Helden von BagdadBombenjob

In Bagdad explodieren jeden Tag Sprengfallen. Unterwegs mit den Männern, die sie entschärfen von 

Am Anfang, der immer gleich ist, brechen Elektronen aus ihren Umlaufbahnen. Im Innern der Dinge kollabiert die Ordnung. Das Gitter der Moleküle zerreißt. Atomkerne geraten aus dem Gleichgewicht, sie taumeln, ziehen sich an und stoßen sich ab. Sie drängen sich gegenseitig hinaus, schnell, bis zu 9.600 Meter in der Sekunde, schneller als der Schall, der durch die Gassen jagt, der ins Land hinausrollt und den nur noch die Lebenden hören und nicht mehr die Toten.

Als sich eine halbe Stunde nach der Explosion der Rauch gelegt hat, steht der Chemiker Hayder al-Dschisani auf der ausgebrannten Straße. Wasser rieselt aus geplatzten Leitungen. Die Asche auf dem Boden wird zu schwarzem Brei. Das Leben von sechs Frauen und Männern ist ausgelöscht. Hayder, ein 29-Jähriger mit schmalen Schultern, der Schmalste von allen, zwängt sich durch die Menschen, die die enge Straße füllen und ihre Fäuste zum Himmel ballen, den anrückenden Polizisten drohen, sie an den Uniformen reißen und mit verzerrten Mündern schreien, schreien, schreien. Die Polizisten fordern Verstärkung an, rufen in ihre Funkgeräte, halten die Gewehre schützend vor sich und brüllen und brüllen. Hayder folgt der Spur der Asche, konzentriert, unbeachtet von den Wütenden, als sei er hier allein. Die Spur führt ihn zu einem Haufen Blech, der ein Wagen vom Typ Daewoo war. Ursprung des Chaos. In ihm ist die Bombe explodiert. Aus dem Augenwinkel sieht Hayder die abgerissene Hand einer Frau, den Ehering noch am Finger.

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Im Chaos ist eine feste Ordnung, und Hayder macht sich daran, sie zu bestimmen. Er ist Offizier einer Einheit der irakischen Polizei, zu der sich nur selten jemand freiwillig meldet. Im Funkverkehr heißen sie die »Falken von Bagdad«, die Silhouette des Raubvogels ist auf ihre Einsatzwagen gesprüht. In vier Teams zu jeweils zwölf Männern rasen sie durch die irakische Hauptstadt. »Wir sind die, die schon tot sind«, sagen sie über sich. Die Falken sind die Bombenräumer von Bagdad. Rund um die Uhr entschärfen sie Sprengsätze. Seit der Gründung ihrer Einheit 2005 haben sie im Auftrag des Innenministeriums über 11.000 Bomben unschädlich gemacht. Sie untersuchen explodierte Bomben, um noch nicht explodierte besser zu begreifen. Das deutsche Bundeskriminalamt unterstützt sie und lud Hayder auch schon zur Weiterbildung nach Usedom ein.

Das Reporterteam des ZEITmagazins hat die irakische Spezialeinheit eine Woche lang begleitet. Die Polizisten wollen nicht mit Nachnamen genannt werden, aus Angst, außer Hayder al-Dschisani. Autor und Fotograf haben in dieser Zeit gelernt, was die wahre Bedeutung eines altertümlichen Wortes ist, das wir nur widerwillig aussprechen: Helden.

Hayder bleibt nicht viel Zeit. Er geht auf die Knie, zieht sich die Plastikhandschuhe über und kratzt Rußproben vom Boden. »Ihr Hurensöhne!«, ruft es hinter ihm aus der Menge. Junge Männer aus dem Viertel bauen sich vor den Polizisten auf, einzelne fangen an, auf sie einzuschlagen. Die Ladenbesitzer hatten begonnen, Glassplitter von der Straße zu fegen, und die Polizisten befahlen ihnen, das zu lassen. Damit die Spurensicherung und Hayder Beweise sammeln können.

Im Viertel Al-Rabia hat es in den vergangenen Jahren zu viele Razzien und Festnahmen gegeben. Vertreter der Regierung sind hier verhasst, egal welche. Es drohen Hinterhalte. »Wir müssen aufpassen«, hat Hayder auf der Fahrt hierher gesagt. »Ich habe kein gutes Gefühl.« Er fürchtet, dass sie von Scharfschützen auf den Dächern unter Beschuss genommen werden könnten. Möglicherweise ist die Explosion der ersten Bombe auch nur der Köder gewesen, um die Polizei anzulocken und dann bei deren Eintreffen eine zweite oder dritte zu zünden. So passiert das oft in Bagdad. Jede Situation könnte eine Falle sein. Er beeilt sich, sammelt Materialproben in einem Plastikbeutel, wortlos. Die Polizisten hinter ihm können die Menge nicht länger kontrollieren, einer entsichert sein Gewehr, die Menge grölt, Hayder bricht ab. Er will keine weiteren Toten.

Die Stadt mit ihren fünf Millionen Einwohnern liegt im Hochsommer unter einem braunen Schleier aus Wüstensand. In den Straßen flirrt die Hitze. Die Temperaturen steigen auf bis zu 48 Grad. Die letzten amerikanischen Besatzungstruppen sind vor einem Jahr abgezogen. Doch von der alliierten Invasion 2003 und dem Bürgerkrieg hat sich Bagdad noch nicht erholt. Das Sterben geht weiter. Bis November sind in diesem Jahr 3.843 Menschen ermordet worden, 2006 waren es allerdings noch 28.814. Der Statistik nach sterben heute täglich zwölf Menschen durch Attentate – 2007 waren es noch 81. Wobei die Mehrzahl der Morde wohl nie vermeldet wird. Die Stadt ist auseinandergefallen in sunnitische und schiitische Wohngebiete, getrennt von Betonmauern. Es gibt 10.243 Checkpoints. Sie halten die Stadt zusammen, notdürftig wie Eisenklammern einen morschen Schiffsrumpf. Immer noch sind ab und zu Gewehrsalven zu hören. Misstrauisch belauern sich die früheren Milizen. Ihre Mitglieder arbeiten jetzt in Ministerien, Verwaltungen, in den Läden ihrer Familien, doch jederzeit können sie wieder zu den Waffen greifen.

Die Regierung des Premierministers Nuri al-Maliki wankt. Seine schiitischen Verbündeten, die Anhänger des radikalen Muktada al-Sadr – die Sadristen –, unterstellen ihm, er konzentriere zu viel Macht auf sich. Die Sunniten werfen ihm vor, er habe sich auf die Seite der Schiiten geschlagen. Die sunnitischen Untergrundmilizen sind angeblich kurz davor, sich wieder zu erheben.

Leserkommentare
  1. Cowboys im Krieg gegen den Islam zu erblicken ? Etwa hausgemacht das Elend ? Wo bleiben Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ?

    Vielen Dank für diese Reportage.

    Hätte man auch schon vor sechs Jahren machen können, aber da war es wohlfeiler, sich über die Ignoranz der Amerikaner zu ereifern.

    Sie schildern langmütige Stoiker von Tapferkeit.

    'Helden' klingt zwar schön respektvoll pflichtschuldig anerkennend, sind aber noch etwas anderes.

    'Helden' - das werden die Heiligen Krieger sein, die die Jugendblase mit heiterem Ernst heiliger Wonnen zur Ader lassen werden.

    L'héroïsme est la joie de l'effort pour l'amour de la lutte.

    http://quinton.chat.ru/rq...

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