DIE ZEIT : Spritz oder Bellini, Herr Spiller?

Cristiano Spiller: Definitiv Spritz. Venezianer trinken zum Aperitiv nichts anderes. Bellini ist was für Mailänder.

ZEIT: Der Bellini wurde in Venedig erfunden! In den dreißiger Jahren in Harry’s Bar. Hemingway und Orson Welles sollen dabei gewesen sein, als dieser Cocktail aus Champagner, Weißwein und Pfirsichpüree zum ersten Mal über den Tresen ging.

Spiller: Stimmt, hab ich vergessen, Giuseppe Cipriani und seine berühmte Bar. Die gibt’s immer noch. Trotzdem bleibe ich beim Spritz. Ist frischer, zeitgemäßer. Die Frage ist nur, was außer Prosecco und Soda noch reingehört: Aperol, Campari oder Select? Fachleute können da einen ganzen Abend drüber streiten. Ich mag alle drei Varianten. Im Venezianischen heißt der Drink übrigens Spris.

ZEIT: Also Spris. Wo gibt es den besten?

Cristiano Spiller, 37, ist Gründer von Nano Records. © Willem Thomson

Spiller: Ich würde den Abend immer im Al Mercà hinter der Rialtobrücke beginnen. Eine winzige Bar, höchstens zehn Quadratmeter groß. Der Tresen geht wie bei einem Eisladen zum Platz raus, weshalb die Gäste in einer Traube vor den historischen Markthallen stehen. Junge Leute, Touristen, auch Geschäftsleute treffen sich hier zum aperitivo . Die Stimmung ist entspannt, und die Getränke sind nicht nur für Venedig extrem billig. Im Laufe des Abends sollte man dann unbedingt noch auf ein Glas Wein im Paradiso Perduto in Cannaregio vorbeischauen. Der Ort ist legendär.

ZEIT: Man hört von rauschhaften Partys, internationaler Prominenz, bühnenreifen Abstürzen. Ist das noch so?

Spiller: Der Patron jedenfalls ist wieder der alte: Maurizio, ein großartiger Gastgeber, aber auch ziemlich launisch. Für ein paar Jahre war er verschwunden, ist mit seinem Boot durchs Mittelmeer gefahren und hat in den Häfen gebratenen Fisch verkauft. Das Paradiso gab es weiterhin, aber es war nicht mehr dasselbe. Jetzt ist Maurizio zurück und mit ihm der alte Spirit. Es gibt Kunstausstellungen und Livekonzerte. Wenn Sie ihn im richtigen Moment erwischen, lädt er Sie auf eine seiner berühmten Privatpartys ein, die erst losgehen, wenn die Bar offiziell schon geschlossen ist. Die Sperrstunde beginnt in Venedig ja früh.

ZEIT: Was heißt früh?

Spiller: Die Musik muss ab 21.30 Uhr aus sein, um Mitternacht fliegt der letzte Gast raus. Sonst kommen die Carabinieri. Angeblich wegen der Nachbarn.

ZEIT: Musikverbot ab halb zehn? Wie ist es Ihnen da gelungen, in Venedig zu einem der gefragtesten DJs Italiens zu werden?

Spiller: In den neunziger Jahren gab es noch ein ernsthaftes Nachtleben in der Stadt. Auch meine Freunde von 2 Guys in Venice haben hier angefangen, zwei großartige Sounddesigner, Musiker und Komponisten. In meinem Studio am Rio Marin machen wir gelegentlich Remixes zusammen. Aber die vielen kleinen Clubs, in denen wir damals bis sieben, acht Uhr in der Früh aufgelegt haben, sind geschlossen. Nur während des Karnevals und der großen Festivals gibt es Sondergenehmigungen, und plötzlich ist wieder was möglich: Partys, Musik, relativ lange Nächte.

ZEIT: Und diese Partys kann man einfach so besuchen?

Spiller: Die Hollywoodstars haben während der Filmfestspiele ihre eigenen Events, da krieg auch ich keine Einladung. Aber es gibt größere Sachen. Dieses Jahr hat Levi’s zwei Riesenpartys ausgerichtet, eine in der Peggy-Guggenheim-Foundation, eine auf der Insel San Servolo gegenüber vom Markusplatz. A_Trak haben gespielt. Während der Kunst-Biennale gaben Sigur Ros und Courtney Love Konzerte.

ZEIT: Und wie ist das beim Karneval? Es heißt, die Venezianer selbst machten da gar nicht mehr mit.

Spiller: Ich schon. Das lass ich mir nicht nehmen, auch wenn die Stadt den Karneval an große Sponsoren verkauft und viel vom alten Geist zerstört hat. Mein Vater, der Künstler und Maskenbildner Giorgio Spiller, war in den achtziger Jahren eine wichtige Figur im Karneval. Seine Kostüme sorgten jedes Jahr für einen Skandal, angeblich waren sie zu obszön. Aber darum geht es: um Grenzüberschreitung. Für ein paar Tage ist man ein anderer.

ZEIT: Haben Sie ein bestimmtes Kostüm?

Spiller: Nein, ich möchte mich nicht wiederholen. Mir gefällt die Vorstellung, dass mich auch Freunde und Bekannte nicht erkennen. Daraus ergibt sich die Magie dieser Tage. Karneval ist ein Straßenfest. Die meisten Konzerte und Partys finden draußen statt. Aber auch hier gilt: Um Mitternacht ist meistens Schluss.

ZEIT: Und was sagen Sie, wenn Sie jemand fragt, wo er dann noch weiterfeiern kann?

Spiller: Das, was ich das ganze Jahr über auf diese Frage antworte: Fahrt aufs Festland! Die Region Venetien ist, was die Clubs angeht, führend in ganz Italien. Im Il Muretto in Jesolo legen im Sommer die berühmten DJ-Superstars auf, dort sind Sie in einer halben Stunde. Auch in Mestre, wo heute die meisten Venezianer leben, gibt es ein paar sehr gute Locations. Im Popcorn Club organisiere ich mit 2 Guys from Venice zwei Mal im Monat eine House Party mit internationalen Gästen. Nachts ist Mestre Venedigs Rettung.