Astronaut Gene CernanUnter ihm die Erde
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Commander oder gar nichts

Der Godfather hatte ihm den rechten Platz zugewiesen, den Platz des Kopiloten, den Cernan dann auch später innehaben würde, wenn er an der Reihe war zu fliegen. Cernan jedoch wollte nur als Commander nochmals zum Mond, und dies hieß: auf dem Platz, den bis dahin stets die früheren Testpiloten unter den Astronauten eingenommen hatten. Sie empfanden sich als Elite, und Cernan gehörte nicht dazu. Aber war er nicht fliegerisch genauso gut oder, ja, sogar besser? Hatte er es mit seiner Erfahrung, seinen Verdiensten, seinen Talenten nicht verdient, auf dem linken Platz zu sitzen? Das war es, was ihn umtrieb.

»Deke hat mich für verrückt erklärt«, sagt Cernan und fügt hinzu, dass Slayton ihm unmissverständlich klargemacht habe, dass es für ihn eine zweite Chance kaum geben werde.

Doch Cernan hatte sich nicht beirren lassen. Commander oder gar nichts! Für Apollo 13 war er damit aus dem Spiel. Aber Apollo 14 musste jetzt besetzt werden. Shepard würde der Commander sein. Doch wer würde sein Ersatzmann werden und damit später Commander von Apollo 17 sein? Wer konnte Cernan vorgezogen werden? Infrage kamen vor allem die anderen Veteranen, die ebenfalls bereits zum Mond geflogen, jedoch nicht auf ihm gelandet waren. Aber Frank Borman und Bill Anders von Apollo 8, der allerersten Mondexpedition zu Weihnachten 1968, hatten das Astronautenkorps verlassen, und der dritte Mann an Bord, Jim Lovell, war bereits als Commander für Apollo 13 benannt worden. Michael Collins wäre dann erste Wahl gewesen, der bei Apollo 11 in einer Mondumlaufbahn hatte zurückbleiben müssen, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond Geschichte schrieben. Aber auch Collins wollte nicht noch länger warten. Er versuchte sich in der Politik. Wer blieb noch übrig? Tom Stafford, der Commander Cernans bei den Gemini- und Apolloflügen? Auch er nicht. Er wurde Nachfolger Shepards als Leiter des Astronautenbüros. Im Pokerspiel mag Cernan auch miteingerechnet haben, dass seine Widerborstigkeit Slayton vielleicht insgeheim imponiert hatte. Jedenfalls, Cernan glaubte, gute Karten in der Hand zu haben. Und er sollte recht behalten.

Noch einmal rief Deke Slayton ihn zu sich, um ihm diesmal mitzuteilen: Dein Pokern hat sich ausgezahlt, Geno. Du kriegst deinen Willen. Du wirst bei Apollo 14 Commander der Ersatzcrew, Backup von Shepard mit der Aussicht auf einen Einsatz bei Apollo 17. Gratulation.

Aber sofort, und überlaut, meldete sich abermals Cernans Ego. Er, mit all seiner Erfahrung vom Mond, zunächst im zweiten Glied hinter einem, der nie richtig im All war? Schwer zu ertragen. Natürlich versicherte er Shepard, dass er loyal zu ihm stehe. Aber dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Es musste aus ihm heraus. »Für den Fall, dass Sie nicht fliegen können«, sagte er dem Älteren, fast 50-Jährigen, ins Gesicht, »werde ich da sein, um Ihren Job zu machen – nicht nur so gut wie Sie, sondern besser.«

Ein Affront. Cernan erinnert sich, dass Shepards Miene plötzlich einfror. Doch dann das Unerwartete. Der Unnahbare, im Astronautenlager Gefürchtete, streckte die Hand aus und sagte: »Geno, wir werden gemeinsam unseren Spaß haben.«

Das Eis war gebrochen. Cernan war auf Kurs. Unter Abwägung aller Risiken hatte er sich für das Glücksspiel entschieden und gewonnen und konnte sich in seiner Lebensphilosophie bestätigt sehen. Schicksal sei eine Sache eigener Wahl, ganz persönlicher Entscheidungen, ist sein Credo. Allein der Mensch selbst bestimme über sein Leben.

Wobei freilich, andererseits, die entscheidende Weichenstellung auf seinem Weg zu den Sternen nicht in seiner Hand gelegen hatte. Er hatte erst der dritten Generation amerikanischer Raumfahrer angehört und war einer unter mehr als zwei Dutzend anderen in den Jahren des Testens und Tastens am Rand des Weltraums gewesen. Jahrelang hatte er sich in Wassertanks, Düsenflugzeugen, Helikoptern, Zentrifugen auf einen Weltraumeinsatz vorbereitet – doch die Berufung in ein Cockpit der damaligen Gemini-Kapseln hatte er nicht bekommen. Immerhin, er und Tom Stafford waren schließlich als Ersatz für die Astronauten Elliot See und Charles Bassett bei Gemini 9 eingeteilt worden. Aber das Gemini-Programm näherte sich bereits dem Ende. Beim nachfolgenden Apollo-Programm würden die Karten neu gemischt werden. Und würden dann nicht wieder die Älteren, Erfahreneren in der Vorhand sein? Doch dann waren mit einem Male alle Spekulationen obsolet. Es war im Februar 1966. Cernan und Stafford flogen ebenso wie See und Bassett in zweisitzigen Militärjets nach St. Louis zum Training bei den McDonnell-Flugzeugwerken, den Erbauern der Gemini-Kapseln. Am Zielort herrschten Nebel und Schneetreiben. See und Bassett, die den Formationsflug anführten, scherten mit ihrer Maschine aus, wollten offenbar die Landung abbrechen – und rasten hinter dem Tower in die Flugplatzhallen und in den Tod. Noch am selben Tag wurden Stafford und Cernan als neue Einsatzcrew für Gemini 9 ausgerufen. Ein Vierteljahr später war Cernan im Weltraum.

Von welchen Empfindungen mag er ergriffen worden sein, als See und Bassett starben? Ich vergesse, Cernan jetzt in Houston danach zu fragen.

Aber vermutlich war es so, dass er ihren Tod akzeptierte, wie er erwartete, dass sein eigener Tod von den anderen akzeptiert würde, als letzte Konsequenz dessen, worauf sie alle sich eingelassen hatten. Schon vor Bassett und See war Theodore Freeman umgekommen, als eine Wildgans die Cockpitscheibe seines Jets zerschmettert hatte. Später, im Jahr 1967, verbrannten bei einem Bodentest Gus Grissom, Roger Chaffee und Ed White im Cockpit eines Apollo-Raumschiffs, und noch im gleichen Jahr starb ein weiterer Freund Cernans, Clifton Williams, auch er, wie Freeman, See und Bassett, bei einem Düsenjägerabsturz.

Sie alle wurden mit militärischen Ehren auf dem Nationalfriedhof von Arlington bei Washington beigesetzt. Und auch Captain Eugene Cernans leibliche Überreste würden heute dort ruhen, in der Nachbarschaft John F. Kennedys, wenn nicht...

Wenn nicht ein Schutzengel über ihn seine Hand gehalten hätte bei seinem Crash im Hubschrauber, im Januar 1971? Man kann es so sehen.

Richtig ist aber auch, dass Cernan den Unfall kaum ohne sein Astronautentraining überlebt hätte.

Der Unfall hatte sich eine Woche vor dem Start von Apollo 14 zugetragen. Als Ersatzmann Al Shepards trainierte Cernan am Cape Canaveral in einem Helikopter für die Mondlandung. Er wollte noch überflüssigen Treibstoff verbrauchen und bei dieser Gelegenheit den Badegästen ein paar Kunststücke aus dem Repertoire tollkühner Flieger vorführen. Er flog Schleifen, Spiralen, ließ den Helikopter fallen. Über kristallklarem Wasser ist die Wasseroberfläche nur schwer zu bestimmen. Cernan verschätzte sich. Der Helikopter riss eine Furche ins Wasser und überschlug sich. Die offene Kabine mit Cernan versank. Ausfließender Treibstoff verwandelte das Wasser in ein Flammenmeer. Am Ufer werden es nur wenige gewesen sein, die dem Piloten eine Überlebenschance gaben. Aber der Schutzengel, antrainierte Reflexe und die Stunden in den Tanks zum Simulieren von Schwerelosigkeit retteten Cernan das Leben. Unter Wasser befreite er sich aus dem Cockpit, tauchte unter den Flammen hindurch und kam erst dort wieder nach oben, wo das Wasser nicht mehr kochte – weitgehend unversehrt, jedenfalls nach wie vor in der Lage, eine Woche später, wenn nötig, für Shepard einzuspringen oder drei Missionen danach selbst zum Mond aufzubrechen.

Leserkommentare
  1. ...über einen meiner persönlichen Helden.

    Danke dafür.

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