ''Völker der Schrift'', z,B Juden und Christen, zu bekämpfen, bis sie ''Tribut geben in Erniedrigung''. fast alle unterworfenen ''Ungläubigen'' wurden gemäß 9, 29 behandelt. In der klassischen Formulierung: ''Die Ungläubigen können wählen zwischen Annahme des Islams, dem Zahlen der Kopfsteuer, oder dem Tod durch das Schwert''!

    Antwort auf "Dschihad"
  3. Ich finde es auch arg, dass Aswani je meinte, sich hinter Mursi stellen zu müssen, aber man sollte daraus nicht schließen, dass er die intellektuelle Elite repräsentiere. Im Gegenteil! Der Großteil der Liberalen ist von Anfang an Sturm gelaufen, Aswani nicht.
    Noch eins ist mir aber wichtig zu sagen: In Ägypten gab es von vornherein keinen Idealismus, als Mursi ins Amt kam und dann das Verfassungstheater anfing. Im Westen hingegen schon, hier wurde ständig in der Presse von "moderaten Islamisten" und Demokratie gefaselt, wohingegen jeder Ägypter weiß, dass weder das eine noch das andere auf die Bruderschaft zutrifft. Auch unterstützt die US-Regierung die Bruderschaft finanziell, obwohl genug Oppositionelle die Bruderschaft ihnen erklärte, und eine CNN-Moderatorin hat el-Baradei im Interview äußerst hart angegriffen, dass sie bloß das Land spalteten. Die New Yorker Polizei verhaftete Oppositionelle, die vor einem Vortrag des Bruderschaftsvizen in Brooklyn anlässlich des Referendums protestierten (siehe TheLede, NYTimes Blog). Sorry, der Westen mischt sich durchaus ein, aber auf für Ägypter nicht nachvollziehbare Weise, und DAHER weht der Wind, wenn es heiß: "HALTET EUCH ENDLICH RAUS!" Ein interessanter Artikel, der das ägyptische Unverständnis ausdrückt, ist hier: http://english.ahram.org....
    Ich verstehe wirklich nicht, wieso Europa und die USA die Bruderschaft je unterstützt haben!

    Antwort auf "Umso schlimmer,"
  4. 54. Links

    Wer Ausländerfeindlich ist und das recht des Individuums Mensch nicht respektiert ist alles, aber nicht links. Naürlich kann man alels mögliche mit links und recht bezeichnen. Was ich darunter verstehe habe ich dargelegt und auch warum ich das so sehe, denn wir sehen ja die Tradition in der Parteien wie die CDU stehen. Eine Tradition in der es nichts ausmacht Nazionalosozialisten nach dem Krieg in wichtige Ämter zu befördern und in denen bis heute POLITIK gemacht wird, die Minderheitenrechte beschränken soll und sich negativ auf Benachteiligte, Ausländer, Homosexuelle, Arme und so weiter auswirkt. Die Politik der Union ist die Politik für die Elite. Leider sehen das ihre Wähler nicht, weil sie kaum die tatsächliche Politik in den Parlamenten nachvollziehen. Vielen recht schon das "C" im Namen, und interessieren sich nicht dafür, dass Merkel und Co. Menschenrechte missachten und ihren Pflichten als demokratische Regierung nicht vernünftig nachgehen. Das sehen wir ja n der Mietrechtsänderung. Alle Gesetze diser Regierung waren entweder verlogene Werbung oder offensichtlich zum nachteil von Minderheiten und Benachteiligten. Egal ob Kinder, Frauen, Arbeitslose oder Tiere.

    Antwort auf "Linke Konservative"
  5. Herr Al-Aswani - und sein Interviewer - scheint wie der gesamte westlich orientierte Teil der ägyptischen Intelligenz und wie das Gros der westlichen Journalisten und Politiker ( man denke nur an eine ZDF-Moderatorin, die mit stets
    glänzenden, fast verzückten Augen mit Blick auf den Tahrir-Platz und dessen in Londoner und New Yorker Studentenbuden sitzenden "Aktivisten" von
    der "ersten Facebook-Revolution der Geschichte"
    schwärmte !!) nicht zu begreifen, dass das Volk
    Ägyptens nicht die gut bürgerlichen Studenten
    und jungen Intellektuellen Kairos sind, sondern
    mehr als 60 Millionen Fellahin in den Dörfern
    und kleinen Städten des Landes ! Er sollte mehr
    im eigenen Land unterwegs sein und mit den
    Menschen des eigenen Volkes sprechen, als dem
    "Demokratie"-Geschwafel aus Amerika und dem Westen Europas zuzuhören : Echte Demokratie muss im Volk entstehen und nicht von der BBC oder CNN verkündet werden !
    Uns aber kann man nur wünschen, dass es in den deutschen Medien eines Tages auch wieder einen
    Analytiker vom Schlage Scholl-Latour und nicht
    nur oberflächliche Plaudertaschen gibt, die die
    Illusion von einer Welt genau nach den Maßen
    des Westens verbreiten (für die Weltpolitik kann man ja inzwischen hoffen, dass Kerry eine andere Nahost-Politik angeht als seine etwas
    dümmliche Vorgängerin !)

  6. zwischen dem politischen Islam und einer faschistischen Politik ist mir auch nicht klar. Insofern ist dem Interviewten Recht zu geben.

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