Hatten Sie keine Angst vor Missbrauch für einen deutschen Opfermythos?

Jedes Land hat seine Sicht auf die Dinge. Doch das Leid, das unsere beiden Völker erfahren haben, ist eigentlich gleich.

Aber die einen verteidigten sich, die anderen griffen an.

Das russische Volk, sagt Musienko, ist vielleicht ein besonderes Volk. Wir haben die Gabe zu verzeihen. Die russische Geschichte begann nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Pflug.

Musienko ist vom Jahrgang 1955. Auch er erfuhr den Krieg, als Artillerie-Regimentskommandeur in Tschetschenien. Er wisse: Krieg bringt allen Leid und muss vermieden werden. Musienkos Eltern stammen aus der Ukraine. Sein Vater verließ mit dem deutschen Überfall 1941 die Schule und war bis Kriegsende Soldat. Die Mutter wurde in ein KZ bei Leipzig verschleppt. Aber niemals, sagt Musienko, hörte ich daheim, die Deutschen seien böse. Nur die Faschisten.

Die Kisten sind geöffnet. In hellen Schwamm gebettet, ruhen Relikte der Schlacht. Einst umbrüllte diese Gegenstände die Hölle, nun werden sie mit weißem Handschuh zartfingrig enthüllt. Ein Schanzspaten erscheint, ein Bürolocher, eine Weltmeister-Mundharmonika. Pralinenschachtel, Aktenmappe, Lampenschirm. Fred Bönings Mütze, der Fliegerhelm von Lidia Wladimirowna Litwak. Ein besticktes Tischtuch, Tassen, Rosenporzellan aus Paulus’ Stab. Ein Feldchirurgenkoffer, ein kyrillisch bemaltes Schild, dessen Aufschrift russischen Passanten Erschießung androht. Ringe, Amulette. Eine Schallplatte, gesprungen: Simaja Doroga (Winterwege). Der Text ist von Puschkin, erklärt der Kurator Jens Wehner. Die Besitzer vergruben die Platte vor ihrer Flucht aus Stalingrad. Sie überlebten, kehrten zurück und gruben die Platte aus.

All diese Reliquien sind in Dresden zu sehen. Auch zu verstehen? Ahnungen erwirbt, wer liest, was die Überlebenden berichten – die Interviewten der Stalingrad-Protokolle, Wassili Grossman in Leben und Schicksal, Theodor Plievier in Stalingrad, Konstantin Simonow in Die Lebenden und die Toten und Man wird nicht als Soldat geboren, dem Epos sowjetischer Niederlagen bis zu diesem ersten, entsetzlich erbluteten Sieg. Simonows Romane verfilmte in den sechziger Jahren Alexander Stolper – schwarz-weiß, mit Mut zur Stille, Unsägliches nicht inszenierend. Wie plump wirkt dagegen Joseph Vilsmaiers Stalingrad von 1993: ein krachbuntes Jubiläums-Remake der Saga vom Opfergang der 6. Armee.

Von 230.000 Wehrmachtsoldaten kehrten 5.000 aus Stalingrad heim, die letzten 1955. Der entnazifizierte Generalfeldmarschall Friedrich Paulus durfte 1953 in die DDR und lebte fortan in Dresden. Dort starb er am 1. Februar 1957. Auch der eingangs zitierte Stabsarzt Horst Rocholl überlebte Stalingrad. Danach, sagte er, sei »nichts wie zuvor« gewesen. »Und vor allem ich war ein anderer geworden.«

Am 1. Februar 2013 wird das Militärhistorische Museum eine Zusatzausstellung über rechtsextreme Gewalt eröffnen. Das annonciert Gorch Pieken, der wissenschaftliche Leiter. Neonazis bezögen sich ja gern auf die Wehrmacht und den »Heldenmythos Stalingrad«. Aber die Veteranen hätten vom Krieg die Schnauze voll gehabt.

Muss man erst in den Krieg, um ihn zu hassen?

Das ist ja das Drama!, ruft Pieken. Warum muss jede Generation dieselben Erfahrungen machen, bis sie als Krüppel heimkehrt?

Oder als Mörder. Falls überhaupt. Zur Vertiefung solcher Fragen empfiehlt sich Exponat 258: deutscher Fuß mit nekrotischer Ferse, erfroren 1943 in Stalingrad.