Ein Zufall, was sonst. Wäre die EU ein paar Jahre früher ausgezeichnet worden, hätten andere den Preis entgegengenommen. So aber standen José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy und Martin Schulz am vergangenen Montag im Osloer Rathaus auf der Bühne und hielten, während das norwegische Königspaar applaudierte, Medaille und Urkunde des Friedensnobelpreises in den Händen. Stolz standen die drei Männer da, bewegt und auch ein wenig unsicher. Denn dass der Preis nicht ihnen galt, sondern die Osloer Juroren ein Werk auszeichneten, das andere vor ihnen geschaffen haben, war den Preisträgern bewusst.

Die Europäische Union sei »das Werk von Generationen«, so sagte es Herman Van Rompuy, der Ratspräsident, gleich zu Beginn seiner Dankesrede. Und Martin Schulz, der einmal Buchhändler war, bevor er Präsident des Europäischen Parlaments wurde, fühlte sich in Oslo an die Buddenbrooks erinnert. Was nicht alleine an dem nostalgischen Interieur des Grandhotels lag, in dem die Preisträger logieren. Thomas Manns großer Roman handelt vom Verfall einer Familie. Auf die Gründergeneration, erläuterte Schulz, folge die der Verwalter und schließlich jene, die alles verspiele. »Meine Generation hat den Preis nicht verdient«, sagte Schulz. »Ich möchte nicht zu denen gehören, die das Erbe verspielen.«

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte jener Krise zu erzählen, die die EU seit bald drei Jahren gefangen hält. Aber in Oslo ist deutlich geworden, dass es sich auch um die Geschichte und den Konflikt verschiedener Generationen handelt. Angela Merkel und François Hollande saßen Seite an Seite in der ersten Reihe. Als der Vorsitzende der Jury an die deutsch-französische Aussöhnung erinnerte, erhoben sich die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident, drehten sich zum Saal und reckten gemeinsam die Arme in die Höhe. Fast wirkte es wie eine Beschwörung. Denn die Namen, die zitiert wurden, waren andere: Jean Monnet und Robert Schuman, die Vordenker der europäischen Einigung, Helmut Kohl. Die großen Europäer.

Jede Generation beginnt im Schatten der vorangegangenen. Aber selten ist dieser Schatten so mächtig wie in der europäischen Politik. Und mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird er mächtiger.

Auf der einen Seite stehen die Alten, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs das große Werk der europäischen Einigung errichtet haben. Ihr Werk. Männer wie Monnet und Schuman, Adenauer und de Gaulle, später Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterrand. Die Gründer und die Verwalter. Ihnen gegenüber stehen die Amtsinhaber von heute, Nachgeborene, die den Krieg nicht mehr erlebt haben und denen die richtige europäische Gesinnung fehlt. Jedenfalls ist das der Vorwurf, der Merkel und ihre Kollegen seit dem Beginn der Krise begleitet. »Schwächelnde Erbverwalter« hat der scheidende Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker diese – seine – Generation einmal wütend genannt. Der Luxemburger teilt zwar mit Merkel den Jahrgang, aber als Europäer sieht er sich eher in einer Reihe mit Helmut Kohl.

»Die macht mir mein Europa kaputt.« Mit diesem Satz hat der Spiegel vor einiger Zeit Kohl zitiert. »Die«, damit soll Angela Merkel gemeint gewesen sein. Kohls Büro hat den Satz später bestritten, doch zutrauen würde man ihn dem Altkanzler sofort. Schließlich illustriert er beides, den fortdauernden Besitzanspruch (»mein Europa«) genauso wie Kohls Misstrauen gegenüber seiner Nachfolgerin. Ein Misstrauen, das sich auch in einer Reihe von Wortmeldungen von Helmut Schmidt in jüngerer Zeit wiederfindet. »Unvermögen« ist dabei noch eine der freundlicheren Vokabeln. Einmal hat Schmidt Merkel sogar »Nationalegoismus« vorgeworfen. Es kommt nicht oft vor, dass Amtsinhaber so rüde von ihren Vorgängern attackiert werden.

Woher rührt diese Schärfe? Und warum geht es in dieser Auseinandersetzung immer gleich ums Ganze, um Krieg oder Frieden, Europa oder Nicht-Europa?

Die Verdienste der Alten sind unbestritten. 

Man kann diesen Generationenkonflikt nicht verstehen, wenn man sich nicht seine Voraussetzungen anschaut. Schmidt und Kohl, Giscard und Mitterrand, sie alle sind Politiker geworden, weil sie als Kind oder als Soldat den Krieg erlebt haben. Das hat ihrer Politik, vor allem ihrer Europapolitik, eine Dringlichkeit und eine Überzeugungskraft gegeben, die den Jüngeren naturgemäß nicht zur Verfügung stehen. Für die Alten ist die EU bis heute eine Antwort auf die Geschichte. Ihr wichtigstes – und schlagendstes – Argument bleibt der Hinweis auf die Vergangenheit. Doch den Jungen fällt es schwer, sich einen Krieg in Europa noch vorzustellen. Umgekehrt gilt: Den Alten fällt es schwer, von Europa zu sprechen, ohne dabei an Krieg zu denken.

Das führt zu einem unterschiedlichen Europa-Bewusstsein. Die Generation von Schmidt, Kohl und Giscard empfindet die EU seit jeher als ein prekäres, gefährdetes Projekt. Für Merkel oder Hollande hingegen, die sich fast monatlich in Brüssel treffen, ist das Politikmachen im europäischen Verbund in einem Maße selbstverständlich, von dem ihre Vorgänger stets geträumt haben. Die EU, so hat es die Physikerin Merkel vor Kurzem gesagt, sei »längst in einem stabilen Aggregatzustand«.

In der gegenwärtigen Krise steht viel auf dem Spiel. Aber der Hinweis auf den Krieg, das hat sich trotz Friedensnobelpreis herumgesprochen, zieht nicht mehr richtig. Die neue Begründung lautet daher: Wir brauchen die EU, weil wir Europäer in der Welt immer weniger werden. Nur gemeinsam können wir unseren Wohlstand verteidigen und für unsere Werte einstehen. Vieles spricht dafür, dass das so ist. Aber das Argument selbst hat wenig Strahlkraft. An die Stelle des Versprechens auf eine bessere Zukunft ist die Verteidigung des Erreichten getreten. Und statt auf die Vergangenheit zu verweisen, müssen Merkel & Co. mit Annahmen über die Zukunft operieren. Auch denen, die leidenschaftlicher auftreten als die Kanzlerin, fällt es nicht leicht, mit demografischen Kurven Begeisterung zu wecken.

Etwas anderes kommt hinzu. Für Kohl und Mitterrand oder den früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors war der Euro eine Art Schlussstein. Die gemeinsame Währung sollte das europäische Einigungswerk unumkehrbar machen. In diesem Sinne war der Euro ein visionäres Projekt. In den vergangenen zwei, drei Jahren haben die Visionäre aber erleben müssen, dass das Gegenteil eingetreten ist: Ausgerechnet der Schlussstein hat das ganze Gebäude gefährlich ins Wanken gebracht. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung kämpfen die Alten auch um ihren eigenen Platz in den Geschichtsbüchern. Und gegen die Ohnmacht, dass diese Geschichte nicht entschieden, nicht abgeschlossen, nicht unumkehrbar ist. Auch deshalb beharrt Helmut Schmidt vehement darauf, dass es falsch sei, von einer »Euro-Krise« zu sprechen. Und Helmut Kohl antwortet barsch auf die Frage, ob nun »Konstruktionsfehler« der Währungsunion sichtbar würden: »Das Wort Konstruktionsfehler halte ich in diesem Zusammenhang für ganz falsch.«

Die Generation Merkel und Van Rompuy hingegen hat mit dem historischen Erbe auch die Fehler und Versäumnisse ihrer Vorgänger übernommen. Man müsse die Wirtschafts- und Währungsunion dauerhaft stabilisieren, »indem wir ihre Gründungsfehler beheben«, hat Angela Merkel neulich vor dem Europaparlament gesagt. Gründungsfehler – da war das böse Wort, das Helmut Kohl sich am liebsten verbitten würde.

Gideon Rachman, gewitzter Kolumnist der Financial Times, hat kürzlich den Vorschlag gemacht, die Geschichte der europäischen Politikergenerationen umzudrehen. Statt sich gegenseitig zu attackieren, so Rachman, sollten die heute Regierenden die Schuld für die Krise bei ihren Vorgängern suchen, bei den »großen Europäern«. Schließlich müsse die EU heute sehen, wie sie »mit den Folgen ihrer Hybris« klarkommt. So weit muss man nicht gehen, um festzustellen, dass Merkel & Co. heute alle Hände voll zu tun haben, um die Visionen der Alten zu reparieren. Dabei liegt vieles auf dem Tisch, was schon vor vielen Jahren diskutiert wurde. Dass eine einheitliche Währung nicht ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik funktionieren würde, dieser Gedanke findet sich bereits in einem allerersten Plan von 1970 wieder. Beschlossen wurde mehr als 20 Jahre später in Maastricht etwas anderes.

An diesem Donnerstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs zu ihrem achten und letzten Gipfel in diesem Jahr. Sie werden eine gemeinsame Bankenaufsicht beschließen und weitere Integrationsschritte diskutieren. Und wieder wird es anschließend heißen, dass dieser Plan kein großer Wurf sei. Sondern bestenfalls eine Art Reparaturanleitung.

Stimmt der Vergleich mit den Buddenbrooks? Erleben wir in Europa gerade den Niedergang? Zu den Widersprüchen des europäischen Familienbildes gehört es, dass die EU noch nie so groß und die Integration noch nie so weit fortgeschritten waren wie heute. Man kann die Geschichte des europäischen Generationenwerks daher auch anders erzählen. Merkel, Monti, Barroso müssen heute in einer EU mit 27, bald 28 Mitgliedsstaaten jene Probleme lösen, die ihre Vorgänger nicht lösen konnten, als die EU noch zehn oder zwölf Mitglieder zählte. Wenn sie Erfolg haben, könnte Europa sogar stärker werden als zuvor.

Die Verdienste der Alten sind unbestritten. Aber ob die, die heute Verantwortung tragen, dabei sind, das Erbe zu mehren oder zu verspielen, darüber wird erst später gerichtet. Hierauf hat Herman Van Rompuy in Oslo hingewiesen. Und zumindest ist nicht ausgeschlossen, dass im Rückblick auch unter den Reparateuren noch der ein oder andere große Europäer entdeckt wird. Vielleicht sogar eine große Europäerin.