Jahrelang hatte die Venezianerin in den Bäckerei- und Lebensmittelgeschäften ihrer Eltern gearbeitet, bis sie mit 36 beschloss, sich einem Philosophiestudium und der Kunst zu widmen. 2008 zog ihre Galerie in den Palazzo Palumbo Fossati am Campo San Maurizio. Reisende kennen den Platz, weil hier Händler einmal im Monat Kunst und Kitsch feilbieten.

Rizzo mag’s größer. Zurzeit zeigt sie wandfüllende Fotos aus der Wüste Gobi und vom Aralsee. »Ich verkaufe an Sammler aus aller Welt«, sagt sie, »aber nie an Venezianer.« Die reichsten Bürger seien Gondolieri und Wassertaxifahrer, und die interessierten sich für Kunst nur, wenn sie an ihrem Transport verdienten. Rizzo zahlt Unsummen, um die Werke in die Lagune verschiffen zu lassen. Weil der Nimbus der sterbenden Stadt so viele Kunstfreunde anzieht, lohnt sich das trotzdem. 

Mein letztes Ziel ist der Palazzo Fortuny in der Nähe des Campo Sant’ Angelo. Der gotische Bau aus dem 15. Jahrhundert hat schon so manche Verwandlung durchgemacht: Zuerst Privathaus, dann Theater- und Konzertsaal, schließlich Wohnatelier und Wunderkammer des 1949 verstorbenen Tuchmachers und Universalkünstlers Mariano Fortuny.

Nachdem Fortuny als junger Modemacher Schauspielerinnen wie Sarah Bernhardt und Eleonora Duse mit seinen golddurchwirkten Stoffen eingekleidet hatte, verlegte er sich auf den Entwurf von Theaterkulissen und Opernbühnen. Sein Palast ist heute ein Museum, in dem das Venedig-Prinzip, neue Kunst in alter Umgebung zu zeigen, auf die Spitze getrieben wird.

Parallel zu den letzten Biennalen hat der Kunsthändler Axel Vervoordt eine wirkungsvolle Mischung aus Antikem und Zeitgenössischem in Fortunys genialisch vollgerümpelte Säle hineingebaut. Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hingen neben japanischer Keramik aus der Edo-Zeit und Videokunst der serbischen Körperkünstlerin Marina Abramović. Einige der Arbeiten sind im Palazzo geblieben und konkurrieren nun mit Fortunys Tuchen, Bildern und Bühnenaufbauten.

Ich sinke auf ein extralanges, altmodisches Sofa, um eine Skulptur von Günther Uecker zu betrachten. Dann heftet sich mein Blick auf eine Serie von Wasserflaschenfotos, denen ich nirgendwo sonst Beachtung schenken würde. Doch in diesem schwelgerischen Getümmel strahlen sie Ruhe und Alltäglichkeit ab.

Gleich hinter dem langen Sofa führt ein Gang in eine Wunderkammer des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell. In dem Raum leuchtet nur ein rotes Rechteck. Das Rot ist aus purem Licht und wirkt so tief, als läge da noch eine zweite Welt hinter der Wand. Starrt man nur lange genug hin, so wandelt sich das Rot in Violett, wird blau, bis es wie eine farbige Masse aus der Wand herauszuquillen scheint. Und schon wieder komme ich ins Taumeln.

Draußen ist die Wintersonne untergegangen. Wie Scherenschnitte ragen die Häuser in den Abendhimmel, der noch in einem satten Türkis leuchtet. Einem Türkis, das sich etwas dunkler im Wasser der Kanäle spiegelt. Ein Anblick von irrealer Schönheit. Er wirkt ganz ohne die geheimen Lampen des James Turrell.