Ausstellung Stalingrad, Massengrab

In seiner ersten großen Ausstellung beschreibt das Dresdner Militärhistorische Museum die Wendeschlacht des Zweiten Weltkriegs – aus russischer und aus deutscher Sicht.

Sowjetische Soldatinnen und Soldaten musizieren anlässlich ihres Sieges. Stalingrad, Anfang 1943

Sowjetische Soldatinnen und Soldaten musizieren anlässlich ihres Sieges. Stalingrad, Anfang 1943

Feldpost von der Ostfront. Zwei Briefe bündeln Hitlerdeutschlands Hybris und Fall. Am 1. August 1942 schrieb der Wehrmachtsstabsarzt Horst Rocholl seinem Kind: »Heute haben wir einen Juden gefangen, einen Unterleutnant, der ein typisches Verbrechergesicht hatte und log, dass sich die Balken bogen. Seine Soldaten, bes. ein 20jähriger, wollten, dass er totgeschossen würde. – Einen lieben, ganz langen Kuß. Dein oller Papa.« Am 4. Dezember 1942 schrieb der Gefreite Wernfried Senkel aus Stalingrad an seine Eltern: »Ich habe nur einen großen Wunsch, und der wäre: Wenn diese Scheiße endlich mal ein Ende hätte. Das wir Rußland den Rücken kehren. Ob wir das mal noch mit erleben werden. Wir sind alle so niedergeschlagen.« Genaueres dürfe er nicht schreiben. »Es ist auch besser so. Ihr würdet Euch nur unnötige Sorgen machen.« Nötige Sorgen. Seit dem 12. Dezember 1942 wird Senkel »vermißt«.

Beide Briefe sind Teil einer Ausstellung, die das Dresdner Militärhistorische Museum der Bundeswehr am 15. Dezember eröffnet. Stalingrad heißt sie und bietet einen Doppelblick auf die Wendeschlacht des Zweiten Weltkriegs. Die Hälfte der 500 Exponate kommt aus Russland. Wir treffen kurz vor ihnen ein und rapportieren bei Oberst Matthias Rogg, dem Museumschef, und seinem wissenschaftlichen Leiter Gorch Pieken. Feingeistig bebrillt und bezopft, wirken die Herren wie Peaceniks. Auch ihr 2011 eröffnetes Haus, einst Armeemuseum der DDR, ist kein Tempel der schimmernden Wehr, sondern erzählt die Geschichte der Gewalt. Nun die erste Sonderschau. Stalingrad, das setzt ja auch ein Zeichen, sagt Rogg, und Pieken: Wir sind keine Gedenkstätte, sondern ein historisches Museum, also dem Wesen nach kritisch.

Anzeige

Aber es herrscht doch Konsens: Stalingrad entschied den Zweiten Weltkrieg.

Schon falsch. Rogg erklärt, Hitlerdeutschland habe den Krieg spätestens am 22. Juni 1941 verloren, mit dem Überfall auf die Sowjetunion.

Aber die Wehrmacht siegte und siegte doch lange auf breiter Front.

Sie siegte sich zu Tode. Entscheidend war Hitlers völlige Überschätzung der eigenen Kräfte: zu glauben, dass Deutschland ohne Ressourcen gegen den Rest der Welt Krieg führen kann.

Was bedeutet dann Stalingrad?

Einen psychologischen Kulminationspunkt, dann einen Mythos. Fortan schien Hitler besiegbar, auch den Alliierten.

Im Sommer 1942 überdehnte Hitler seine Front und teilte die Offensive. Er drängte zugleich Richtung Kaukasus und gen Baku. Die Rüstungsmetropole Stalingrad gedachte er, en passant zu nehmen. Hier hatte sich Stalin im Bürgerkrieg blutigen Ruhm erworben. Seit 1925 trug das vormalige Zarizyn seinen Namen. Er befahl, die Symbolstadt zu halten, und untersagte zunächst auch die Evakuierung der Bevölkerung. Im Feuersturm der Deutschen starben 40.000 Zivilisten. Neun Zehntel von Stalingrad wurden erobert, Haus für Haus. Den Rest hielten die Verteidiger, obwohl Hitler am 8. November im Rundfunk prahlte, die Stadt sei eingenommen. Tags darauf brach der Winter herein, sodann die sowjetische Heeresmacht. In deren Kessel erfror und verhungerte Generaloberst Paulus’ 6. Armee. Ausbruch und Entsatz misslangen, Hitler verbot die Kapitulation.

Stalingrad, das sind 700.000 Tote und zwei Mythen. Aus sowjetischer Perspektive war Stalingrad der ersten Schritt auf dem Weg nach Berlin. Der westdeutsche Nachkriegsmythos handelte vom »Opfergang« der 6. Armee. Dem DDR-Geborenen war die sowjetische Sicht anempfohlen und verständlich. Die Russen verteidigten ja ihr Land. Die Wehrmacht hatte sich an die Wolga vorgemordet, inklusive Assistenz bei Massakern wie dem an 33.000 Juden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew.

70 Jahre später stehen wir in einer Dresdner Lagerhalle, umstellt von Panzern, Haubitzen und sonstigem Kriegsgetüm, und empfangen die Hinterlassenschaften von Stalingrad. Mächtige Kisten werden aufgeschraubt, in Obhut eines hageren Herrn. Das ist Nikolai Iwanowitsch Musienko, Zweiter Direktor des Panoramamuseums Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt. Wir fragen nach seinen Gefühlen.

Sehr positiv, sagt er. Ich glaube, dass Zusammenarbeit künftige Konflikte zwischen unseren Ländern verhindert.

Wer hat die Exponate ausgewählt?

Wir haben dem Militärhistorischen Museum selbstverständlich unsere gesamte Sammlung zur Verfügung gestellt.

Leser-Kommentare
  1. Entschuldigen Sie, dass ich den Deutschen nicht besitze.
    Erstes. Die rote Armee war zum Krieg in 1941 nicht fertig. Gerade deshalb befahl Stalin, auf die zahlreichen Provokationen auf der Grenze nicht zu reagieren, er fürchtete vor dem polnischen Präzedenzfall. Es geben die Informationen, dass im Falle des Angriffes der UdSSR auf Deutschland die USA Deutschland unterstützt hätten. Die Effektivität der Wehrmacht in франции und die Ineffektivität der Roten Armee in Finnland bedeutete auch. Nach dem Zustand auf dem 22. Juni Rote Armee war am 50-70 % von den Staaten der Militärzeit bestückt. Die vorhandenen Soldaten waren nicht ausgebildet. Die Festigungen auf der neuen Grenze waren nicht fertig. Gar nicht reicht der Kraftverkehr, der für den Eintritt kritisch notwendig ist aus. Die Ausrüstung war veraltend in erster Linie die Panzer und die Flugzeuge. Wegen des Mangels des Aluminiums, die russische Luftflotte war schwach bis zur Kursker Schlacht.
    Zweites. Ein Hauptanwalt Stalins in Russland war und es ist Hitler und Trumen, die die Pläne der Vernichtung der UdSSR hatten. Der Sieg über der Wehrmacht und нацисткой mit dem Wirtschaftswagen, sowie die Bildung der atomaren Bombe haben die Russen von der Vernichtung gerettet. Diese Tatsachen ist es schwierig, zu widerlegen.

  2. Drittes. Den Bruch im Krieg muss man nicht nur in der Militärbeziehung, sondern auch im Ökonomischen bewerten. Ökonomisch\hat Deutschland den Krieg in 1942 verloren, da das Produktionspotential der UdSSR nicht zerstören konnte.
    Viertes. Die Bedeutung der USA in den Lieferungen des Aluminiums ist es und des Kraftverkehrs für die UdSSR schwierig, umzuwerten, aber wesentlich auf dem Krieg ist es der Soldat und seine Lösung.

  3. 67. # 2 # 6

    kleiner Tippfehler? Der Autor heißt PLIVIER - drei Bände:
    Moskau - Stalingrad - Berlin.

    # 6 - Nazarenus - mag ja sein, dass durch die Kriegserklärung Deutschlands an die USA der Krieg dann todsicher verloren war - aber man sollte doch allmählich aufhören darüber nachzudenken, wie man noch hätte "das Blatt wenden können". - Wenn die Wehrmacht noch 4 Monate "durchgehalten" hätte - wo wäre dann vermutlich (??) eine amerikanische Atombombe mindestens abgeworfen worden???
    Kursk ist allenfalls der erste Hinweis, dass Panzer nicht "durchstoßen", wenn man ihnen eine "tiefgestaffelte" Abwehr entgegenstellt, die einen "Durchbruch", wenn überhaupt, dann nur unter größten Verlusten erlaubt.
    Am 22.06.1941 ist der II. WK für das Deutsche Reich verloren - und das ist/war gut so. Das ändert nichts an den Gefühlen, die entstehen, wenn von einem Onkel im Februar 1945 in Schlesien gefallenen 2011 eine "Armbanduhr, Armband verrottet" als letztes Existenzzeichen plötzlich im Briefkasten liegt.

    • lm.80
    • 31.01.2013 um 23:52 Uhr

    Das ist richtig. Zudem hatten die west-alliierten (kapitalistischen) Staaten (zumindest die führenden Oberschichten) mehr Angst vor einem enteignenden Sozialismus als vor dem Hitler-Faschismus. Daher auch das späte Eingreifen der USA, unter anderem.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. 69. zu 26

    Da Sie in ihren kommentar General Guderian zitieren, sollte man sein Buch lesen " Erinnerung eines Soldaten "
    sehr empfehlenswert, auch wenn es manchen Zeitgenossen nicht mehr zeitgemäß ist.
    MfG
    rodwild

    Eine Leser-Empfehlung
    • iolger
    • 02.02.2013 um 20:43 Uhr

    Hat alles nichts gebracht, denn auch heute führt Deutschland wieder Krieg. Natürlich moralisch einwandfrei und nur zur eigenen Verteidigung. Die gleichen Wort immer und immer wieder, alle paar Jahre. Jede Zeit hat ihre Politiker, die dem Volk die Notwendigkeit des Krieges ans patriotische Herz legen. Ich kann und will es nicht mehr hören. Schickt die Politiker, die für einen Krieg sind in den Krieg und lasst sie für ihre Ideen kämpfen und sterben. Die Schlachtfelder wären sehr, sehr leer und leise. Dann ein Ruf - Hallo Feind, wollen wir uns nicht besser vertragen ! - Genau meine Meinung.

    • iolger
    • 02.02.2013 um 20:55 Uhr

    Hat alles nichts gebracht, denn auch heute führt Deutschland wieder Krieg. Natürlich moralisch einwandfrei und nur zur eigenen Verteidigung. Die gleichen Wort immer und immer wieder, alle paar Jahre. Jede Zeit hat ihre Politiker, die dem Volk die Notwendigkeit des Krieges ans patriotische Herz legen. Ich kann und will es nicht mehr hören. Schickt die Politiker, die für einen Krieg sind in den Krieg und lasst sie für ihre Ideen kämpfen und sterben. Die Schlachtfelder wären sehr, sehr leer und leise. Dann ein Ruf - Hallo Feind, wollen wir uns nicht besser vertragen ! - Genau meine Meinung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service