Helden von BagdadBombenjob
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"Applaus für unseren Helden!"

Wenig später sitzen die Offiziere des Bombenkommandos im Aufenthaltsraum. »Ich habe so etwas noch nicht erlebt«, sagt ein junger Polizeileutnant, der für die Feiertage zur Verstärkung aus der Provinz hierher versetzt worden ist. »Fleisch und Knochensplitter überall.« Er sitzt zitternd im Polstersessel, presst die Handflächen aufeinander, versucht, nicht zu schluchzen. »Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Ob dieses Fleisch auf dem Boden Frauen oder Kinder waren.«

»Ein paar Minuten vorher bin ich da mit meiner Familie noch durchgelaufen«, sagt Thamer erschrocken. »Den Pilgerzug müsste man polizeilich verbieten«, findet Ahmed.

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Er hat die Erinnerung an seinen eigenen Albtraum, in ein weißes Handtuch gewickelt, ganz hinten im Spind verstaut. Eine Zange. »Ich benutze sie nie wieder«, sagt er. Mit ihr hatte er an den Tatorten Beweisstücke aufgelesen. Vor einem halben Jahr war in seiner Schicht eine Straßenbombe unter einem Linienbus explodiert. Ahmed hat die Fotos noch auf seinem iPhone. Er wendet den Kopf ab, als er sie zeigt. »Ich habe mittendrin nach den Überresten des Sprengkörpers suchen müssen.« Er hat bei den Bombenentschärfern angefangen zu trinken, und er prahlt mit dem, was er verträgt. Zwei Flaschen Arrak. Und dann mit 150 Stundenkilometern nach Hause. Er treibe es aber nicht mehr so wild. Er gehe auch nicht mehr so oft in Bordelle. »Bagdads Falke!«, rufen ihn dort die Ansager aus. »Applaus für unseren Helden!« Ahmed nimmt die Reporter einmal dorthin mit. Es sind Bars voller leicht bekleideter Mädchen, sie tanzen im Kreis zu wuchtigen Trommelschlägen. Ahmed sitzt mit Freunden zusammen und bittet hin und wieder ein Mädchen an den Tisch, das an Ahmed nestelt, ihn mit zarten Küssen bedeckt, ihn eindeckt mit Illusionen.

In den Tagen nach dem Zug der Pilger kommt starker Wind auf. Er vertreibt die Hitze nicht, sondern macht sie drückender. Wie die Staubwelle einer einzigen großen Explosion legt sich ein Kranz von schwarzen Wolken um die Stadt. Muthanna untersucht im Sandsturm einen Anschlag auf einen Kontrollposten, drei tote Soldaten, vier Verletzte, ferngezündete Straßenbombe, Routine.

Einer der Männer auf dem Stützpunkt ist dazu verdammt, hinter seinem leeren Schreibtisch zu sitzen. Er hasst diesen Schreibtisch. Die anderen, auch Hayder, vermeiden es, in Dschassims Büro zu kommen. Der Anblick dieses Mannes weckt die Ängste, die sie vor sich selbst verbergen. »Ich vermisse die Arbeit da draußen«, sagt Dschassim. Im Juni 2010 war er zu einem Einsatz vor der Stadtverwaltung von Sadr City aufgebrochen, um eine explodierte Sprengladung zu untersuchen. Sie entdeckten eine zweite Bombe, drei Granaten, 57 Millimeter dick, mit Klebeband umbunden. Er wollte gerade das Kabel vom Zünder kappen, tief über die Bombe gebeugt, als fünf Meter hinter ihm eine dritte explodierte. Die Aufnahme der Explosion hat er auf seinem Handy, er filmte sich selbst bei der Arbeit. Die Metallsplitter zerfetzten seinen Unterleib, verbrannten den Darm, brachen die Hüfte. Dschassim lag sieben Monate mit Schläuchen im Bauch auf der Intensivstation.

Es vergeht immer noch kein Tag ohne Schmerzen. Im Gewebe der Blasenwand wandern vier Schrapnelle. Die Ärzte in Bagdad wagen es nicht, sie zu entfernen. Das könnten nur Spezialisten im Ausland, aber die Regierung zahle ihm die Behandlung nicht. Derweil bewegen sich die Splitter weiter und drohen die Reste der Blase zu zerschneiden. Dschassim ist ein trauriger, zerstörter Mann. Die anderen meiden seinen Blick, und er meidet den ihren.

»Ist das der Tod?«, fragte er sich im Moment der Explosion. Er erblickte seinen rechten Fuß, dann pinkfarbenen Rauch, dann den blauen Himmel. Er schlug auf den Boden auf und sah das Blut und fühlte den Schmerz. »Nein«, dachte er sich da. »Das ist nicht der Tod. Das ist das Leben.«

In schlaflosen Nächten steigt Hayder in seinen Wagen, dreht die Musik auf und fährt ganz langsam durch die Stadt. Wie Schweben sei das. Sich ganz der Musik hingeben. Seine Frau ruft ihn manchmal an und fragt, wo er denn bleibe. »Ich glaube, sie ist ein bisschen eifersüchtig.« Hayder aber trifft sich mit keiner anderen Frau. Er fährt von Checkpoint zu Checkpoint und wird eins mit der Nacht.

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Leserkommentare
  1. Cowboys im Krieg gegen den Islam zu erblicken ? Etwa hausgemacht das Elend ? Wo bleiben Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen ?

    Vielen Dank für diese Reportage.

    Hätte man auch schon vor sechs Jahren machen können, aber da war es wohlfeiler, sich über die Ignoranz der Amerikaner zu ereifern.

    Sie schildern langmütige Stoiker von Tapferkeit.

    'Helden' klingt zwar schön respektvoll pflichtschuldig anerkennend, sind aber noch etwas anderes.

    'Helden' - das werden die Heiligen Krieger sein, die die Jugendblase mit heiterem Ernst heiliger Wonnen zur Ader lassen werden.

    L'héroïsme est la joie de l'effort pour l'amour de la lutte.

    http://quinton.chat.ru/rq...

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