Astronaut Gene CernanUnter ihm die Erde
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"A dumb thing"

Wirklich?

Wenn ein Astronaut sich selbst mutwillig in Gefahr bringt, ist dies nicht die beste Empfehlung, ihm das Kommando einer Mondmission anzuvertrauen. Ohnehin war schon vorher darüber nachgedacht worden, ob man nicht die Arithmetik der Nasa außer Kraft setzen müsse. Inzwischen nämlich waren die drei letzten ursprünglich vorgesehenen Apollo-Flüge, jene mit den Nummern 18, 19 und 20, gestrichen worden. Das Ersatzteam für Apollo 14 war damit das letzte, das bei einem Mondflug noch zum Einsatz kommen konnte. Aber musste nicht, andererseits, die Ersatzcrew von Apollo 15 in jedem Fall noch auf dem Mond landen? Die Wissenschaft musste ruhig gestellt werden. Unmut hatte sich bei ihr angestaut, weil stets Jetpiloten für Mondmissionen ausgewählt worden waren, obwohl man die Flüge mit wissenschaftlichen Motiven rechtfertigte und auch Geologen im Astronautentraining standen. Deke Slayton hatte deshalb Harrison Schmitt, den Dr. Rock, in die Ersatzcrew von Apollo 15 berufen, um ihn dann mit Apollo 18 zum Mond senden zu können. Aber nun gab es plötzlich keine Mission Apollo 18 mehr, und das ganze Konzept war dahin.

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Musste deshalb nicht Cernans Helikopter-Crash dem Gedanken Auftrieb geben, die komplette Reservemannschaft von Apollo 14 aus dem Spiel zu nehmen und dafür die Reservemannschaft von Apollo 15 auf der letzten Mondmission einzusetzen, mit Harrison Schmitt, dem Dr. Rock, an Bord?

Alles war noch offen, als Cernan den Godfather aufsuchte, um ihm Bericht darüber zu erstatten, was zum Helikopterabsturz geführt hatte. Viel hätte er zu seiner Entschuldigung nicht vorbringen können. Aber Slayton ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen. Wann genau das Triebwerk ausgefallen sei, wollte Slayton wissen. Das Triebwerk sei nicht ausgefallen, entgegnete Cernan und wollte seinen Leichtsinn beichten. Und wieder schnitt ihm Slayton das Wort ab. Nochmals, Geno, wann hat das Triebwerk abgeschaltet? Es brauchte für Cernan nicht viel Scharfsinn, um zu erkennen, dass ihm Slayton eine goldene Brücke bauen wollte. Technischer Defekt.

Aber Cernan hätte die Öffentlichkeit belügen müssen und sich selbst ebenso. Das ließ die Ehre von Captain Eugene Cernan nicht zu. Er blieb dabei, dass alles sein Fehler gewesen sei.

»A dumb thing«, sagt er jetzt, und so ähnlich hatte er es Slayton auch gesagt. Eigene Dummheit, nichts sonst.

Vielleicht, so seine Hoffnung damals, würde er, wenn er Glück hatte, nicht mit bohrenden Fragen konfrontiert werden. Und er hatte Glück. Der Unfall geschah am Wochenende, als die Aufmerksamkeit der Presse am Kap nicht groß war. Und als die neue Woche begann, blickte ganz Amerika bereits gebannt nach Kalifornien, wo die Todesurteile gegen Charles Manson und dessen Hippie-Mädchen gefällt wurden, die in Los Angeles den Hollywood-Star Sharon Tate und ein halbes Dutzend weiterer Menschen im Drogenrausch niedergemetzelt hatten. Was hatte dem der glimpflich verlaufene Unfall eines Ersatzmannes für einen Mondflug an Sensationswert entgegenzusetzen? Cernan jedenfalls kam ungeschoren davon. Und wurde bald darauf als Commander von Apollo 17 bestätigt.

Einer musste jedoch den Preis für das Zugeständnis an die Wissenschaft bezahlen: Joe Engle, der auf dem Kirchturm von Nördlingen dem Mond bereits um hundert Meter näher gekommen war. Er hatte seinen Platz als Kopilot neben Cernan in der Mondfähre für Harrison Schmitt, den Geologen, zu räumen. Erst zehn Jahre später durfte er, nun Commander von Raumtransportern in der Shuttle-Ära, zweimal in den erdnahen Weltraum aufbrechen. Eine Entschädigung für den entgangenen Mondflug war es nicht. Slaytons Entscheidung traf auch Cernan hart. Nicht dass er seinen neuen Kopiloten als Menschen nicht geschätzt hätte. Aber dieser Dr. Rock war keiner aus seiner Welt, keiner derselben Spezies, kein gelernter Jetpilot, keiner mit ihren Genen, Fliegergenen.

Dennoch, Cernan war am Ziel. Nichts konnte ihn mehr aufhalten. Mit dem Mutterschiffpiloten Ron Evans und Harrison Schmitt als Begleitern machte er sich am 7. Dezember 1972 nach einem spektakulären Nachtstart auf zur letzten Mondlandung. Nach einem reibungslosen Anflug kamen Cernan und Schmitt in einem zernarbten Terrain am Rand des Mare Serenitatis an, erkundeten drei Tage lang die Kraterwelt in einem Rover, bargen mehr als hundert Kilo Gestein, hoben am 14. Dezember vom Mond wieder ab und nahmen nach der Rückkehr zur Erde den Schlussapplaus der Welt für das gesamte Monderoberungsprogramm entgegen.

Zeit zum Reflektieren anlässlich des Jubiläums. Er würde heute nichts anders machen als damals, sagt Cernan. Sein Privatleben lässt er aus. Da war auf dem Weg zum Mond mehr zerbrochen als ein Hubschrauber. Es war, wie bei vielen amerikanischen Astronauten, die Ehe. Barbara, seine große Liebe aus der Zeit, als er noch zwischen Hörsälen und Hangars pendelte, war es leid, Mrs. Astronaut zu sein, Anhängsel eines Mannes, der in der Welt herumreiste und sich mit Ehrungen überschütten ließ.

»Wir, die wir auf dem Mond standen, wurden in manchen Weltgegenden wie Gottheiten empfangen«, sagt Cernan, und es klingt wie eine Entschuldigung dafür, dass er in dieser Zeit sein Leben nicht exakt steuern konnte.

Gottheiten mögen für Ehen nicht taugen, Wirtschaftsunternehmen hingegen schmücken sich gern mit ihnen. Nach seinem Ausscheiden aus der Nasa wurde Cernan Vizepräsident einer Ölgesellschaft. Später gründete er ein Flugunternehmen und eine Beratungsfirma für Weltraumfragen. Heute, zum zweiten Male verheiratet, zieht er sich häufig auf seine Ranch in einem Waldgebiet im westlichen Texas zurück und lässt sich gegen die Öffentlichkeit durch eine Büroleiterin abschirmen, die er eine stählerne Magnolie nennt.

Viele von denen, die Cernan auf dessen Weg begleitet haben, sind inzwischen gestorben. Deke Slayton. Al Shepard. Ron Evans. Zuletzt auch Neil Armstrong. Beim offiziellen Gedenkgottesdienst für den ersten Mann auf dem Mond in der National Cathedral von Washington durfte Cernan die Trauerrede halten.

Im Büro des Freundes in Houston, zum Schluss des Interviews, sagt Cernan, dass er stolz darauf sei, einen Anteil daran zu haben, dass ein Menschheitstraum Wirklichkeit werden konnte.

Aber das ist nicht alles. Da ist noch etwas. Da ist noch sein eigener Traum.

»I am very American«, sagt Cernan.

Und so steht am Ende plötzlich die Erkenntnis, dass das, was sich für ihn auf dem Mond erfüllt hat, nichts anderes ist als der immerwährende Amerikanische Traum.

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Leserkommentare
  1. ...über einen meiner persönlichen Helden.

    Danke dafür.

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  • Schlagworte Neil Armstrong | Astronaut | Weltraum | Apollo | Mond | Rock
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