AutoindustrieEin super Kredit

Wie die deutsche Automobilindustrie versucht, die für 2020 geplanten CO₂-Grenzwerte aufzuweichen. von 

Die Fortschritte der PS-Branche in Sachen Klimaschutz können sich sehen lassen. Allein im Jahr 2011 schafften es die europäischen Automobilhersteller, die CO₂-Emissionen ihrer Fahrzeugflotten um durchschnittlich 3,3 Prozent zu reduzieren. Der Mittelwert liegt jetzt bei 136 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer (g/km), hat die Umweltorganisation European Federation for Transport and Environment (T&E) gerade ausgerechnet. Damit ist die Branche schon nah dran an dem von der EU für 2015 gesetzten Ziel: Danach sollen die CO₂-Emissionen auf durchschnittlich 130 g/km sinken. Alle großen Hersteller würden dieses Ziel wohl erreichen, glauben die T&E-Experten, die meisten schon vorzeitig.

Umweltorganisationen wie T&E oder Greenpeace schließen daraus, dass die Auflagen sehr wohl schärfer hätten ausfallen können. Das aber hören vor allem die deutschen Hersteller nicht gern. Und das, obwohl VW/Audi, BMW und selbst Nachzügler Daimler mit seinem hohen Anteil großer Fahrzeuge gut bei der Verbrauchsreduktion mit dabei sind.

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Die deutschen Konzerne hatten sich aufgrund des höchsten Anteils schwerer und leistungsstarker Fahrzeuge seinerzeit vehement gegen die EU-Auflagen gewehrt. Mithilfe der Politik hatten sie auch erreicht, dass sie die Emissionen und damit den Verbrauch weniger stark drücken mussten als etwa Kleinwagenhersteller wie Fiat oder Peugeot. Schwere Autos bekamen einen Bonus.

Ihren Lobbyerfolg von einst wollen die Deutschen jetzt wiederholen – beim Kampf gegen die Grenzwerte für die nächste Regulierungsperiode von 2015 bis 2020. Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Durchschnittsziel, CO₂-Emissionen von 95 Gramm pro Kilometer (Verbrauch von 4,1 Liter Benzin oder 3,6 Liter Diesel pro 100 Kilometer) akzeptieren sie zwar offiziell. »Wir rütteln nicht am Ziel von 95 Gramm CO₂ im Jahr 2020«, sagte BMW-Chef Norbert Reithofer kürzlich im Interview (ZEIT Nr. 44/12). Aber sie haben Nebenforderungen, die ihnen das Erreichen dieses Ziels deutlich erleichtern würden. »Die deutschen Unternehmen versuchen wieder wie schon 2008, die Klimaschutzvorgaben der EU zu verwässern und zu verschieben«, kritisiert Franziska Achterberg, Verkehrsexpertin von Greenpeace in Brüssel.

Als Vehikel für die Aufweichung haben sich die deutschen Autobosse vor allem die Elektromobile ausgesucht. Solche Autos, das fordert etwa jüngst Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie, müssten »mehrfach« in der Flottenbilanz eines Herstellers angerechnet werden. »Super Credits« nennt sich das. Der Kniff geht wie folgt: Ein batteriebetriebenes E-Auto wird mit null Gramm CO₂ berechnet und senkt so schon den Flottendurchschnitt beträchtlich, zählt man aber so ein E-Auto 2,5-fach, wie es die deutschen Autobauer fordern, könnten sie die CO₂-Last mehrerer großer Autos kompensieren. Ein Exemplar seines kompakten Elektroautos i3 (kommt 2013) könnte für BMW-Chef Reithofer dann gleich mehrere durstige 8-Zylinder Limousinen aufwiegen. Dies sei nicht mehr als recht und billig, argumentiert der VDA ganz im Sinne von BMW, Daimler und VW/Audi, schließlich würden damit die Milliardeninvestitionen in die Elektromobilität honoriert, ohne dass es den Staat Geld koste.

In einer internen Präsentation von BMW (»strictly confidential«), die der ZEIT in Auszügen vorliegt, wird auch deutlich, wie die Autobauer in Brüssel argumentieren. Sie behaupten, dass die Fortschritte bei der Verbrauchsreduzierung konventionell angetriebener Fahrzeuge in den nächsten Jahren allenfalls zwei Prozent betragen würden. Also deutlich weniger als zuletzt. Um den Grenzwert von 95 Gramm im Jahr 2020 zu erreichen, sei deshalb theoretisch ein Anteil von 15 Prozent reiner Batterieautos nötig – oder jeweils 10 Prozent Batterieautos und sparsamer Plug-in-Hybride; das sind jene Zwitter-Fahrzeuge, die Strom und Benzin als Energiequelle nutzen können. Nach allen Fachprognosen würden diese beiden Fahrzeuggattungen bis 2020 aber zusammen lediglich auf einen Anteil von maximal 7 Prozent kommen, steht im BMW-Papier. Die logische Forderung an die EU: Ohne die Super Credits ist es nicht zu schaffen.

Die Umweltverbände freilich halten das E-Auto-Argument der deutschen Autokonzerne für vorgeschoben und verweisen auf unabhängige Gutachten im Auftrag der EU-Kommission. Danach kann der Fortschritt bei den konventionellen Antrieben deutlich höher als zwei Prozent sein. Wem die EU-Kommissare am Ende folgen, wird sich im kommenden Jahr zeigen. Dann sollen die Grenzwerte endgültig festgezurrt werden.

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Leserkommentare
  1. "Aber es scheint so, dass die Manager der Automobilindustrie einfach nicht lernfähig seien."

    Klar sind die Damen und Herren lernfähig. Erstes Kapitel: Wiederhole die Nachricht so lange bis alle daran glauben.

    Und es funktioniert! Nehmen wir den Artikel als Beispiel:
    "Die Fortschritte der PS-Branche in Sachen Klimaschutz können sich sehen lassen. Allein im Jahr 2011 schafften es die europäischen Automobilhersteller, die CO₂-Emissionen ihrer Fahrzeugflotten um durchschnittlich 3,3 Prozent zu reduzieren. Der Mittelwert liegt jetzt bei 136 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer (g/km)"

    Tja, wenn man nun wüsste, dass die Industrie aus viel früheren und härteren Zielen der EU zuerst eine "freiwillige Selbstverpflichtung" machte, diese dann (natürlich) nicht einhielt und später mit Lobbykraft und viel "das kostet Arbeitsplätze!" sogar vom Anflug irgendwelcher Sanktionen ablenkte, dann sähe das Lob für die Industrie ganz anders aus.

    So aber klopft man sich auf die Schulter, vergisst, dass z.B. 136 Gramm ein knappes Jahrzehnt früher und nicht freiwillig hätten sein sollen und platziert viele Bedenken in der Presse, wenn dann doch mal jemand fragt, warum wir eigentlich 1,5+ Tonnen Auto mit einem Fahrer und viel Luft durch Großstädte bewegen.

    Es lohnt der Blick ins Archiv. Die Berichte über das Einwirken der Industrie auf EU-Ebene sind vorhanden.

    Zuletzt haben wir jeden! Neuwagen mit insgesamt 5 Milliarden Abwrackprämie gefördert. Das nenne ich mal erfolgreiche Lobbyarbeit. CO2? Lol.

    Antwort auf "Zum tot lachen!"
  2. kann ich mich an die von Ihnen geschilderten Ereignisse sehr gut erinnern. Zusätzlich fällt mir noch das Gejaule über das Diesel-Rußfilter ein, das erst vor wenigen Jahren, wie einst der Katalysator, von der Lobby zum Sargnagel der deutschen Automobilindustrie hochstilisiert wurde.

    Dies hat mich allerdings nicht mehr gekratzt: Seit dem peinlichen Katalysator-Gejammerealso seit 1985, habe ich die Produkte deutscher Automobilhersteller konsequent gemieden. Und bin - im wahrsten Sinne des Wortes - sehr gut damit gefahren.

    Übrigens: Der Lobby ist selbstverständlich nicht anzulasten, dass sie ihre Interessen vertritt. Wenn aber - wie so oft - seitens der Politik den Pressionen nachgegeben wird, erwarte ich detaillierte und schlüssige Begründungen. Da es daran aber in der Regel mangelt, entsteht jedes Mal ein schlimmer Verdacht. Jedes Mal ein bisschen drängender.

    Antwort auf "Zum tot lachen!"
  3. "Die deutschen Konzerne hatten sich aufgrund des höchsten Anteils schwerer und leistungsstarker Fahrzeuge seinerzeit vehement gegen die EU-Auflagen gewehrt."

    Genau die Art von Fahrzeugen, die effektiv fast kein Mensch braucht. Und auch heute nicht (außer vielleicht amerikanische Hausfrauen beim Einkaufen). :-)

  4. könnte man sich einfach nur kaputtlachen - so kann ich gar nicht so viel essen, wie ich k... könnte!

  5. Die Entscheidung zu leichteren und weniger umweltbelastenden PKW liegt nicht zuletzt beim Käufer.

    Es gibt Autos, die sehr wenig Energie verbrauchen, man denke nur an die japanischen Hybriden, die in diesem Jahr wieder die ersten Plätze beim Umweltranking belegen.

    Der Markt entscheidet bei der Heizung, der Hausisolierung, dem Langstreckenflug, den Lebensmitteln und natürlich auch beim PKW.

    • Plupps
    • 25. Dezember 2012 8:10 Uhr

    Der bösen Autoindustrie widmet sich DIE ZEIT mit Hingabe.

    Warum wird eigentlich nie ein Wort über die mehr oder minder befreiten Bereiche gesprochen.

    Welche Reduktionen und Filter sind denn für den

    Flugverkehr (ERdbeeren aus China)
    Binnenschiffahrt
    Hochseeschiffahrt
    Kreuzschiffahrt
    Schienenverkehr
    LKW-Fernverkehr

    geplant: Meines Wissens praaktisch keine. Da kein Wort darüber verloren wird, schließe ich daraus, dass es total okay ist, wenn allein der private Bereich mal wieder alles stemmen soll, während sonst alles weitergeht wie bisher.

    Und klar Vorbild Fiat und Frankreich: Noch weitere drei Jahre Eurokrise und diese Firmen sind rettunglos verloren.

  6. ... trinkt in der Stadt nur (selbst gemessene) 3,8 Liter Sprit. Er fühlt sich bei Stau wohl (sehr im Gegensatz zu seinem Fahrer) da er dann rein elektrisch weiterkriecht. Und wenn kein Stau ist - welch herrliche Stille beim Fahren!

    Ins Heckfenster habe ich ein Schild gestellt: "Liebe Audifahrer, bitte ausnahmsweise nicht so dicht auffahren. Ich möchte nicht, dass Sie mein modernes Auto beschädigen mit Ihrem Verbrennungsofen."

    Muss ich das Schild nun wieder wegnehmen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Plupps
    • 25. Dezember 2012 13:14 Uhr

    Hallo
    wenn Sie schon fragen?

    das ist doch kein PLugIn-Hybrid? Wenn nicht, zieht der Wagen doch auch alle Ursprungsenergie aus einem "Verbrennungsofen"?

    So gesehen, ist das Schild schon ein bisschen keck, und verkauft Ihren Wagen deutlich über Wert.

    Als Späsken wie "Meinen Felgen sind teurer, als dein Auto!" natürlich okay.

    • Zack34.
    • 26. Dezember 2012 14:07 Uhr

    ist vermutlich kein perpetuum mobile, oder?

    Der Strom, den Sie da genüsslich herausfahren, konnte erst dank der Bewegung erzeugt werden (Rekuperation). Und diese käme ohne Ihren eigenen "Verbrennungsofen" nicht zustande. (das rein el. an- und Fahren reicht kaum für eine längere stadtfahrt, und da kann man nicht mehr gewinnen, als man "verbrennt"...)

    Und selbst wenn Ihr Fzg. ein PLugIn-Hybrid wäre... auch sein Strom käme nicht "aus der Steckdose"... Der einzige Weg zu einem 0-Emission-Elektrofahrzeug ist der exklusive Bezug von 100%-regenerativem Strom aus Wind und Wasser.

    Soweit die Physik.

    Ihnen weiter viel Spaß bei der Fahrt.

  7. und diese gründet auf Behauptungen(Berechnungen), wie es in Zukunft wohl kommen wird, wenn wir nicht binnen ... usw.

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