City Guide VenedigHeiter bis flauschig

Im Hotel Giorgione ist die Belle Epoque immer noch lebendig. von 

Ein Fest fürs Auge: Das Hotel Giorgione

Ein Fest fürs Auge: Das Hotel Giorgione  |  © PR

Alle liebten Ilda, die anmutigste Venezianerin der Belle Epoque. Der Prinz von Neapel und spätere König Viktor Emanuel III. von Italien ließ sich von ihr betören. Auch Kaiser Wilhelm und der belgische König warfen in rauschhaften Ballnächten ein Auge auf die Kaufmannstochter. Und selbst den Göttern gefiel die venezianische Circe. Sie schenkten ihr 95 Jahre.

Mehr als 30 Jahre nach ihrem Tod weht Ildas Geist weiter. Nur ein paar Hundert Meter hinter der Rialto-Brücke liegt ihr Hotel Giorgione, das sie der kurzen Ehe mit einem Casanova namens Gustavo Dolcetti verdankte. Heute führt Urenkelin Margherita Pasotto die Geschäfte. Doch die charismatische Ahnin zieht noch immer alle Blicke auf sich. Wer durch die gläserne Schwingtür die Lobby betritt, bleibt unwillkürlich vor dem Bild des Impressionisten Alessandro Milesi stehen, der Ilda im Profil malte.

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Über die Schulter hinweg lächelt sie uns zu – halb entrückt, halb lockend. Willkommen in Ildas Welt. Zur Begrüßung wird ein Espresso kredenzt, und man versinkt auf einem der bordeauxroten, mit Rubelli-Stoffen bezogenen Kanapees. Welch ein Fest fürs Auge ist dieses Foyer! Vergangene Jahrhunderte leben wieder auf, Solidität und Leichtigkeit bilden ein perfektes Paar. Unter dunklen Eichenbalken schweben Lüster aus Muranoglas. Ihr flirrendes Licht sprüht Funken auf vergoldeten Spiegeln und blitzblank gewachsten Terrazzoböden. In einer Vitrine leuchten mundgeblasene Vasen und Teller, gelb wie Capri-Sonnen. Bunte Majolika-Keramiken sind in den Schaufenstern zur Straßenfront hin ausgestellt – Bonbonnieren und Pralinenschalen in Blütenform, die an die Vorgeschichte des Hauses erinnern. Bevor die Dolcettis als Gastgeber Karriere machten, handelten sie mit Süßigkeiten. Hier, wo nun Urlauber mit ihren Rollköfferchen einlaufen, befanden sich die Lagerräume.

Die verwinkelten Flure im ersten und zweiten Stock gleichen heute einem begehbaren Fotoalbum. An den Wänden hängen die verblichenen Bilder von der jungen Ilda und ihren Söhnen, vom Gatten Gustavo, dem Liebling der Signoras. Prominenz grüßt aus faltenfreier Zeit herüber: das kindlich anmutende Ehepaar Jagger auf Gondelfahrt, die Bardot als Barfuß-Mädchen mit beiden Beinen in der Lagune. »Bei uns braucht bald keiner mehr zum Baden an den Lido zu fahren«, sagt die Direktorin Margherita Pasotto. Das Hotel habe endlich eine Genehmigung für den Umbau des Springbrunnens im Innenhof bekommen. So werden die Hotelgäste demnächst den ersten Swimmingpool der Inselstadt genießen können.

Hotel Giorgione

Hotel Giorgione, SS. Apostoli, Cannaregio 4587

Tel. 0039-041/5239092

74 Zimmer. DZ ab 90 Euro

Weitere Hotels in Venedig

Luna Hotel Baglioni. Wenige Schritte vom Markusplatz entfernt, liegt Venedigs ältestes Hotel. Im 12. Jahrhundert stiegen dort die Templer ab, bevor sie die Segel setzten, um das Heilige Land zu erobern. Heute lässt man sich mit der Gondel oder dem Motorboot bis zur Haustür bringen, an der die fünf Sterne der gehobenen Gastlichkeit prangen. Roter Teppich zum Empfang, Blumenbouqets in Kioskgröße. Alle 104 Zimmer bestechen durch Grandezza, feudal wie die Dogen residiert man in den Suiten mit eigener Terrasse und Blick auf die ganze Kanal-Kulisse.
San Marco 1243, Tel. 0039-041/ 5289840. DZ ab ca. 270 Euro

Centro Culturale Don Orione Artigianelli. Wo einst der Priester Don Orione Waisenkinder zu Handwerkern ausbildete, kann sich nun der Tourist vom Tourismus erholen. Unter den Olivenbäumen im Klostergarten rückt das Paradies ein wenig näher. Das weitläufige Gästehaus bietet neu renovierte 75 Zimmer für Einzelreisende, Familien und Gruppen. Wer seine Zimmerrechnung begleicht, vollbringt eine gute Tat: Die Einnahmen kommen einer Stiftung für Bedürftige zu.
Zattere, Dorsoduro 909/A, Tel. 0039-041/5224077. DZ ab 130 Euro

Novecento Boutique Hotel. Wilder Wein rankt über die Mauern des kleinen Hofs, der im Sommer als Frühstückszimmer dient. Doch wer einmal das Innere dieses Hotelchens betreten hat, hört auf, den Weg ins Freie zu suchen. Die neun Gästezimmer und der Aufenthaltsraum atmen den Geist von Mariano Fortuny, der den orientalischen Stil in Venedig salonfähig machte. Baldachine, Kelims und Sitzkissen haben die Besitzer auf einer Marokko-Reise erworben. Während Wunderlampen filigrane Muster an die Wände werfen, plaudern die Gäste beim Aperitif über ihre Reisen.
San Marco 2683/84, Tel. 0039-041/2413765. DZ ab 110 Euro

Hotel Pensione Guerrato. Vor 18 Jahren begann das zweite Leben des Handlungsreisenden Roberto Zamattio: Er wurde wieder sesshaft, kaufte der Familie Guerrato ihre Pension ab, bestückte die 20 riesigen Gästezimmer mit antikem Mobiliar, Ölgemälden und Muranoleuchtern. Roberto ist ein aufmerksamer Gastgeber geworden, der den Besuchern das Gepäck in den ersten Stock trägt und versiert von der Geschichte der Serenissima erzählt.
Calle Drio La Scimia, San Polo 240/A, Tel. 0039-041/5285927. DZ ab 90 Euro

Margherita schließt die Türen zu den Zimmern auf, die mal groß wie Gemächer sind, mal kuschelig wie Boudoirs, eingerichtet im Schnörkelstil des 18. Jahrhunderts und trotzdem zeitgemäß. Moderne Marmorbäder, Flachbildschirm und Minibar gehören auch in den zweistöckigen Refugien unterm Dach zur Grundausstattung. Dort führt eine dunkle Holztreppe vom Salon in die Schlafetage und zu einer Terrassentür, hinter der sich ein Altan auftut. Auf solchen Logenplätzen ließen sich früher die Damen von der Sonne die Haare bleichen. Leuten von heute sei bei gutem Wetter empfohlen, ein Fläschchen Prosecco zu bestellen und sich entspannt zurückzulehnen. Leider wabert gerade der Nebel durch die Lagune. Außerdem haben wir keine Maisonette-Wohnung reserviert. Unser Zimmer fällt eher in die Kategorie Boudoir, bewährt sich aber als fürstliche Schlafmuschel mit Kingsize-Bett und üppig drapierten Seidenvorhängen.

City Guide Venedig

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Heiter wie die Kunst ist das Leben im Giorgione. Wer eine geruhsame Nacht verbracht hat, zum Frühstück am weiß gedeckten Tisch einen frisch aufgebrühten Darjeeling serviert bekommt, startet beschwingt in den Tag. Im Speisesaal fällt mildes Licht auf ein flächendeckendes Wandbild in Pastellfarben. Einer, der das Leben für schwerelos und luftdurchlässig hielt, hat es geschaffen: Zwei Kinder sitzen in einem Boot, blicken über den glatten Wasserspiegel der Lagune in die Ferne, wo sich der Markusturm aus dem Dunst erhebt. Als wären sie Venedigs erste Touristen, so hocken sie da.


Legende: Rot = Essen, Grün = Ausgehen, Blau = Erleben, Gelb = Schlafen
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Ähnlich einzigartig fühlt sich der Gast im Giorgione. Nach dem ersten Tag nennt ihn der Concierge beim Namen, und der junge Portier Andrea erkundigt sich in tadellosem Deutsch, ob der Aufenthalt reibungslos verläuft. »Hic manebimus optime« lautete schon der Leitsatz der Prinzipalin Ilda. Er stammt von dem Geschichtsschreiber Titus Livius und bedeutet frei übersetzt: »Hier geht es uns gut.«

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Leserkommentare
  1. Schön, wirklich schön, das Hotel. Aber 90 Euro für ein Zimmer? Ich glaube, diese Information muss noch einmal überprüft werden!

  2. Die Preisangabe lautet (aus sehr guten Gründen, Sie ahnen es):
    ab 90 Euro

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