Astronaut Gene CernanUnter ihm die Erde

Gene Cernan verließ vor 40 Jahren als letzter Mensch den Mond. Heute fragt er sich, ob er alles nur geträumt hat. von Peter Sartorius

Gene Cernan am 11. Dezember 1972 im Mond-Rover

Gene Cernan am 11. Dezember 1972 im Mond-Rover  |  Public Domain/Nasa

Ein Albtraum wie in Edgar Allan Poes Fieberfantasien. In einer Raupenhülle torkelt ein Mann durch eine lebensfeindliche Welt. Er ist schweißüberströmt und stößt heißen Atem aus, der zusammen mit der Körperausdünstung das Visier seines Helms von innen beschlägt und ihn blind macht. Er weiß, dass in unmittelbarer Nähe ein Stück Stahl, gezackt wie ein Sägeblatt, seinem Leben abrupt ein Ende machen kann. Sein Herz rast. 180 Schläge und mehr. Er ist tödlich erschöpft. Wenn er sich jetzt fallen ließe, hinein in die Leere, ins Nichts – es wäre eine Erlösung. Aber er findet wieder inneren Halt. Und stürzt in einen neuen Albtraum. Er will sich in eine Metallkapsel zwängen, die ihm Sicherheit böte, wenn er es nur schaffte, den Deckelverschluss zu schließen. Doch wie sehr er sich auch verrenkt, sein Kopf ragt noch immer aus der Öffnung. Von den Beinen aufwärts schnellt stechender Schmerz durch den Körper. Der Mann kann jetzt kaum noch atmen. Sein Gesicht läuft violettrot an. Der Kopf droht zu platzen.

Beinahe ein halbes Jahrhundert später versucht derselbe Mann in einem Büro unweit des Lyndon B. Johnson Space Center in Houston, Texas mir begreiflich zu machen, wie das war, als er in der Raupenhülle steckte. Ich kenne ihn von früher, als er sein Haar noch militärisch kurz trug. Heute lässt er es länger wachsen. Aber es ist schlohweiß geworden. 78 Jahre ist der Mann jetzt alt, doch immer noch gelenkig genug, seine Beine unter und hinter die Sitzfläche seines Stuhles zu strecken, gleichzeitig, mehr liegend als sitzend, das Rückgrat durchzudrücken und den Körper nach Art eines karibischen Limbotänzers zu verbiegen – so wie damals, als es ihm mit letzter Kraft schließlich doch noch gelungen war, die Kapsel zu verriegeln. Die Gefahr besteht, dass sein Kopf wieder anschwillt.

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Spontaner Gedanke: Wie viel Zeit muss vergehen, bis auf einen durchlebten Albtraum die Erfüllung eines großen Traumes folgen kann? Im Falle des Astronauten Eugene Cernan kommt man auf sechs Jahre, sechs Monate und sechs Tage.

Der Albtraum – das war Anfang Juni 1966, als die Supermächte USA und Sowjetunion um die Vormachtstellung im Weltraum rangen und Amerika in einem nationalen Kraftakt den Vorstoß zum Mond vorantrieb. Man war im Plan mit dem Apollo-Programm, aber, natürlich, noch immer erst auf einer Erdumlaufbahn. Cernan war Kopilot des Commanders Tom Stafford und stieg für ein Außenbordmanöver aus der zweisitzigen Gemini-Kapsel aus. Sein Landsmann Ed White und zuvor schon, als erster Mensch überhaupt, der Russe Alexej Leonow hatten ihm das vorgemacht. Aber anders als sie sollte Cernan nicht mehr nur die Machbarkeit des Außenaufenthalts in der Schwerelosigkeit demonstrieren, sondern auch herausfinden, inwieweit es möglich war, dort draußen Montagearbeiten zu verrichten. Es gab keine Erfahrungswerte. Deshalb wurde das, was man euphemistisch einen Weltraumspaziergang nennt, für ihn zum Höllenritt.

Gene Cernan im Oktober 2010

Gene Cernan im Oktober 2010  |  Public Domain/US Navy

Er selbst hat es mit solchen Worten beschrieben: a spacewalk from hell. Und jetzt, wieder in bequemer Sitzposition, setzt er eine Bemerkung hinzu, die einem auch heute noch den Atem nimmt.

»Ich wusste, dass ich in Schwierigkeiten war«, sagt er. »Wäre die Funkverbindung zum Raumschiff besser gewesen – denkbar, dass ich Stafford gebeten hätte: Tom, cut me loose!« Schneid mich ab!

Hat am Ende also lediglich ein technisches Problem Cernan daran gehindert, Stafford aufzufordern, den Verbindungsschlauch zum Raumschiff zu kappen, an dem sein Leben hing? Die Frage ist hypothetisch. Gleichwohl, bei Mission Control in Houston war man auf den Fall vorbereitet, dass Cernan nicht mehr in die Kapsel würde zurückkehren können. Cernan wusste es. Ihm war nicht entgangen, dass Deke Slayton, der Chef der Astronauten, den sie den Godfather nannten, vor dem Start Stafford beiseitegenommen hatte, um mit ihm unter vier Augen noch ein Letztes zu besprechen. Cernan war sich klar darüber, dass es um ihn ging, um sein Leben, um das Worst-Case-Szenario.

Cernan wird später auf seinen Durchhaltewillen eingehen. Aber das eigentliche Thema ist es nicht. Der Traum ist es oder, genauer: das, was Cernan heute wie ein Traum vorkommt.

Vor vierzig Jahren, im Dezember 1972, sechs Jahre, sechs Monate und sechs Tage nach dem Ausstieg aus der Gemini-Kapsel, betrat Cernan den Mond, und alles, was vorher war, spielte keine Rolle mehr, nicht in diesem großen Moment.

»Sie werden das nicht nachempfinden können«, sagt Cernan. »Keiner kann es. Drei Tage lang habe ich dort oben gelebt, aber manchmal frage ich mich – bin wirklich ich es gewesen, der das war?«

Leserkommentare
  1. ...über einen meiner persönlichen Helden.

    Danke dafür.

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