Steuerflucht : Mon dieu – Ein Prolet!

Gérard Depardieu ist nun Steuerflüchtling – eine Verteidigung.

Für den Rebellen aus dem Film Die Ausgebufften begeistern sich Frankreichs Bürgersleute seit fast 40 Jahren. Aber sobald ein Prolet im echten Leben Ernst macht, kommt der alte Klassenhass wieder durch. Dieser Depardieu! Dick ist er und säuft, lästert über Publikumslieblinge wie Juliette Binoche, alles schlimm genug, aber jetzt: Ausgerechnet in Belgien meldet er einen Wohnsitz an, da wo diese Deppen wohnen, über die wir uns so gerne lustig machen, höhö, und warum macht er das? Na warum wohl. Wer denkt nicht darüber nach, wie er das Finanzamt behumsen kann! Anders gesagt: Frankreichs Medien mögen Obelix nicht mehr.

Depardieu kommt von ganz unten. Ohne das Kino, sagt er von sich, wäre er vom Kleinkriminellen, der er war, zum Verbrecher geworden. Das und was er sich für seine historischen Filmrollen anlas, hat seine Sicht der Dinge geformt: Der Wille entscheidet. Weshalb Depardieu zum Beispiel Fidel Castro verehrt und gut Freund mit postsowjetischen Autokraten ist: Auch das wird ihm jetzt wieder vorgehalten.

An Nicolas Sarkozy wiederum schätzte er die plebejische Art, Elitefranzosen zu verunsichern. Dass er den Kandidaten der Rechten im Wahlkampf unterstützte, hat ihm die linke Publizistik nicht verziehen, und heute zahlt sie es ihm heim. Ja, er ist kürzlich besoffen vom Scooter gepurzelt, nicht lustig, muss bestraft werden – aber warum die Häme? Gewiss, er hat auf den Boden eines Flugzeugs gepinkelt, allerdings hatte niemand gefragt, welche Gesundheitsprobleme er vielleicht hatte – aber noch einmal: Warum die Häme? Womöglich weil dieser Proletarier unverschämterweise reich ist. Und weil in Frankreich das Geld immer noch stinkt (auch wenn es jeder gerne besitzt). Noch so ein geistiges Brauchtum, gegen das Sarkozy verstoßen hatte, er, der »die Knete« geradezu vulgär verehrte. Was ihn Sympathien des Publikums kostete.

Die sind einem Rockertyp wie Depardieu offenbar schnuppe. Er sagt zu allem Überfluss noch Sachen wie: »Frankreich langweilt mich. Jede Nation langweilt mich. Ich fühle mich nicht als Franzose, eher als Europäer und eigentlich als Bürger der Welt.«

Da kommt die belgische Affäre wie gerufen. Der Mann ist kein Patriot, so schallt es durchs Land. Ein sozialistischer Abgeordneter will dem »Gégé national«, wie er früher zärtlich genannt wurde, gar die Staatsbürgerschaft entziehen lassen – sobald ein entsprechendes Gesetz durch ist. Premierminister Jean-Marc Ayrault wedelt unterdessen mit der »nationalen Solidarität«.

Schon ist die Rede von »Depardieus Poujadismus«; das war eine Bewegung kleinbürgerlicher Steuerrebellen in den fünfziger Jahren. Den Schauspieler dürfte dieser Vorwurf kaltlassen, ihn, den Bewunderer der Chouans, der Bauernguerilla, die sich vor gut 200 Jahren in ganz Westfrankreich gegen die Zentralisten der revolutionären Republik erhoben hatte – und regelrecht abgeschlachtet wurde. Wenn Depardieu überhaupt politisch einzuordnen ist, dann gehört er zu den anars de droite , den Rechtsanarchisten: individualistisch, staats- und massenfeindlich und durchaus antinational.

Damit wird die Sache grundsätzlich. Steuern müssen sein, gewiss. Aber sind sie wirklich eine Sache des Patriotismus oder einfach nur nötig? Sind sie warm oder kalt? Anschlussfrage: Sind jene Leute irgendwie moralisch schlecht, die den Begriff der Nation für deskriptiv, nicht aber für normativ halten? In Frankreichs Reaktion auf die Ummeldung nach Belgien mischt sich ein totalitärer Besitzanspruch des Staates auf die Individuen. Doch selbst ein Depardieu, mag er so französisch wie Camembert sein, gehört in Wahrheit zunächst einmal sich selbst.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Er hat mit seiner Ansprache den Nerv getroffen!!

Der Schauspieler Gérard Depardieu ist doch der Einzige, der sich traut eine Meinung über die Steuerpolitik in Frankreich kund zu tun. Wir Deutschen gehen Scheinheilig in das Ausland ohne irgendeine Kritik an der Merkel schen Regierung auf zu zeigen. Er sollte Unterstützt werden. Der aller meiste Reichtum unter den Großunternehmern ist doch z.b. in der Schweiz gebunkert - außerhalb des deutschen Steuersäckels. Vielleicht sollten die Regierungen in Frankreich und Deutschland mal darüber nachdenken, ob dieses Ausnutzungssystem über die Steuern der richtige Weg ist. Die Politik unter Merkel ist in vielen Dingen gescheitert, da dieses System Arme und Reiche auslaugt.