Helden von BagdadBombenjob
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Ein ungleiches Duell zwischen Bombenlegern und Bombenentschärfern

An der Oberfläche scheint Bagdad erstarrt, eine hässliche graue Kruste, aber an der Stadt zerren immer noch die Kräfte des Krieges. Alle paar Tage schleudern sie den Ascheregen der Vernichtung. Es sind Mörsergranaten aus alten Armeebeständen und Selbstmordattentäter, Autobomben, Straßenbomben größter Sprengkraft, Haftbomben unter Fahrzeugen, ausgelöst durch Handys oder Bewegungssensoren.

Die Stimmung beim Spezialkommando ist miserabel. Müde sitzen die Männer in ihren weißen Jeeps und quälen sich durch den Verkehr. Kreuzung für Kreuzung. »Du Arschloch!«, sagt ein Unteroffizier zu dem Beamten, der eben neben dem explodierten Wagen fast das Feuer eröffnet hätte. »Sie haben mir das Kabel vom Funkgerät abgerissen«, wehrt der sich. Dann fallen sie wieder in Schweigen.

Es ist fast Mittag, als der Konvoi sich dem Hauptquartier der Falken nähert, dem sogenannten Direktorat. Ein einstöckiges Geviert mit einem staubigen Innenhof, überragt vom Tulpenbau der Verwaltung, vor einem halben Jahr eingeweiht, in dem die Generäle residieren. Der Neubau der Verwaltung wiederum liegt tief im Schatten eines noch größeren Baus. Das irakische Innenministerium ragt über 30 Stockwerke auf wie ein monströser Geschützturm, Fenster, schmal wie Schießscharten, eine Trutzburg aus Saddams Zeiten, sichtbar bis zum Horizont.

Die Einheit besteht aus 48 Männern. 53 Polizisten kamen seit ihrer Gründung 2005 ums Leben, der letzte starb vor einem halben Jahr. In nur sieben Jahren ist die Einheit praktisch einmal aufgerieben worden. Die Porträts der Getöteten hängen im Durchgangsflur zwischen Kantine und Mannschaftsräumen. Sie sind unscharf, grobkörnig und manchmal schon etwas verblichen, und trotzdem bleiben die Augen der Polizisten im Vorbeigehen oft an ihnen hängen.

Die Stadt ist in dieser Woche so verletzbar wie lange nicht. Die Menschen, die sonst kaum aus ihren Häusern gehen, werden sich bald ins Freie wagen: Am Freitag werden sieben Millionen Schiiten in schwarzem Schador und Trauerkleidung durch Bagdad ziehen. Der alljährliche Pilgerzug zum Schrein des Imams Karim ist eine der größten Prozessionen der Welt. In allen Himmelsrichtungen werden sich die Straßen schwarz färben.

»Hayder!«, rufen die anderen Offiziere, als Hayder al-Dschisani von seinem Einsatz in den Aufenthaltsraum zurückkommt. Sie machen sich manchmal lustig über ihn, weil er sehr still ist. Muthanna schlägt ihm lachend auf den Rücken. Wie Hayder hat er Chemie studiert, keine Arbeit gefunden und sich bei der Polizei beworben. Thamer, ein ehemaliger Verkehrspolizist, schaut im Feinripp-Unterhemd grinsend auf. Er hat kürzlich seinen zweiten Versetzungsantrag gestellt, um in eine andere Polizeieinheit zu kommen. Der Antrag wurde abgelehnt. Dschassim, der beim Versuch, eine Bombe zu entschärfen, schwer verletzt worden ist, ebenfalls Chemie-Ingenieur, spielt am Computer die Eroberung von Stalingrad. Hayder legt seine Splitterschutzweste ab, hockt sich auf ein Feldbett und beginnt seinen Rapport zu schreiben. Thamer zeigt auf den Fernsehschirm: »Ein schlimmer Tag.« Im Liveticker laufen die Meldungen über Explosionen in der Endlosschleife.

Quer durch Bagdad gehen die Sprengsätze hoch, abwechselnd in schiitischen und sunnitischen Wohnvierteln. 21 Autobomben und 50 Sprengfallen werden es bis zum Abend sein. 70 Menschen sterben bis 18 Uhr, es ist der bisher blutigste Tag des Jahres. Aber auch eine Welle von Fehlalarmen jagt die Bombenentschärfer durch die Stadt. Hier ein zu lange parkender Wagen, dort ein Imbissstand, dessen Inhaber seit Tagen nicht gesehen wurde.

Mittags ist es wieder Hayder, der ausrücken muss. Er bricht den Kühlschrank einer Garküche auf, in dem Anwohner eine Sprengladung vermuten, aber da ist nichts. Ministerpräsident Maliki beruft am Abend das Kabinett zu einer Krisensitzung ein. Das Sicherheitskonzept für den Freitag, den Höhepunkt des Pilgerzugs, soll nochmals überprüft werden. Fast alle verfügbaren Ordnungskräfte im Land werden nach Bagdad beordert. »Ein Witz!«, lacht Thamer vor dem Fernseher. Noch so viele Polizisten könnten den Zug der Millionen nicht schützen.

Es ist ein ungleiches Duell zwischen Bombenlegern und Bombenentschärfern, ein Zweikampf, bei dem der eine Techniker den anderen zu überlisten versucht. In schneller Fahrt rauscht der Konvoi am nächsten Morgen über breite Autobahnen. Ahmed, der Hayder heute abgelöst hat, ist der diensthabende Offizier, der sich gern als Frauenheld und Partylöwe gibt und in Wahrheit nichts davon ist. Die Straßenränder sind gesäumt von den Zelten der Pilger, schiitische Fahnen flattern auf den Dächern. »Bombe am Al-Kanna-Highway«, lautete der Funkspruch. Mehr wissen sie nicht. Bald stecken sie im Morgenstau. Sie weichen auf den Mittelstreifen aus, bis plötzlich ein Taxi den Weg versperrt. Blinkend, hupend kommt der Konvoi dahinter zum Stehen. Zwei Menschen steigen aus dem Taxi und rennen davon. »Sieht beschissen aus!«, flucht einer der Polizisten in Ahmeds Wagen. »Das könnte eine Autobombe sein. Wenn die hochgeht, sind wir alle tot.«

In einem ruhigen Moment zuvor hat Ahmed gesagt: »Du hast zwei Möglichkeiten, wenn du einen Sprengsatz entschärfen willst. Du jagst ihn in die Luft, zerstörst ihn mit einer anderen Bombe. Aber dann ist alles dahin, jeder Hinweis auf den Bombenbastler, jede Chance, dem Terror eines Tages ein Ende zu machen. Oder du suchst den Stromkreis, der die Detonation auslöst: Du gehst zur Bombe hin, beugst dich dicht über sie und versuchst, sie zu begreifen.« Sie überholen das Taxi und kümmern sich nicht weiter.

Leserkommentare
  1. Cowboys im Krieg gegen den Islam zu erblicken ? Etwa hausgemacht das Elend ? Wo bleiben Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ?

    Vielen Dank für diese Reportage.

    Hätte man auch schon vor sechs Jahren machen können, aber da war es wohlfeiler, sich über die Ignoranz der Amerikaner zu ereifern.

    Sie schildern langmütige Stoiker von Tapferkeit.

    'Helden' klingt zwar schön respektvoll pflichtschuldig anerkennend, sind aber noch etwas anderes.

    'Helden' - das werden die Heiligen Krieger sein, die die Jugendblase mit heiterem Ernst heiliger Wonnen zur Ader lassen werden.

    L'héroïsme est la joie de l'effort pour l'amour de la lutte.

    http://quinton.chat.ru/rq...

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