Es gibt Situationen, in denen muss ich raus. Ich sitze zu Hause an einem Buch, will nicht mehr schreiben und laufe unruhig durchs Zimmer. Dann weiß ich: Es ist Zeit für die Bar Rosa Salva am Campo Santi Giovanni e Paolo in Castello. Ich habe sie 1981 entdeckt, als ich gerade nach Venedig gezogen war und tagelang planlos durch die Gassen irrte, um ein Gefühl für diese Stadt zu bekommen. Inzwischen wohne ich ganz in der Nähe. Dennoch gehe ich nie auf direktem Wege dorthin.

Ich laufe durch die schmale Barbaria delle Tole, werfe einen Blick in die kleine japanische Papeterie oder bewundere die Auslagen in der benachbarten Konditorei. Der Laden für Seemannsbedarf, mit Ankern, Stiefeln, Jacken, ist leider verschwunden. Überhaupt fällt auf, dass die Häuser hier in den vergangenen Jahren ein wenig heruntergekommen sind. Ich lebe im Venedig der einfachen Leute. Meine Nachbarn behaupten, in den Gassen des Sestiere noch echtes Venezianisch zu hören. Das kann ich nicht beurteilen. Mir gefallen die schlichten, höchstens drei- oder vierstöckigen Gebäude, die sagenhaft schmalen Gassen. In der Barbaria delle Tole kann man die Häuserfassaden nur sehen, wenn man sich an die Wand des gegenüberliegenden Hauses lehnt.

Nach fünf, zehn Minuten führt der Weg mich über eine kleine Brücke, und ich stehe vor dem Kloster San Francesco della Vigna. Der Vorplatz ist zur Lagune hin offen, weshalb man den schönsten Blick auf das prächtige weiße Portal der Kirche wohl vom Schiff aus hat. Ich nehme den linken Eingang zum Kloster und stehe in einem quadratischen, von Säulengängen eingerahmten Innenhof. Manchmal setze ich mich auf einen Sims und genieße die Ruhe. Keine Mobiltelefone, keine schnatternden Menschen, die dicken Mauern verschlucken den Lärm von draußen. Manchmal gehe ich direkt in die Kirche.

Ein Gemälde hat es mir angetan: von der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, gemalt von Antonio da Negroponte Ende des 15. Jahrhunderts. Es hängt über einem Seitenaltar links. Ich werfe 50 Cent für die Beleuchtung ein, damit ich dieses für seine Zeit ungewöhnlich fröhliche Bild ein paar Minuten lang in voller Pracht anschauen kann: Maria sitzt auf einem Thron, hat das Jesuskind auf dem Schoß, und zu ihren Füßen wuseln lauter bunte Vögel herum, Rebhühner und Wachteln. Der Heiligenschein über der Gottesmutter ist beinahe golden, ihr glänzendes Gewand fließt lavagleich zur Erde. Eine Viertelstunde bleibe ich sitzen, danach habe ich meinen Kaffee auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo verdient, einem fantastisch schönen Platz mit einer geziegelten Dominikanerkirche und dem Renaissancegebäude der ehemaligen St.-Markus-Gesellschaft. Heute ist dort das Krankenhaus untergebracht, in das in meinen Romanen die Mordopfer eingeliefert werden.

Die Bar Rosa Salva ist eine Institution, nicht schick, ziemlich niedrige Decken, aber immer voll. Hier trifft sich Venedig, in den unterschiedlichsten Konstellationen, aber doch meist aus demselben Grund: Wer einen Freund oder Verwandten im Ospedale Civile besucht hat, trinkt hier noch einen rituellen Espresso. Auch meinen Commissario Brunetti schicke ich hier regelmäßig vorbei. Er schätzt auch die zweite Bar Rosa Salva am Campo San Luca. Mein Wohnzimmer aber liegt eindeutig am Campo Santi Giovanni e Paolo.

Hier treffe ich meine Verabredungen, gebe Interviews. Eine der Kellnerinnen kenne ich seit 30 Jahren. Ich bin mir nicht sicher, ob sie weiß, wie ich heiße. Aber sie weiß, dass ich meinen caffè ohne Zucker und im Stehen trinke. An einem Sonntagnachmittag darf es auch mal ein affogato sein: ein über eine kleine Kugel Vanilleeis gegossener Espresso. Exzellent!

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz