Auch der Niederrhein hat seine Nofretete. Scharf geschnittene Nase und Augenbrauen, ein von starken Wangenknochen nach vorn geschobener voller Mund, ein Tuch fasst Haar und Hinterkopf und verliert sich irgendwo im Nacken. Mit verhangenem Blick schaut sie den Gang entlang, der in ihr Königreich führt. Einziger Unterschied zum ägyptischen Weltwunder in Berlin: Die Nofrete von Kleve schimmert matt golden. Und heißt mit Vornamen Jupp.

1947 hat Joseph Beuys dieses androgyne Selbstporträt in Gips geformt; Jahrzehnte später wird es in Bronze mit viel Messing gegossen (daher der güldene Schimmer). Seit Neuestem bewacht es den Zugang zu jenen Zimmern, in denen der große Kunstschamane zwischen 1957 und 1964 im Kurhaus Kleve sein Atelier betrieb. Seit der dreiteilige klassizistische Bau vor 15 Jahren zum Museum wurde, gab es Pläne, auch Beuys’ legendären Arbeitsplatz zu rekonstruieren und zum Teil der Ausstellungsräume zu machen.

Hier, unweit seines Elternhauses, hatte der Künstler sich in einer schweren Lebens- und Schaffenskrise gleichsam eingebuddelt; hier, wo früher die Kurgäste zum Wannenbad schritten, schwitzte er jenen erweiterten Kunstbegriff aus, der ihn später weltberühmt machen sollte. Doch weil Beuys bei seinem Auszug immer noch ein no name war, kam niemand auf die Idee, die vier kargen Kammern unter Schutz zu stellen. Stattdessen zog das Stadtarchiv ein (und später wieder aus), und erst vor wenigen Wochen konnte nun das ehemalige Friedrich-Wilhelm-Bad endlich als Joseph Beuys Westflügel des Museums Kurhaus Kleve eröffnet werden.

Das ist eine echte Sensation. Zum einen, weil die Stadt, die gerade mal 50.000 Einwohner hat, sich ein Museum mit nun fast 3.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche leistet. Zum anderen, weil in den neuen Räumen vieles aus Beuys’ Leben und Werk gezeigt wird, das nie zuvor ausgestellt wurde. Seine Familie, die Witwe und die beiden Kinder, nicht eben als pflegeleichte Erben bekannt, haben großzügig Leihgaben zur Verfügung gestellt. Zum Beispiel eine ganze Reihe von Gipsmodellen und Gussvorlagen für Skulpturen, die anrührende Pietà von 1951, den wild bewegten Kopf der Straßenbahnhaltestelle, der berühmten Installation für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1976, schließlich die Justitia, eine Auftragsarbeit für das Oberlandesgericht Düsseldorf, die aber kurz nach der Anbringung wieder entfernt wurde – um 1960 fand man Beuys’ moderne Archaik offenbar nicht staatstragend genug. Dazu gesellen sich einige hinreißende Zeichnungen, die des Künstlers tiefe Verwurzelung in seiner niederrheinischen Heimat bezeugen, etwa jene Schwangere, in deren Bauch ein Schwan heranreift – Beuys sah sich als Nachfahr des Schwanenritters Lohengrin, der ja auch ein Klever war.

Wie es im Atelier aussah, ist auf Fotos und in Zeitzeugenberichten ziemlich gut dokumentiert. »Aquarelle, Zeichnungen, Objekte, eine verwesende Ratte im Karton, abgetane Dinge, verwandelt in Schweigen und Geheimnis«, findet sein späterer Galerist Alfred Schmela vor. Zum Glück aber ist jetzt niemand auf die Idee gekommen, dieses Kuddelmuddel originalgetreu nachzubauen. Beuys hatte den ganzen Klumpatsch, »5 M. Ladung«, Mitte der sechziger Jahre in sein neues Refugium nach Düsseldorf bringen lassen. Von dort sind ausgewählte Teile nun zurückgekehrt, der Malkasten aus dem Studium, die große Holzkiste für den Bildhauerton, die alte Stehlampe, Äxte, Spazierstöcke, Pinsel, Hämmerchen, Tierschädel, Faustkeile, irische Kleeblattsamen, ein Fläschchen Hasenblut. All diese Utensilien sind nun in mannshohen Glasvitrinen aufgebahrt – eine typisch Beuyssche Präsentationsform; allerdings macht die akkurate Anordnung der Dinge deutlich, dass hier nicht mehr der Meister selbst am Werk war, sondern Kunsthistoriker alles fein säuberlich sortierten. Die Beuys-Räume sollen kein auratischer Wallfahrtsort sein, sie wollen erklären, wie der brave Bildhauerstudent aus der Provinz zum Kunstumstürzler von Weltruf wurde.

Auch das geht nirgends besser als hier, denn am entgegengesetzten Ende, im Ostflügel des Kurhauses, wird das Werk von Ewald Mataré präsentiert, Beuys’ Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie. Bei dessen edlen Kühen, seinen Aktstudien in Bronze, nehmen all die Hirsche, Hasen und Urmütter im Kosmos des hl. Jupp ihren Ausgang.