Frauen an der MachtWie weiblich wird’s noch
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Die Umkehrung des alten Cowboy-Prinzips

Frauennetzwerke gab es natürlich immer, Alice Schwarzer lud schon vor Jahren Ministerinnen der Großen Koalition mit Journalistinnen in ihre Privatwohnung ein, Friede Springers direkter Draht zur Kanzlerin war bekannt. Aber fast immer haben Frauen mit Macht aus der Deckung heraus agiert, zuletzt bei der Aktion ProQuote für Journalistinnen in Führungspositionen. Deren Initiatorinnen arbeiteten wie Guerilleras, ihre Namen sind immer noch ein Geheimnis. Für Frauenanliegen galt immer das Motto: Stets dran denken, aber nie drüber sprechen, was auch daran lag, dass Feminismus unter Heulsusen- und Schlechte-Laune-Verdacht stand, unsexy war, so sehr, dass noch vor Kurzem ein Spiegel-Autor schrieb, er habe bei dieser Überschrift stets an behaarte Frauenbeine gedacht.

Wenn heute eine wie die 26-jährige Amerikanerin Lena Dunham, Erfinderin und Star der Kultserie Girls, in Interviews über Frauenanliegen spricht, entschieden und niedlich zugleich, ist unübersehbar: Es ist gerade ziemlich cool, für Frauenanliegen zu sein. Das hat auch damit zu tun, dass Frauen sich heute weniger denn je verstellen müssen, um nach oben zu kommen. Im Moment ist noch eine Frauengeneration in den Machtpositionen, die vor allem nüchtern, pragmatisch, uneitel und geerdet wirkt, repräsentiert durch Frauen wie Angela Merkel, Christine Lieberknecht oder Hannelore Kraft. Ihr Auftreten ist ein Spiegelbild der gängigen männlichen Vorbehalte – die Generation Merkel musste vor allem beweisen, dass Frauen im Zweifel nicht gleich losheulen, dass sie nicht zickig und hysterisch sind. Das haben im achten Jahr von Merkels Kanzlerschaft fast alle kapiert. Die nachrückenden Frauen – Julia Klöckner aus der CDU, Ilse Aigner in der CSU, auch Andrea Nahles aus der SPD – sind weiblicher, emotionaler, quasi eine Umkehrung des alten Cowboy-Prinzips, nach dem sich unter einer harten Schale oft ein weicher Kern verbirgt.

Die Frauen sind jetzt eben so viele, dass sie auch wieder ganz verschieden sein dürfen. Und wenn sie sich gegenseitig öffentlich kritisieren, so ist auch das ein Zeichen ihrer neuen Macht. Denn schwach ist nicht, wer bekämpft, schwach ist, wer übersehen wird. So haben jahrzehntelang die 68er die Öffentlichkeit dominiert – indem sie sich aufeinander mehr bezogen als auf andere Altersgruppen. Greif mich an, dann bin ich wer!

Wer immer noch Zweifel hat am weiblichen Hegemoniegewinn des Jahres 2012, der schaue sich die Männer an! Die Gröhes, Pofallas, Röslers, Altmaiers. Letzterer nannte diesen Typus Mann einmal »minimalinvasiv«. Man könnte auch sagen, feminabel, hoch anpassungsfähig an eine weiblicher werdende Gesellschaft. Auch in Chefredaktionen soll es mehr von denen geben, wir sparen uns hier aus Gründen der Diskretion Namen.

Dass die SPD nun im Kanzleramt eine Frauenbeauftragte installieren möchte (neben der Migrationsbeauftragten und dem Kulturstaatsminister), zeugt vom Zwang in dieser neuen kulturellen Umgebung feminable Signale zu setzen. Dieses Signal allerdings schmeckt nach achtziger Jahren, nach rot gefärbten Haaren und Doppelnamen.

Nicht zuletzt spricht für den Machtgewinn der Frau ihre neue Frechheit. Jahrzehntelang wurde von emanzipierter Seite proklamiert, eine weiblichere Gesellschaft werde auch eine menschlichere sein. Heute, da so viele Frauen an führender Stelle angekommen sind, wird natürlich gesagt: Was, wir sollen menschlicher sein?! Was fällt euch ein?! Das ist eine sexistische Erwartung! Das können sich sonst nur Minderheiten leisten, die sich moralisch in der Vorhand fühlen. So wie Migranten. Nennt ihn ein Deutscher Türke, sagt er: Was fällt dir ein, ich bin Deutscher! Nennt man ihn Deutscher, sagt er: Willst du mir meine türkische Herkunft nehmen, du Kartoffel! Macht hat, wer die geltende moralische Währung bestimmen kann.

Ein letztes Beispiel für die geniale Verbindung von moralischer Minderheitenmacht und weiblicher Mehrheitskraft ist das fast völlige Fehlen von Kritik an Frauen als Frauen. Es ist absolut gängig, die Defizite von Männern in Führungspositionen zu benennen, jeder kann das runterbeten (dominant, eitel, testosterongesteuert, unsensibel, brutal, laut, sexistisch und so weiter). Aber was sind denn die zehn größten Schwächen von Frauen in Führungsjobs? Wer es weiß und sich traut, soll sich melden.

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Leserkommentare
  1. zu diesem Artikel in der Printausgabe ist großartig!!!
    Wollte ich einfach mal loswerden. ;)

    2 Leserempfehlungen
  2. wirds mit Frauen nicht werden. Soviel ist sicher.

    5 Leserempfehlungen
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    • th
    • 22. Dezember 2012 19:24 Uhr

    War Margaret Thatcher besser als ihr Vorgänger, James Callaghan oder als ihr nachfolger, John Major?

    "2. Schlimmer als mit Männern an der Spitze
    wirds mit Frauen nicht werden. Soviel ist sicher."

    • hairy
    • 22. Dezember 2012 19:57 Uhr

    besser? Das ist hier die Frage. Meine Antwort, einstweilen: Nein.

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

    • ribera
    • 22. Dezember 2012 21:09 Uhr

    "Schlimmer als mit Männern an der Spitze wirds mit Frauen nicht werden."
    Muß nicht, aber die Gefahr besteht.
    Als Befürworter des Leistungsprinzips möchte ich die geeigneteste Person an der Spitze.
    Egal ob Mann oder Frau. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass auf manchen Ebenen letztlich die Quotenfrau den Posten bekommt, nicht, weil sie besser ist als ihre Konkurrenten, sondern weil sie eine Frau ist.
    Oder will im Ernst jemand behaupten, dass Familienministerin Schröder erste Wahl war?

    doch. frauen sind immer gründlicher.
    männer sind von natur aus faul und nachlässig, da wird keine suppe so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.
    ab jetzt weht ein anderer wind ...

    fragen Sie Ihre Mutter ...

    • Uerige
    • 22. Dezember 2012 18:41 Uhr

    "Die Feminisierung der Republik wird sich wahrscheinlich sogar beschleunigen."

    Ich habe heute auch den Kommentar von Herrn Harald Martenstein gelesen, und dann macht man gleich so weiter oder lag der Artikel hier schon abgestempelt auf den Schreibtisch von Di Lorenzo.

    Andersrum wird ein Schuh draus. Es sind ja nicht nur die Frauen die das Kinder kriegen verweigern, auch die Kritik an den "Gender(un)wissenschaften steigt rasant an und irgendwann sind die Feministen wie Alice Schwarzer (Cicero Liste Platz 4 (sic!) ausgestorben.

    Irgendwann wird das Cherry Picking System ein Ende haben und dann wird erstmal wieder Finsternis herrschen.

    6 Leserempfehlungen
  3. auf solche wie die Merkel, Schörderin, Aignerin könnte ich sehr gut verzichten.
    Wenn Frauen wie Bärbel Höhn, Kraft, Wagenknecht eine größere Rolle spielen würden wärs mir viel lieber!
    Schwarzgelb taugt nichts, egal ob Männer oder Frauen!

    10 Leserempfehlungen
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    OK, OK: sie ist an die Macht gekommen, weil sie drei Quoten zugleich erfüllte: Frau, Osten, verhältnismäßig jung.

    Aber daß sie als Kanzlerin so unangefochten oben schwimmt, liegt mMn nicht daran, daß sie eine Frau ist und damit irgendwelche Qualitäten einhergingen, sondern einfach daran, daß sie nichts macht.
    Die Deutschen sind ein konservatives, ängstliches Volk, das lieber einen Kanzler hat (oder sei es eine Kanzlerin), die alles so läßt, wie es ist, auch wenn es total falsch ist.
    Bloß nichts verändern! Das war bei Kohl auch schon so. Steinbrück hat viel zu viel Sachverstand, außerdem hat er konkrete Vorstellungen, was zu tun wäre. Das bringt dem Deutschen nur Stress und viel zu viel Unruhe!
    Dann lieber eine Merkel, die keine Ahnung hat (OK, sie mag eine gute Physikerin sein) und schön stabil herumlaviert und aussitzt.
    Lieber gemächlich gegen die Wand segeln als ein sportliches Regatta-Manöver nach dem anderen.

    Eigentlich habe ich nichts dagegen, daß eine Frau regiert. Aber wenn diese eine feminine Zeitenwende herbeiraunenden Artikel nicht bald aufhören (hat die britische Presse in den 80er Jahren unter Margaret Thatcher das Frau-Sein eigentlich auch so mystifiziert?), nur weil gerade jetzt zufällig in Deutschland (und nur dort!) eine Frau an der Macht ist, dann wünsche ich mir so schnell wie möglich wieder einen Mann ins Kanzleramt.

    Das großartigste Werk zum feministischen Irrsinn hat übrigens Helge Schneider geschrieben: "Eine Frau geht seinen Weg" - als Hörbuch! :-)

    aber es taugt meiner Meinung nach nicht, die Neigung zu einer politischen Richtung mit der Diskussion über die Rolle von Frauen zu vermischen.
    Wenn Sie in diesem Zusammenhang über Merkel und Schröder herziehen wollen (kann ich ja verstehen), dann müssten sie diese mit Männern wie Kohl, Kanter, Koch vergleichen.

    • TDU
    • 22. Dezember 2012 19:12 Uhr

    Zit." Heute, da so viele Frauen an führender Stelle angekommen sind, wird natürlich gesagt: Was, wir sollen menschlicher sein?! Was fällt euch ein?! Das ist eine sexistische Erwartung!"

    Dann bleibt nur Frank N Furter als Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Oder man fragt, ob Frau doch nicht stark genug ist, ihre eigenen Maßstäbe an zu setzen. Denn dass es in Urzeiten mal eine Verschwörung der Männer gegeben hat, die Macht zu übernehmen, dürfte wohl nicht angenommen werden können.

    Zit.: "Aber was sind denn die zehn größten Schwächen von Frauen in Führungsjobs? Ich weiss es nicht, aber in staatlichen Positionen ist sicher die Tendenz, durch das kollektive Verabreden eine konformere Gesellschaft enstehen zu lassen, die Macht muss ja in Händen bleiben.

    Und wenn Mann das nicht passt, weil er sich letzlich mit Zuweisungen nicht zufrieden gibt? Kinder kriegen, also eine "instinktive" Möglichkeit, hat er nicht. Also muss er erzogen werden wie Frau das passt.

    Entweder den instinktiven Drang nach Unternehmung, auch was kaputtmachen und neu aufbauen wird unterdrückt oder Frau wird ihn nutzen. Zur Rohstoffsicherung vielleicht und Absicherung im Innern wie Mann vorher.

    Von der Kindererzieherin zur Volkserzieherin. Eine wahrhaft tolle Karriere. So könnte es zumindest sein, sehe ich einge der Ministerinnen in Bund und Ländern. Mir reicht das allerdings schon.

    In der Privatwirtschaft wird auch Frau die Marktgesetze nicht ausser Kraft setzen können. Solange es noch Merkt gibt.

    • th
    • 22. Dezember 2012 19:24 Uhr

    War Margaret Thatcher besser als ihr Vorgänger, James Callaghan oder als ihr nachfolger, John Major?

    "2. Schlimmer als mit Männern an der Spitze
    wirds mit Frauen nicht werden. Soviel ist sicher."

    5 Leserempfehlungen
  4. Wenn man nicht aufpasst, werden aus den Versprechungen von gestern die Schrecken von morgen.

    Im Augenblick gibts nur noch einen (entscheidenden?) Pluspunkt für die Männer: Deren Fehler sind öffentlich benennbar.

    3 Leserempfehlungen
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    Selten wird ein Extrem durch eine vernünftige Mittelposition ersetzt, sondern es geht erst einmal in das entgegengesetzte Extrem. Ist nicht neu, aber, wie Sie richtig erkennen, doch im Blick zuhaben. Vielleicht kann man ja das Überschießen etwas dämpfen.

    • Jost.P.
    • 22. Dezember 2012 19:29 Uhr

    Das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Fähigkeiten zu halten scheint immer wieder schwierig. Schnell beherrschen ideologische Ideen das Feld und der Reiter ist in der Gefahr links wie rechts vom Pferd zu fallen. Die vielgewünschte Mitte befindet sich in dieser Republik nicht mehr so sehr zwischen links und rechts sondern zwischen weiblich und männlich. Nur in der Ergänzung der unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten von Mann und Frau liegt die Hoffnung auf eine langfristige Perspektive. Hoffentlich darf man das noch sagen, wo doch männlich und weiblich neuerdings austauschbar sein sollen. Nur wer sind dann die Frauen auf dem Foto wirklich?

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  • Schlagworte Frauenquote | Politik | Angela Merkel
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