Astronaut Gene CernanUnter ihm die Erde
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Mission Apollo 13 schlug er aus

Die Aufbruchsjahre des Menschen in den Weltraum waren eine Zeit dramatischer Geschichten. Als Reporter hatte ich die Flüge zum Mond aus der Nähe miterleben dürfen und auf Pressekonferenzen in Houston und am Startplatz in Florida Cernan und die anderen bewundert für die kühle Art, mit der sie von ihren Expeditionen zum Mond berichteten. Die Rückkehrer aus dem Weltraum kamen mir im Jahr des Mondes 1969 vor wie Aliens, nicht eigentlich wie Menschen aus Fleisch und Blut. Das sollte sich ein Jahr darauf ändern, 1970, als ich Cernan in Deutschland wiedersah. Diesmal steckte er nicht in einem Overall mit den Emblemen der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa darauf, sondern war in Jeans und Freizeithemd unterwegs. Er, der Mondfahrer, und Al Shepard, der richtige Shepard, der Veteran aus der Anfangszeit der Raumfahrt, waren mit den Weltraumneulingen Joe Engle und Ed Mitchell auf Besuch in der bayerisch-schwäbischen Idylle von Nördlingen. Spätabends kletterte Cernan, begleitet von Engle und uns Journalisten, hinauf zur Spitze des örtlichen Kirchturms, der Daniel heißt und nicht nur die Höhe, sondern, bei einiger Fantasie, auch die Form der Mondrakete Saturn V hat. Bordverpflegung hatte Cernan auch bei sich, ein paar gut gekühlte Flaschen Bier, wie er sich noch heute erinnert. Oben stießen er und Engle mit dem Turmwächter an, nachdem dieser laut »Los, G’sell, los!« in die schlafende Stadt hinuntergerufen hatte – ein Nördlinger Ritual von alters her, ursprünglich eine Fluchthilfe, Anfeuerung für einen vor der Obrigkeit Reißaus nehmenden Ganoven.

Cernan und die drei anderen Astronauten hielten sich in der Stadt auf, weil 15 Millionen Jahre vorher dort ein gewaltiger Meteorit einen Krater von 25 Kilometer Durchmesser gerissen hatte, mit solcher Wucht, dass Gestein bis in die Gegend des heutigen Tschechien und der Slowakei gespritzt war, dorthin, wo die Cernans ihre familiären Wurzeln haben. Die Astronauten schlugen im Nördlinger Ries Gestein aus Steinbrüchen, weil nicht auszuschließen war, dass sie später, wenn sie auf dem Mond standen, Meteoritensplitter vergleichbarer Art entdecken würden.

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Aber würde sich Cernan auf dem Mond je auf die Suche nach der Vergangenheit unserer Welt machen können? Er war zwar nach seinem Flug mit Apollo 10 bereits wieder in der Pipeline zum Mond, wie er das nennt. Aber so viel konnte noch geschehen und verhindern, dass er abermals bei einem Weltraumeinsatz im Cockpit einer Mondfähre sitzen würde. Und so viel war ja auch zuvor geschehen, auf schockierende Weise, gerade erst ein paar Monate vorher. Apollo 13 war als Wrack zum Mond geflogen, und die Welt hatte den Atem angehalten. Wie oft würde sich Amerika den gefährlichen Luxus noch leisten wollen, Menschen zum Mond zu schicken, nachdem die amerikanische Flagge dort bereits aufgestellt und das Wettrennen mit den Russen gewonnen war? Ein paar Flüge würde es noch geben, aber nicht alle ursprünglich vorgesehenen. Zunächst jedenfalls bildeten Gene Cernan und Joe Engle nur die Ersatzcrew für Al Shepard und Ed Mitchell, die bei der bevorstehenden Mission Apollo 14 auf dem Mond landen sollten.

Cernan und Engle hatten sich, was ihre eigenen Chancen anging, in Nördlingen zuversichtlich gegeben. Engle konnte nicht ahnen, dass in Houston Überlegungen heranreiften, die dazu führen sollten, dass er den Mond nie aus der Nähe sah. Und was Cernan anging – kein Wort davon, dass er eben erst um seine Zukunft gespielt hatte. Wir Reporter wunderten uns nur darüber, dass einer wie er, der sich in Gemini- und Apollo-Raumschiffen bewährt hatte, als Backup herhalten musste, als Reserve für Shepard, der zwar eine nationale Heldengestalt war, aber eine aus längst vergangenen Tagen. Nach seinem Streifschuss in den Weltraum war Shepard wegen eines Hörschadens beinahe ein Jahrzehnt lang zu keinem Einsatz mehr gekommen, was vielleicht auch ein Grund dafür war, dass er nachkommenden Astronauten schnippisch und arrogant begegnete.

Jetzt in Houston kommt Cernan auf das zu sprechen, was sich damals hinter den glatten Fassaden des Weltraumzentrums der Stadt abgespielt hatte. Er tut es bei der Beantwortung einer Frage, die sich auf ganz anderes bezog – darauf, was er als den risikoreichsten Augenblick in seiner Karriere ansehe. Den Höllenritt außerhalb der Gemini-Kapsel? Oder den Moment, als bei Apollo 10 die Mondfähre unkontrolliert dem Mond entgegenstürzte? Oder vielleicht den Helikopter-Crash im Jahr 1971, über den wir bis dahin noch gar nicht geredet hatten?

»Nichts von alledem«, sagt Gene Cernan. »Das größte Risiko als Astronaut bin ich eingegangen, als ich Deke widersprochen hatte.«

Wem? Klar, Deke Slayton, dem Godfather.

Deke Slayton war wie Shepard einer jener legendären sieben Testpiloten, der Original Seven, die als erste Amerikaner für einen Einsatz im Weltraum ausgewählt worden waren. Auch er war dann lange Zeit vom aktiven Dienst als Astronaut suspendiert worden, in seinem Fall wegen einer Herzunregelmäßigkeit. Am Boden jedoch, in Houston, hatten er und Shepard Schlüsselstellungen inne. Shepard leitete das Astronautenbüro. Und Slayton, in einer Direktorenposition, entschied über die Besetzung der Raumschiffe und hatte damit das Schicksal derer, die zum Mond wollten, in seiner Hand, erfüllte ihre Träume oder ließ sie platzen.

Dem allmächtigen Paten also hatte er widersprochen, wissend, dass er dadurch möglicherweise seinen Traum von einer Mondlandung würde begraben müssen. Dabei hatte Slayton ihm paradoxerweise gerade helfen wollen, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Er teilte Cernan als Ersatzmann für die Mission Apollo 13 ein. Nach der Arithmetik der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa bedeutete dies, dass Cernan drei Missionen später zum wirklichen Einsatz kommen würde. Bei Apollo 16 würde er demnach wieder, wie schon bei Apollo 10, zum Mond aufbrechen können und diesmal auf ihm landen.

Doch Cernans Reaktion auf die verlockende Aussicht hatte Slayton sprachlos gemacht: No, thanks, Sir.

»Meinen ganzen Mut«, sagt Cernan, »musste ich aufbringen, um das Angebot auszuschlagen, ein fremdes Gestirn zu betreten. I gambled.«

Natürlich wollte er zum Mond. Er war begierig darauf. Aber er hatte auch seinen Stolz. Und seine Prinzipien. Und ein ausgeprägtes Ego. Er pokerte.

»Ich wollte den Flug zu meinen Bedingungen«, sagt Cernan. »Ich wollte im Cockpit den linken Platz.«

Leserkommentare
  1. ...über einen meiner persönlichen Helden.

    Danke dafür.

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  • Schlagworte Neil Armstrong | Astronaut | Weltraum | Apollo | Mond | Rock
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