Europa : Im Schatten der Väter
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Die Verdienste der Alten sind unbestritten. 

Man kann diesen Generationenkonflikt nicht verstehen, wenn man sich nicht seine Voraussetzungen anschaut. Schmidt und Kohl, Giscard und Mitterrand, sie alle sind Politiker geworden, weil sie als Kind oder als Soldat den Krieg erlebt haben. Das hat ihrer Politik, vor allem ihrer Europapolitik, eine Dringlichkeit und eine Überzeugungskraft gegeben, die den Jüngeren naturgemäß nicht zur Verfügung stehen. Für die Alten ist die EU bis heute eine Antwort auf die Geschichte. Ihr wichtigstes – und schlagendstes – Argument bleibt der Hinweis auf die Vergangenheit. Doch den Jungen fällt es schwer, sich einen Krieg in Europa noch vorzustellen. Umgekehrt gilt: Den Alten fällt es schwer, von Europa zu sprechen, ohne dabei an Krieg zu denken.

Das führt zu einem unterschiedlichen Europa-Bewusstsein. Die Generation von Schmidt, Kohl und Giscard empfindet die EU seit jeher als ein prekäres, gefährdetes Projekt. Für Merkel oder Hollande hingegen, die sich fast monatlich in Brüssel treffen, ist das Politikmachen im europäischen Verbund in einem Maße selbstverständlich, von dem ihre Vorgänger stets geträumt haben. Die EU, so hat es die Physikerin Merkel vor Kurzem gesagt, sei »längst in einem stabilen Aggregatzustand«.

In der gegenwärtigen Krise steht viel auf dem Spiel. Aber der Hinweis auf den Krieg, das hat sich trotz Friedensnobelpreis herumgesprochen, zieht nicht mehr richtig. Die neue Begründung lautet daher: Wir brauchen die EU, weil wir Europäer in der Welt immer weniger werden. Nur gemeinsam können wir unseren Wohlstand verteidigen und für unsere Werte einstehen. Vieles spricht dafür, dass das so ist. Aber das Argument selbst hat wenig Strahlkraft. An die Stelle des Versprechens auf eine bessere Zukunft ist die Verteidigung des Erreichten getreten. Und statt auf die Vergangenheit zu verweisen, müssen Merkel & Co. mit Annahmen über die Zukunft operieren. Auch denen, die leidenschaftlicher auftreten als die Kanzlerin, fällt es nicht leicht, mit demografischen Kurven Begeisterung zu wecken.

Etwas anderes kommt hinzu. Für Kohl und Mitterrand oder den früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors war der Euro eine Art Schlussstein. Die gemeinsame Währung sollte das europäische Einigungswerk unumkehrbar machen. In diesem Sinne war der Euro ein visionäres Projekt. In den vergangenen zwei, drei Jahren haben die Visionäre aber erleben müssen, dass das Gegenteil eingetreten ist: Ausgerechnet der Schlussstein hat das ganze Gebäude gefährlich ins Wanken gebracht. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung kämpfen die Alten auch um ihren eigenen Platz in den Geschichtsbüchern. Und gegen die Ohnmacht, dass diese Geschichte nicht entschieden, nicht abgeschlossen, nicht unumkehrbar ist. Auch deshalb beharrt Helmut Schmidt vehement darauf, dass es falsch sei, von einer »Euro-Krise« zu sprechen. Und Helmut Kohl antwortet barsch auf die Frage, ob nun »Konstruktionsfehler« der Währungsunion sichtbar würden: »Das Wort Konstruktionsfehler halte ich in diesem Zusammenhang für ganz falsch.«

Die Generation Merkel und Van Rompuy hingegen hat mit dem historischen Erbe auch die Fehler und Versäumnisse ihrer Vorgänger übernommen. Man müsse die Wirtschafts- und Währungsunion dauerhaft stabilisieren, »indem wir ihre Gründungsfehler beheben«, hat Angela Merkel neulich vor dem Europaparlament gesagt. Gründungsfehler – da war das böse Wort, das Helmut Kohl sich am liebsten verbitten würde.

Gideon Rachman, gewitzter Kolumnist der Financial Times, hat kürzlich den Vorschlag gemacht, die Geschichte der europäischen Politikergenerationen umzudrehen. Statt sich gegenseitig zu attackieren, so Rachman, sollten die heute Regierenden die Schuld für die Krise bei ihren Vorgängern suchen, bei den »großen Europäern«. Schließlich müsse die EU heute sehen, wie sie »mit den Folgen ihrer Hybris« klarkommt. So weit muss man nicht gehen, um festzustellen, dass Merkel & Co. heute alle Hände voll zu tun haben, um die Visionen der Alten zu reparieren. Dabei liegt vieles auf dem Tisch, was schon vor vielen Jahren diskutiert wurde. Dass eine einheitliche Währung nicht ohne eine gemeinsame Wirtschaftspolitik funktionieren würde, dieser Gedanke findet sich bereits in einem allerersten Plan von 1970 wieder. Beschlossen wurde mehr als 20 Jahre später in Maastricht etwas anderes.

An diesem Donnerstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs zu ihrem achten und letzten Gipfel in diesem Jahr. Sie werden eine gemeinsame Bankenaufsicht beschließen und weitere Integrationsschritte diskutieren. Und wieder wird es anschließend heißen, dass dieser Plan kein großer Wurf sei. Sondern bestenfalls eine Art Reparaturanleitung.

Stimmt der Vergleich mit den Buddenbrooks? Erleben wir in Europa gerade den Niedergang? Zu den Widersprüchen des europäischen Familienbildes gehört es, dass die EU noch nie so groß und die Integration noch nie so weit fortgeschritten waren wie heute. Man kann die Geschichte des europäischen Generationenwerks daher auch anders erzählen. Merkel, Monti, Barroso müssen heute in einer EU mit 27, bald 28 Mitgliedsstaaten jene Probleme lösen, die ihre Vorgänger nicht lösen konnten, als die EU noch zehn oder zwölf Mitglieder zählte. Wenn sie Erfolg haben, könnte Europa sogar stärker werden als zuvor.

Die Verdienste der Alten sind unbestritten. Aber ob die, die heute Verantwortung tragen, dabei sind, das Erbe zu mehren oder zu verspielen, darüber wird erst später gerichtet. Hierauf hat Herman Van Rompuy in Oslo hingewiesen. Und zumindest ist nicht ausgeschlossen, dass im Rückblick auch unter den Reparateuren noch der ein oder andere große Europäer entdeckt wird. Vielleicht sogar eine große Europäerin.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

"Beispielloser Aufstieg" ?

Könnten Sie mir bitte erklähren in wie fern Österreich einen "beispiellosen Wirtschaftlichen Aufstieg" erlebte?
Mag sein dass Österreich durch Grenzöffnungen sowie durch neu geknüpfte Beziehungen in der Europäische Union profitiert hat aber wir haben(speziell in den letzten Jahren) durchwegs mehr gezahlt als wir bekommen haben und Statistiken belegen dass Österreich in Summe als Nettozahler aussteigt.

Na gut,

Dann streichen Sie Österreich und ersetzen Sie's durch Island :-)

Ich weiß nur, daß seinerzeit viele deutsche Architekten nach Österreich gegangen sind, weil es hier in Deutschland absolut nichts zu tun gab. Kann sein, daß in Österreich aber nicht ganz so die Champagner-Korken knallten wie in Spanien, Irland, Dänemark u. Norwegen, Großbritannien und den anderen ehemaligen Geilo-Ländern, die sich Deutschland immer zum Vorbild nehmen sollte.

Damals hatten sogar einige deutsche Architekturbüros polnische Auftraggeber für polnische Projekte, weil die polnischen Architekten für ihre Dienste einfach viel mehr Geld verlangten. Es hatte sich herumgesprochen, daß deutsche Architekten es gewohnt sind, für sehr wenig Geld sehr viel zu arbeiten.