City Guide Venedig : Mit Haut und Zange
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In der Auslage wuseln Krabben, Kaisergranate und Heuschreckenkrebse

Benelli fasst den Besucher beim Arm: »Kommen Sie, ich zeige Ihnen einen meiner Lieferanten.« Er schlägt nicht den Weg nach Westen ein, zum legendären Rialto-Markt. »Da gibt es vielleicht noch zwei Händler, die auf örtlichen Fisch spezialisiert sind. Die anderen verkaufen importierte oder aufgetaute Ware – was ja auch richtig ist.« 24 Millionen Touristen im Jahr kann die Lagune unmöglich ernähren. Trotzdem komisch: Da kommen all diese Menschen und verspeisen Lebensmittel, die gewissermaßen mit ihnen angereist sind – ein riesiges Picknick vor historischen Kulissen. Sicher, sie zahlen viel Geld dafür und leisten so ihren Beitrag zum Erhalt der Stadt. Doch gerade das, so fürchtet Cesare Benelli, höhle sie allmählich aus. Denn was genau wird da erhalten? Ein Denkmal. Das sterbende Venedig, für immer festgehalten im Übergang vom Glanz zum Verfall.

Wir gehen nach Osten, tiefer ins Castello-Viertel. Für venezianische Verhältnisse ist dies schon ein raueres Pflaster. Anstelle der Wäsche hängen hier auch mal Müllsäcke aus den Wohnhausfenstern; an manche Wände sind sogar Graffiti geschmiert. Über zwei Brücken führt Benelli in die Via Giuseppe Garibaldi, die Hauptstraße des Viertels. Sie ist so schnurgerade und breit, dass einem Venedig weit weg vorkommt. Dabei geht man eben auf einem zugeschütteten Kanal. Die meisten Geschäfte hier sind zum Einkaufen, nicht zum Shoppen: Haushaltswaren, Bootsbedarf, Gebäck. Ein Stück weiter trennt der Kanal wie ein Grünstreifen die Straßenseiten. Ein Gemüsehändler verkauft von der Gondel aus Treviso-Salat.

Benelli grüßt und wird gegrüßt; offenbar kennt hier jeder jeden. Einen Kilometer entfernt vom Markusplatz geht es zu wie in einer Kleinstadt. Man ahnt jetzt, was für ein Venedig der Gastronom erhalten will. Es ist mehr als modischer Regionalismus, dass er die meisten seiner Waren von einheimischen Bauern und Händlern kauft. Dass er auf einer Laguneninsel eigenen Wein anbaut. Der Reichtum Venedigs liegt für ihn nicht in den Palästen, sondern in der Autarkie. Jeder Teller mit Lagunenkrebsen ist auch ein kleiner Einspruch gegen die Fremdbestimmtheit.

Der Fischladen in der Via Garibaldi könnte als Zoohandlung durchgehen. In der Auslage wuseln Krabben, Kaisergranate und Heuschreckenkrebse, nur leicht betäubt vom Eisbett, auf dem sie verteilt sind. Benelli fühlt sich sichtlich zu Hause. Er wäscht seine Hände über einem Becken, das schwarz ist von Sepiatinte. Begrüßt den Verkäufer Pippo, der fangfrische Doraden filetiert: »Sehen Sie? Wie ein Chirurg.« Dann wühlt er los, fasst an, dreht um, lobt Fische für ihre Schönheit. Moleche gibt es natürlich auch, einen ganzen Beutel davon, das Kilo für 45 Euro. »Teuer, aber tolle Ware. Fassen Sie mal rein!« Sekunden später krabbelt etwas Feuchtes, Weiches mit acht Beinen über die Hand. Man verdrängt den Gedanken ans Dschungelcamp und versucht zu sehen, was Cesare Benelli sieht: neues Leben für seine Stadt.

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