Helden von BagdadBombenjob
Seite 4/5:

Terroristen lassen ihre Bomben selten allein

Die ganze Stadt ist am Tag vor dem Höhepunkt des Pilgerzugs Sperrgebiet. Nur wenige Straßen dürfen befahren werden. Das soll die Gefahr von Autobomben verringern. Am Nachmittag schellt die Klingel, es trifft wieder Hayder. Die älteren Offiziere wie Thamer und Muthanna lassen gerne die jüngeren vor. Hayder läuft zum Spind, wo das Foto seines vier Monate alten Sohnes hängt, Qaswr, sein erstes Kind. Dann schließt er die Klettverschlüsse seiner Schutzweste, schweigend wie immer.

Die Mannschaften rennen zu den Fahrzeugen. Sie rasen durch leere Straßen. Am Rande von Sadr City ist ein verdächtiges Fahrzeug gemeldet worden, an der 83. Kreuzung. Aber dort ist nichts zu sehen. Die Kontrollposten wissen von nichts, und gerade als Hayder beginnt, misstrauisch zu werden, ob sie hier nicht in eine Falle geraten, finden sie den Wagen. Ein Taxi, es steht in einer Nebenstraße. Der Fahrer ist angeblich nach einem Streit mit einem Nachbarn geflohen. »Macht den Roboter klar«, sagt Hayder zu seinen Leuten, weil das Vorschrift ist. Doch sie wissen, dass das nicht nötig sein wird. Denn Hayder geht selbst zu dem Wagen.

Das ist der Grund, warum ihn die niederen Dienstgrade nicht, wie die Offiziere, als den Stillen verspotten, der nie Witze macht. Hayder ist der Furchtloseste. »Man hat da so einen Instinkt«, sagt er später. Er hätte den Roboter benutzen können, im schlimmsten Fall wäre die Maschine auf halber Strecke stehen geblieben. Wegen der alten Batterien. Im besten Fall hätte er es zum Taxi geschafft, ein Schütze hätte das Seitenfenster zerschossen, und der Roboter hätte eine Sprengladung ins Innere geworfen. Dann hätten sie den Wagen in die Luft gejagt. So ist das Standardverfahren, so machen es die älteren unter den Offizieren. »Ich habe keine Lust mehr, mein Leben zu riskieren«, sagt etwa Thamer. »Es hätte den ganzen Tag gedauert«, sagt Hayder. »Wir hätten alles evakuieren müssen und hätten alles zerstört.« Als er das Taxi erreicht, blickt er durch die Fensterscheiben, geht mit etwas Abstand drum herum. Angespannt beobachten seine Leute aus sicherer Entfernung das Geschehen. Die Terroristen lassen ihre Bomben selten allein. Sie beobachten aus der Ferne, lauern manchmal nur darauf, dass die Sicherheitskräfte näher kommen. Wählen dann die Nummer des eingebauten Handys und zünden. Hayder hätte keine Chance.

»Warum hat Allah dem Menschen die Nasenlöcher nach vorne wachsen lassen und nicht an den Schläfen?«, fragt Muthanna, als Hayder eine Stunde später in den Aufenthaltsraum tritt. Muthanna liest gerne in theologischen Abhandlungen. Allah hat einen Plan, will er damit sagen. Egal, wie grausam die Wirklichkeit sein sollte, es gibt dahinter einen Sinn. »Fehlalarm«, sagt Hayder, die Offiziere schauen nur kurz auf. »Warum hat Gott«, fährt Muthanna fort, »die Augenbrauen über die Augen gesetzt und nicht darunter?«

Hayder öffnet seinen Spind, sieht das Fotos seines Kindes, legt die Weste ab. Er hat mit einem Brecheisen das Seitenfenster eingeschlagen, dann die Wagentür geöffnet, behutsam, nur wenige Millimeter, um zu sehen, ob ein Draht dazwischen gespannt ist. Er öffnete dann den Wagen, suchte mit zwei weiteren Polizisten in jedem Winkel und fand – nichts.

Den Tod haben die Bombenbauer in immer vielfältigere Formen verpackt. Thamer musste schon Thermoskannen entschärfen, Colaflaschen und eine Zigarettenschachtel. In den Moscheen haben sie religiöse Bücher gefunden, ausgeschabt und mit Sprengstoff gefüllt. Es gibt Bombenbauer, die sich auf die Herstellung von Ziegelsteinminen spezialisiert haben. Sie sind von echten Ziegeln nicht zu unterscheiden. Die Sprengstoffe kommen aus den Nachbarländern, vornehmlich dem Iran, oder werden aus Düngemitteln gemischt. Bei den Zündern verwenden die Untergrundwerkstätten zunehmend elektronische Sensoren statt Handys. So umgehen sie Störsender.

Hayders Einsätze sind für ihn schwerer geworden, seit sein Sohn auf der Welt ist. »Ich habe schon Kinder gewollt, als ich zehn Jahre alt war.« Zu Hause trägt er den Säugling durchs Haus und kann gar nicht von ihm lassen. Er konnte bei der Beschneidung nicht zusehen, weil er den Schmerz im Gesicht seines Sohnes nicht ertrug. Nach Schichtende, wenn er die Uniform auszieht, geht er in den Handyladen seines Bruders und hilft beim Verkauf. Fast alle Sprengstoffexperten haben einen Zweitjob. Mit dem Gehalt eines Polizisten alleine, 900 Dollar monatlich, könnten Hayder und seine Familie nicht auskommen.

Am Freitag erreichen die Pilger unbeschadet das Heiligtum in Kasimija. Kilometerbreit umsäumen sie den Schrein. Nur Luftaufnahmen können die gewaltigen Dimensionen erfassen. Beim Gebet flehen die Pilger in religiöser Verzückung, beweinen den Imam, der im 8. Jahrhundert vergiftet worden war. Frauen und Männer klammern sich an die Gitterstäbe seines Grabes. Das Trauern ist aber auch Feiern, der Beweis für ihre Liebe zum Propheten Gottes.

Es hält nun auch die Bombenentschärfer nicht länger auf ihrem Stützpunkt. Sie alle sind Schiiten. Muthanna läuft mit seiner Familie quer durch die Stadt, kehrt aber vorzeitig um, weil ihm die Menschenmassen für die Kinder zu bedrohlich erscheinen. Thamer nutzt die Gelegenheit für den ersten Ausflug nach der Geburt seiner Zwillinge. Den Kinderwagen vor sich her schiebend, folgt er seiner Frau im Strom der Gläubigen. Die Bombenanschläge bleiben zum Glück bislang aus.

Am Ende, als die Massen auf dem Heimweg sind und niemand mehr damit rechnet, sprengt sich ein Attentäter an einem Stand von Sammeltaxis in die Luft. Er tötet elf Menschen und verletzt 45. Das einzige Attentat an diesem Tag.

Leserkommentare
  1. Cowboys im Krieg gegen den Islam zu erblicken ? Etwa hausgemacht das Elend ? Wo bleiben Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ?

    Vielen Dank für diese Reportage.

    Hätte man auch schon vor sechs Jahren machen können, aber da war es wohlfeiler, sich über die Ignoranz der Amerikaner zu ereifern.

    Sie schildern langmütige Stoiker von Tapferkeit.

    'Helden' klingt zwar schön respektvoll pflichtschuldig anerkennend, sind aber noch etwas anderes.

    'Helden' - das werden die Heiligen Krieger sein, die die Jugendblase mit heiterem Ernst heiliger Wonnen zur Ader lassen werden.

    L'héroïsme est la joie de l'effort pour l'amour de la lutte.

    http://quinton.chat.ru/rq...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Bagdad | Innenministerium | Nuri Al-Maliki | Daewoo | England | Irak
Service