Helden von BagdadBombenjob
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Der Irak ist eine Schöpfung der Kolonialmächte, ein künstliches Gebilde

Gruppen von Pilgern wandern auf dem Al-Kanna-Highway, als Ahmed mit seiner Kolonne eintrifft. Die Sprengfalle liegt nur zehn Meter von der Fahrbahn entfernt. Zwischen den Grasbüscheln ist sie kaum zu sehen. Gegenüber sind Zelte und Imbissstände aufgebaut, die die Prozession mit Getränken und Essen versorgen. »Fuck«, sagt Ahmed, was nicht der Bombe gilt, sondern dem Bombenräumkommando der Bundespolizei, Hayder und seine Leute sehen die »Löwen« als Konkurrenz. Die sind eher da gewesen und haben die Zündkabel des Sprengsatzes bereits gekappt. Die Experten beider Einheiten stehen jetzt vor der Bombe wie vor einem erlegten Tier. Zwei mit Klebeband umwickelte Mörsergranaten haben sie aus dem Gras geholt und einen Plastikkanister mit Sprengstofffüllung. »Die Terroristen haben nicht sauber gearbeitet«, sagt Ahmed, die Hände in den Hosentaschen. »Ich bin sicher, die haben beim Verkabeln einen Fehler gemacht.« Die drei Sprengladungen waren mit einem Zeitzünder verbunden, einem Wecker chinesischer Produktion. Plötzlich ein Knall, Ahmed zuckt zusammen. Hinter ihm ist in einer Garküche eine Kühlschranktür laut zugefallen.

Jeder Angriff auf den Pilgerzug kann Bagdad zurück in die Anarchie bomben. Wie die meisten Länder der arabischen Welt ist der Irak eine Schöpfung der Kolonialmächte, ein künstliches Gebilde, das umfasst, was sich nicht zusammengehörig fühlt. Die machtvollen schiitischen Pilgerzüge, unter Saddam verboten, sind für viele eine Provokation. 2005 starben auf einer Brücke in Bagdad bei einer Massenpanik 950 Pilger. Sie drängten sich gegenseitig in die Tiefe, weil Gerüchte über eine Bombe kursierten. Der Bürgerkrieg eskalierte vollends, nachdem 2007 bei einem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samara 1450 schiitische Gläubige ums Leben gekommen waren. Diese Bombe war das Fanal zum großen Abschlachten, der Auftakt zum Krieg zwischen Sunniten und Schiiten, in dem Hunderttausende ermordet wurden – und der im Grunde bis heute anhält.

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Bei Ahmeds Rückkehr schaut Thamer wieder fern, einen türkischen Polizeithriller mit vielen Flammen und Explosionen. Dschassim sitzt am PC, hat aber das Computerspiel gewechselt. Muthanna betet auf dem Boden zwischen den Betten. »Wir sind zu spät gekommen!«, klagt Ahmed. »Die Löwen haben die Zündkabel mit der Hand zerrissen, nur damit sie zeigen können, wie schnell sie sind.« – »Deshalb haben die auch so viele Unfälle«, ruft Thamer. Lange Jahre waren die Falken die Einzigen in Bagdad, die Bomben entschärften, sie sind die Muttereinheit, sagt Thamer, der von Anfang an dabei ist. »Wir haben alle ausgebildet. Ohne uns wären die nichts.« Mittlerweile gibt es fünf untereinander konkurrierende Trupps, jedes Ministerium hält sich einen. Bisher haben sie es noch nicht geschafft, die Stadt in Zuständigkeitsbereiche aufzuteilen. Oft stürzen sich alle fünf auf einmal auf eine Bombe. Es finden regelrechte Wettrennen zwischen den Räumkommandos statt.

Im korruptesten Land der Welt hat die Falken zudem ein Korruptionsskandal gebeutelt. Ihre Kassen sind geplündert. Es ist kein Geld da für moderne Ausrüstung. Für bessere Roboter und Schutzanzüge. Ihre ehemalige Führung ist in Haft: Der Gründungsvater der Einheit, ein General, sitzt mit drei weiteren Offizieren im Gefängnis, verurteilt zu viereinhalb Jahren. Er hatte 800 Sprengstoffdetektoren des Typs ADE 651 für 32 Millionen Dollar aus England gekauft. Jeder Checkpoint im Irak verwendet diese Handgeräte. »Zauberstäbe« heißen sie im Volksmund. Der General wurde verurteilt, weil er Geld hinterzog und die Detektoren für 60.000 Dollar statt für 18.500 Dollar pro Stück erwarb. Er wurde aber nicht etwa bestraft, weil sie ganz offenbar nicht funktionieren. Die Sicherheit von Millionen von Irakern, das ist der begründete Verdacht, stützt sich auf Scharlatanerie. Noch ist der Zauberstab überall im Land im Einsatz.

Ihre Gegner, die Bombenbauer, sehen die Sprengstoffexperten nie. Doch manchmal reden sie mit ihnen am Telefon. Thamer erzählt, wie er vor einem Jahr versuchte, eine Autobombe zu entschärfen. »Ich hatte am Gaspedal den ersten Stromkreis gekappt.« Einen zweiten habe er unter dem Beifahrersitz durchgeschnitten. »Okay, dachte ich, das war’s. Doch plötzlich klingelt irgendwo im Auto ein Handy.« Handys sind die gebräuchlichsten Zünder, ihr Klingeln gibt der Bombe den elektrischen Impuls. Thamer rettete der Umstand, dass er zuvor zufällig ein Kabel durchgeschnitten hatte, das den Zünder mit dem Sprengstoff verband. Was er nicht wusste. Als er das Handy fand, nahm er den Anruf an und brüllte hinein. »Du hast mich nicht erwischt, du Ratte!« Mit ruhiger Stimme habe der Anrufer erwidert: »Ich krieg dich ein andermal.«

Am Donnerstag füllen sich die Straßen. Wo am Vortag Dutzende liefen, sind es jetzt Tausende. Freiwillige besprühen die Pilger am Wegesrand mit parfümiertem Wasser, damit sie nicht in der Hitze kollabieren. Musik spielt aus Lautsprechertürmen.

Für die Falken bleibt es vorerst still. Sie führen ein Leben zwischen Extremen. Da sind Tage voller Langeweile, in denen sie sich auf ihren Betten rekeln und über die Hitze und die Bezahlung klagen, Tage, in denen sie Pornos auf den Handys abspielen, Tee trinken. Ins Endlose gedehnte Zeit. Sie endet, wenn Polizei- oder Militärstreifen in der Zentrale anrufen, sie endet mit dem Schrillen der Klingel im Flur, diesem kleinen bonbonroten Ding, das die Zeit tausendfach beschleunigt. Die rote Klingel des Alarms komprimiert Stunden zu Sekunden, in denen über Leben und Tod entschieden wird.

Leserkommentare
  1. Cowboys im Krieg gegen den Islam zu erblicken ? Etwa hausgemacht das Elend ? Wo bleiben Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ?

    Vielen Dank für diese Reportage.

    Hätte man auch schon vor sechs Jahren machen können, aber da war es wohlfeiler, sich über die Ignoranz der Amerikaner zu ereifern.

    Sie schildern langmütige Stoiker von Tapferkeit.

    'Helden' klingt zwar schön respektvoll pflichtschuldig anerkennend, sind aber noch etwas anderes.

    'Helden' - das werden die Heiligen Krieger sein, die die Jugendblase mit heiterem Ernst heiliger Wonnen zur Ader lassen werden.

    L'héroïsme est la joie de l'effort pour l'amour de la lutte.

    http://quinton.chat.ru/rqmaxwar.html

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