Astronaut Gene CernanUnter ihm die Erde
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Ein mächtiges Schlusswort

Captain Gene Cernan salutiert 1972 vor der US-Flagge.

Captain Gene Cernan salutiert 1972 vor der US-Flagge.  |  Public Domain/Nasa

Natürlich war er dort oben, wie zehn andere vor ihm. Er und der Geologe Harrison Schmitt, genannt Dr. Rock, machten das Dutzend voll. Doch danach war Schluss. Und das ist es, was Cernans Mondaufenthalt zum besonderen Datum macht, zum Kontrapunkt der ersten Mondlandung im Jahr 1969, als Neil Armstrong seinen kleinen Schritt und die Menschheit ihren großen Sprung tat. Armstrong hatte auf dem Mond das erste, Cernan aber das letzte Wort.

Bevor er, nach Dr. Rock, als letzter Erdenmensch im Mondstaub die Leiter zur Raumfähre hinaufzuklettern begann, hatte er noch einmal einen Blick auf die im All schwimmende Erde geworfen. Ein Gefühl der Überheblichkeit hatte ihn übermannt, wie er in seinen Erinnerungen zugibt. Als Auserwählter war er sich plötzlich vorgekommen. Und so fühlte er sich berufen, ein Wort für die Ewigkeit zu sprechen.

»Jetzt, da wir den Mond verlassen«, hatte er ausgerufen, »gehen wir so, wie wir kamen und wie wir, so Gott will, wiederkommen werden – in Frieden und voll Hoffnung für die ganze Menschheit.« Und dann hatte er noch, auf der Leiter stehend, hinzugefügt, er wolle zu Protokoll geben, dass Amerikas Herausforderung von heute bereits das Schicksal der Menschheit von morgen geprägt habe.

Es musste vieles zusammenkommen, bis Cernan ein so mächtiges Schlusswort sprechen konnte. Klar, die Männer, die damals in eine unberührte Welt außerhalb der Erdatmosphäre vordrangen, mussten eine hohe Qualifikation als Flieger mitbringen, weshalb die meisten von ihnen Testpiloten für superschnelle Militärjets waren. Aber anderes kam bei Captain Cernan hinzu, auch Glück – das Glück des Tüchtigen und dazu das schiere Glück, das einer am Spieltisch haben muss, wenn er alles auf eine Karte setzt. Und außerdem: War es nicht so, dass sich überhaupt erst durch ein tragisches Ereignis für ihn die Tür zum Weltraum öffnete?

Deshalb also jetzt mein Besuch bei ihm im Büro eines seiner Freunde aus vergangenen Mondflugtagen – gewiss aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums, aber auch aus Neugierde, einen Mann wiederzutreffen, dessen Lebensweg sich kein Drehbuchschreiber filmgerechter ausdenken könnte.

Ein Film über dieses Leben würde in den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beginnen, als am Rand von Chicago ein aufs Fliegen versessener Junge aufwuchs, den sie Gene oder Geno riefen. Die Highschool verließ er als einer der 20 Besten unter mehr als 700 Mitschülern. Er verpflichtete sich für die Navy, schloss ein vierjähriges Grundstudium an der für ihre technische Forschung gerühmten Universität Purdue mit Bestnoten ab, wurde danach als Kampfpilot ausgebildet und machte schließlich an der Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey seinen Master in Luftfahrttechnik. Und gerade als er damit fertig war, rief auch schon Commander Shepard bei ihm an. Das war 1963, zwei Jahre nachdem Alan B. Shepard als erster Amerikaner auf einem Parabelflug über die Stratosphäre hinaus den Weltraum gestreift und dem jungen Präsidenten John F. Kennedy Anlass gegeben hatte, die Landung auf dem Mond als nationales Ziel anzukündigen.

Der Anrufer war nicht dieser berühmte Al Shepard, sondern ein anderer Shepard, einer, der in Washington mit Sonderprojekten der Navy beschäftigt war. Er fragte an, ob Cernan sich als Freiwilliger für ein Auswahlverfahren melden wollte.

Misstrauische Gegenfrage: »Wofür genau, Sir?»

»Für das Apollo-Programm.«

Pause.

Dann war es aus Cernan herausgebrochen wie aus einem Vulkan. »Well, yes Sir! Not only that, Sir, but, hell, yes Sir.«

So hatte alles angefangen. Und so ist es nachzulesen in der Autobiografie, die Cernan mit der Hilfe des Journalisten Don Davis geschrieben hat und die sich wie ein Thriller liest oder, eben, wie ein Skript für Hollywood. Einer seiner Bekannten, sagt Cernan, habe ihm gestanden, wie sehr er bei der Lektüre um sein, Cernans, Leben gebangt habe, obwohl er doch wusste, dass alles gut ausgegangen war bei diesem spacewalk from hell.

Da ist das Stichwort wieder. Der Höllenritt.

Was genau war da geschehen im Orbit, fast 300 Kilometer über dem Erdboden? Verkürzt gesagt, Folgendes: Cernan sollte nach dem Ausstieg einen Kasten mit Gestänge, Gurten, Hebeln, Schaltern, Ventilen bergen und auf den Rücken schnallen, einen unförmigen Tornister, der ihn mit allem versorgen sollte, was er zum Manövrieren im All benötigte. Aber nichts konnte wie geplant zu Ende geführt werden. Versuch mal, Druck auf etwas auszuüben, ohne selber festen Halt zu haben! Isaac Newtons 3. mechanisches Gesetz von Kraft und Gegenkraft. Alles, was du erreichst, ist, dass du dich um dich selbst drehst! Am Ende taumelte Cernan an der Bordwand der Raumkapsel entlang, mit rasendem Puls. Dazu die Blindheit. Und die Kenntnis, dass ein scharfkantiges, abstehendes Metallteil der Kapsel seine Raupenhülle aufschlitzen oder die Nabelschnur zerfetzen konnte. Cernan war nahe daran, sich fallen zu lassen.

Und warum, Captain, haben Sie sich dann trotzdem zurückgetastet – ins Raumschiff und ins Leben?

Cernan ist stolz auf seine militärische Vergangenheit. Als jüngster Offizier der Navy war er einst zum Captain befördert worden, und auch heute noch steckt in ihm viel von einem pflichterfüllten, patriotischen Offizier.

»Beim spacewalk«, sagt er, »ging es nicht um Leben oder Tod, es ging um Erfolg oder Fehlschlag, ausschließlich darum.«

Cernan konnte den Gedanken nicht ertragen, dass seine Mission mit einer Katastrophe enden sollte. Dass das nationale Programm durch sein eigenes Scheitern gefährdet würde – das durfte er nicht zulassen, das verlieh ihm die Kraft, sich wieder zum Raumschiff zu hangeln und sich so zu verbiegen, dass der Kopf nicht mehr aus der Luke ragte. Als er sich endlich des Helms entledigt hatte, blickte Tom Stafford in ein erschreckend verfärbtes Gesicht.

Astronauten leben immer in der Nähe des Todes. Damals, im Rennen zum Mond, noch viel mehr als heute. Und tatsächlich, drei Jahre nach dem Höllenritt war Cernan dem Tod schon wieder alarmierend nahe, diesmal nicht mehr auf der Erdumlaufbahn, sondern nun bereits im Bannkreis des Mondes. Abermals als Kopilot von Tom Stafford war er im Mai 1969 zu dem Erdtrabanten aufgebrochen, zur Generalprobe für Neil Armstrongs historische Mondlandung ein Vierteljahr später. Die Mondmission Apollo 10 sollte ein Test der Landefähre sein. Doch dann plötzlich ein Computerproblem. 14 Kilometer über dem Mond geriet die Fähre außer Kontrolle und raste, wild um ihre Achsen rotierend, der Kraterwüste entgegen. Oder anders: Der Mond war nicht mehr im Zielvisier, sondern wischte am Bordfenster vorbei, einmal, zweimal, immer von Neuem. Stafford blieben nur Sekunden, um wieder die Kontrolle über das spinnenbeinige Gefährt zu gewinnen. Sie reichten aus. Aber zwei, drei Pulsschläge später, und die Fähre wäre zwischen Kratern zerschellt.

Leserkommentare
  1. ...über einen meiner persönlichen Helden.

    Danke dafür.

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