EuropaIm Schatten der Väter

Die erste Generation gründet, die zweite erhält, die dritte verfällt. Gilt die Logik der Buddenbrooks auch für Europa? von 

Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand vor dem Charlottenburger Schloss in Berlin, September 1994

Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand vor dem Charlottenburger Schloss in Berlin, September 1994  |  © Lutz Schmidt/Reuters

Ein Zufall, was sonst. Wäre die EU ein paar Jahre früher ausgezeichnet worden, hätten andere den Preis entgegengenommen. So aber standen José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy und Martin Schulz am vergangenen Montag im Osloer Rathaus auf der Bühne und hielten, während das norwegische Königspaar applaudierte, Medaille und Urkunde des Friedensnobelpreises in den Händen. Stolz standen die drei Männer da, bewegt und auch ein wenig unsicher. Denn dass der Preis nicht ihnen galt, sondern die Osloer Juroren ein Werk auszeichneten, das andere vor ihnen geschaffen haben, war den Preisträgern bewusst.

Die Europäische Union sei »das Werk von Generationen«, so sagte es Herman Van Rompuy, der Ratspräsident, gleich zu Beginn seiner Dankesrede. Und Martin Schulz, der einmal Buchhändler war, bevor er Präsident des Europäischen Parlaments wurde, fühlte sich in Oslo an die Buddenbrooks erinnert. Was nicht alleine an dem nostalgischen Interieur des Grandhotels lag, in dem die Preisträger logieren. Thomas Manns großer Roman handelt vom Verfall einer Familie. Auf die Gründergeneration, erläuterte Schulz, folge die der Verwalter und schließlich jene, die alles verspiele. »Meine Generation hat den Preis nicht verdient«, sagte Schulz. »Ich möchte nicht zu denen gehören, die das Erbe verspielen.«

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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Geschichte jener Krise zu erzählen, die die EU seit bald drei Jahren gefangen hält. Aber in Oslo ist deutlich geworden, dass es sich auch um die Geschichte und den Konflikt verschiedener Generationen handelt. Angela Merkel und François Hollande saßen Seite an Seite in der ersten Reihe. Als der Vorsitzende der Jury an die deutsch-französische Aussöhnung erinnerte, erhoben sich die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident, drehten sich zum Saal und reckten gemeinsam die Arme in die Höhe. Fast wirkte es wie eine Beschwörung. Denn die Namen, die zitiert wurden, waren andere: Jean Monnet und Robert Schuman, die Vordenker der europäischen Einigung, Helmut Kohl. Die großen Europäer.

Jede Generation beginnt im Schatten der vorangegangenen. Aber selten ist dieser Schatten so mächtig wie in der europäischen Politik. Und mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird er mächtiger.

Auf der einen Seite stehen die Alten, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs das große Werk der europäischen Einigung errichtet haben. Ihr Werk. Männer wie Monnet und Schuman, Adenauer und de Gaulle, später Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterrand. Die Gründer und die Verwalter. Ihnen gegenüber stehen die Amtsinhaber von heute, Nachgeborene, die den Krieg nicht mehr erlebt haben und denen die richtige europäische Gesinnung fehlt. Jedenfalls ist das der Vorwurf, der Merkel und ihre Kollegen seit dem Beginn der Krise begleitet. »Schwächelnde Erbverwalter« hat der scheidende Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker diese – seine – Generation einmal wütend genannt. Der Luxemburger teilt zwar mit Merkel den Jahrgang, aber als Europäer sieht er sich eher in einer Reihe mit Helmut Kohl.

»Die macht mir mein Europa kaputt.« Mit diesem Satz hat der Spiegel vor einiger Zeit Kohl zitiert. »Die«, damit soll Angela Merkel gemeint gewesen sein. Kohls Büro hat den Satz später bestritten, doch zutrauen würde man ihn dem Altkanzler sofort. Schließlich illustriert er beides, den fortdauernden Besitzanspruch (»mein Europa«) genauso wie Kohls Misstrauen gegenüber seiner Nachfolgerin. Ein Misstrauen, das sich auch in einer Reihe von Wortmeldungen von Helmut Schmidt in jüngerer Zeit wiederfindet. »Unvermögen« ist dabei noch eine der freundlicheren Vokabeln. Einmal hat Schmidt Merkel sogar »Nationalegoismus« vorgeworfen. Es kommt nicht oft vor, dass Amtsinhaber so rüde von ihren Vorgängern attackiert werden.

Woher rührt diese Schärfe? Und warum geht es in dieser Auseinandersetzung immer gleich ums Ganze, um Krieg oder Frieden, Europa oder Nicht-Europa?

Leserkommentare
  1. Allerdings sind wir momentan noch gerade mal 4% der Weltbevölkerung, doch befinden wir uns bereits auf dem Weg zu 3%. Aber als Vorwand, weshalb wir die EU benötigen, reicht diese bedauerliche Tatsache wohl kaum aus. Was sollten denn da die Schweizer sagen?

    • Repec
    • 25. Dezember 2012 0:05 Uhr

    Wäre ich zu wichtigen europäischen Fragen je gefragt worden, hätte ich bei vielen Entscheidungen für "mehr Europa" gestimmt. Das wurde ich aber nicht und so wurde schrittweise eine Institution geschaffen, die mir inzwischen völlig fremd geworden ist und für die ich nie kämpfen würde.

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  2. Es war sein (Kohls) Europa und das der damals mit ihm in Deutschland Regierenden. Das Volk war mehrheitlich dagegen und man wusste es, überging es deshalb vorsorglich systematisch. Massiv dahinter standen jene, die durch den Euro profitierten, jene, die uns später mit ihm in den Abgrund rissen, die Banken und Großinvestoren. Die südeuropäischen Regierungen haben haben dann auch schnell den Reibach gerochen und exessiv schamlos mit ausgenutzt. Ein Verbund nur der nordeuropäischen Länder, zu dem die Olivenanbauländer nur sehr vorbehaltlich Zugang hätten haben können, wäre klüger gewesen, denn diese haben ähnliche Mentalität und Kultur. Aber da wäre eben das kohlsche Frankreich auch nicht dabei gewesen. Ein gemeinsames Europa mit allen europäischen Ländern wird immer eine Illusion bleiben. Dazu sind die kulturellen, mentalitären, bildungsmäßigen und sprachlichen Unterschiede viel zu groß.

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    • Felefon
    • 25. Dezember 2012 2:45 Uhr

    Es wird derzeit viel über eine angebliche Währungskrise diskutiert.
    Das ist nicht das Problem.
    Die exponentiell davongaloppierenden Staatsschulden der europäischen Natinalstaaten sind keine Ursache sondern Symptom.

    Das Problem Europas ist die anhaltende Fremdbestimmung durch die Siegermacht des 2. Weltkriegs.

    Oder könnte ansonsten vielleicht einmal jemand erklären aus welchem Grunde es bis heute weder ein eigenständiges europäisches Verteidigungsbündnis noch eine eigenständige europäische Außenpolitik gibt ?

    Ich möchte nicht undankbar erscheinen.
    Der 'Obhut und Fürsorge' der Siegermacht verdanke ich ein bereits langes Leben in Frieden und in einigem Wohlstand.
    Der Preis ist politische Unmündigkeit.

    Ein - zugegeben - witziger Aspekt:
    Kein einziges europäisches Land ( außer der Schweiz und Liechtenstein ) wäre derzeit technisch in der Lage selbstständig einen Krieg zu führen.
    Bei Nichtgefallen vorgetragener Kriegswünsche schaltet halt irgendein Oberst in Stuttgart-Vaihingen oder Böblingen die Systeme ab.

    Die Geschichte der europäischen Union ist eine Geschichte erfolgreicher amerikanischer Ordnungspolitik.

    Das Organisations-Kürzel EMEA - benennt den darüberhinausgehenden Anspruch: Europe, Middle East, Africa.

    Europa ist nur ein Teil davon.

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    • H.v.T.
    • 25. Dezember 2012 7:34 Uhr

    In der Gesamtbetrachtung der Entwicklung der EU fehlt hier tatsächlich die "Gestaltungskraft" der USA und ihrem europäischen Verbündeten Großbritannien.

  3. Mittlerweile kann man den Eindruck gewinnen, dass Unregierbarkeit die übergeordnete Idee für Europa ist. Hunger und AIDS für Afrika, ständiger Krieg im Nahen und Mittleren Osten, die EU für Europa und Amerika sitzt weiter sicher im Sattel. Das scheint der Plan zu sein.

    Mittlerweile sind die Strukturen in diesem Europa so groß, so intransparent und so undemokratisch, dass kein normaler Bürger noch durchsieht oder auch nur das Gefühl hat, er könne etwas ändern.

    Aber Europa ist ja genau wie der Euro "alternativlos" und "systemrelevant".

    Ich hoffe ja, dass entweder die Christen oder die Buddhisten Recht haben. Dann sitzen diejeningen, die Europa in der heutigen Form verbrochen haben, entweder unten beim Gehörnten im Kessel oder sie werden 2.000-mal als Eintagsfliege wiedergeboren bevor sie als Küchenschabe auf die Welt dürfen.

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    • H.v.T.
    • 25. Dezember 2012 7:34 Uhr

    In der Gesamtbetrachtung der Entwicklung der EU fehlt hier tatsächlich die "Gestaltungskraft" der USA und ihrem europäischen Verbündeten Großbritannien.

    Antwort auf "Welche Krise ?"
    • Marula
    • 25. Dezember 2012 8:38 Uhr

    Der Vorwurf, dass "denen die richtige europäische Gesinnung fehlt" zeigt schon ziemlich deutlich, warum das böse Wort von der "EUdSSR" oder der undemokratischen EU herumgeistert. Wie kommt man eigentlich zu der Idee, dass die EU so aussehen müsste, wie es sich alternde Politiker vorstellen und nicht so, wie es die Bürger wollen?
    Die EU ist kein "Familienerbe". Sie muss demokratisch gestaltet werden!

    Es gab schon immer sehr verschiedene Interessen, die es schwer machen, gemeinsame Ziele festzusetzen.

    Auch zu Zeiten Kohls wurde Kuhhandel getrieben, als ob die EU eine stabile Instanz sei. Man denke nur daran, wie der Beitritt Zyperns auf Betreiben Griechenlands gegen den Willen aller anderen EU-Mitglied 1997 beschlossen wurde. Der Britenrabatt wurde zur Zeit von Kohl ausgehandelt. Damals ist man einfach großzügig über diese Dinge hinweggegangen, denn die EU schien "weit weg" zu sein, man hatte ja die DM und jedes Land seine eigene Wirtschaftspolitik. Heute kann jedes noch so kleine Euro-Land die ganze Eurozone an den Rand des Abgrunds bringen und die Freiheit der nationalen Politikgestaltung ist erheblich eingeschränkt.

    Helmut Schmidt ist immer noch wie vor dreißig Jahren vom Ost-West-Konflikt geprägt und hat auch vor diesem Hintergrund den Beitritt Griechenlands zur EU durchgesetzt. Heute sind ganz andere Kriterien entscheidend.

    Man sollte die EU nicht so idealistisch überhöhen, das macht es für alle zukünftigen Politiker schwer, in der Realität zu bestehen.

  4. Die Einmischung der Politik in die freie Marktwirtschaft und das Führen in die Planwirtschaft macht Europa kaputt.
    Vor allem die Nichterkenntnis der Probleme. Man wird weiter eingreifen, regulieren und sein Ego behaupten wollen.

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