Gerüchte : "Haben Sie schon gehört?"

Bettina Wulff ist schwul, Philipp Lahm hat als Prostituierte gearbeitet, und wir sind alle süchtig nach Gerüchten. Eine dieser Aussagen ist wahr

Gerüchte haben einen guten Plot oder starke Charaktere oder beides. Ein Vertreter konservativer Familienwerte versteckt im Heim ein aus Liebe gezeugtes Kind. Ein wildes Ding wird First Lady. Ein Vorzeigesportler führt ein Doppelleben. Der chinesische Regierungschef zahlt einer verführerischen Hollywoodschauspielerin 16 Millionen Dollar für zehn schöne Nächte. Ein langweiliges Gerücht verbreitet sich jedenfalls nicht. Die besten Geschichten kennt das Internet. Seit es in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken von vielen bespielt wird, also seit der Erfindung des Web 2.0, ist es einfach, Gerüchte weiterzuerzählen, einer theoretisch unbegrenzten Zahl von Menschen, im Schutz der Anonymität. Im Internet ist wahr, was viele behaupten. Dabei waren die Erwartungen an das Internet einmal groß. Man dachte sogar, dass Falschmeldungen keine Chance haben würden. Gerüchte würden verschwinden, weil alle Informationen überprüfbar und allen zugänglich werden würden. Was ist passiert, dass jetzt im Netz die Gerüchte gedeihen?

In keiner Zeitung hatte etwas zu den Gerüchten gestanden, die über Philipp Lahm umgingen. Doch im Internet war man sich praktisch sicher, der Fußballnationalspieler führe ein Doppelleben, belüge alle und sei in Wirklichkeit schwul. Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, wo Lahm spielt, sah sich gezwungen, Lahms Berater und Vertrauten Roman Grill darauf anzusprechen. »Es war nur Internettratsch, keiner, der Philipp kennt, glaubte wirklich daran«, sagt Grill. Ständig werde Prominenten nachgesagt, sie seien schwul, das sei ganz offensichtlich eine Obsession. Bei Lahm hatte es vielleicht auch damit zu tun, dass er immer recht »jugendlich«, wie Grill sagt, ausgesehen habe. Hoeneß bat ihn zu sich, erzählt Grill, und fragte ihn, ob an den Gerüchten etwas dran sei. Falls ja, sei das nicht tragisch, aber der Verein müsse sich eine Kommunikationsstrategie überlegen. Lahm wäre schließlich der erste Profifußballer, der sich outen würde, da müsste man sich etwas einfallen lassen.

Grill sagt, dass das der Moment gewesen sei, als Philipp Lahm sich entschied, dem Gerücht entgegenzutreten. Es sei nicht wichtig, was die Leute denken, aber es sei wichtig, was die Leute im inneren Kreis denken und was sie weiterzählen. »Wenn es mit Gerüchten so weit kommt, dass der eigene Arbeitgeber am Ende Zweifel bekommt, sollte man handeln.«

Lahm schrieb sein Buch, Der feine Unterschied. Das vorletzte Kapitel beginnt mit den Sätzen: »Ich bin nicht schwul. Ich bin mit meiner Frau Claudia nicht nur zum Schein verheiratet, und ich habe keinen Freund in Köln, mit dem ich in Wahrheit zusammenlebe.« Grill sagt, er habe Lahm davon nicht abgehalten. Das war riskant. Wer ein Gerücht dementiert, verhilft ihm zur Bekanntheit.

Das Problem ist der erkenntnistheoretischen Philosophie als Redundanztheorie bekannt. Zu behaupten, etwas sei wahr, ist redundant, denn der Satz enthält keine Information. Daraus sei zu entnehmen, schrieb der Philosoph Gottlob Frege im 19. Jahrhundert, dass »das Verhältnis des Gedankens zum Wahren doch mit dem des Subjekts zum Prädikate nicht verglichen werden kann«. Es ist möglich, einen falschen Satz zu verneinen, doch dafür muss man ihn wiederholen.

Jüngstes Beispiel: Bevor Bettina Wulff im September dieses Jahres in ihrer Autobiografie eine Prostituiertenvergangenheit dementierte, wussten wenige von diesem Gerücht. Nach der Veröffentlichung des Buches, begleitet von Interviews, wussten viele von dem Gerücht. Die Einsicht muss schmerzhaft gewesen sein. Fragt man sie heute, ob sie sich zu dem Thema äußert, lehnt sie innerhalb kürzester Zeit freundlich und entschieden ab.

Das Dementi funktioniert manchmal, meistens nicht. Oft ist es besser, sich nicht einzumischen, wenn über einen geredet wird. Das ist eine psychologische Herausforderung, die anzunehmen sich aber lohnt. Seit Kate Moss vor gut 25 Jahren begann, als Model zu arbeiten, hieß es über sie, sie nehme Heroin und sei magersüchtig. Das sind keine netten Dinge, doch Kate Moss widersprach nie. Sie schwieg. Erst heute sagt sie, dass sie Heroin nie angerührt habe und in Mailand doch immer mit Carla Bruni zum Lunch ging. Aber heute ist Kate Moss längst eine Legende, die nach Jahrzehnten noch etwas Geheimnisvolles umgibt.

Gegen Gerüchte vorzugehen, ist praktisch unmöglich geworden. Die technischen Möglichkeiten, sich kundzutun und Behauptungen aufzustellen, sind ausgefeilter als das Recht, dessen Aufgabe es ist, den öffentlichen Meinungsaustausch zivil zu gestalten. Im Netz verbreiten sich Gerüchte nicht nur schnell, sie verschwinden auch nicht mehr. Im Internet gebe es keine Chronologie, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Dafür gibt es »Zombie-Informationen«, untote Informationen, die durch das Netz spuken. Er untersuchte den Fall des deutsch-französischen Politikers Daniel Cohn-Bendit. Das Netz machte einen Skandal aus seinem 1975 erschienenen Buch Der große Basar. 2001 stellte die Journalistin Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof, Sätze aus dem Buch auf ihre Webseite. Darin fantasiert Cohn-Bendit, damals Erzieher in einem antiautoritären Kindergarten in Frankfurt, über die Sexualität von Kindern, ihre Fähigkeit zu verführen. Das Buch war 2001 vergriffen, den linken Verlag, in dem es erschienen war, gab es nicht mehr. Eigentlich war es Geschichte. Die sexuelle Revolution war vorbei. In Belgien hatte Marc Dutroux Kinder missbraucht und umgebracht und wartete auf seinen Prozess. Doch das Netz interessiert sich nicht für Zeiträume. Daniel Cohn-Bendit hat sich für diese Sätze mehrmals entschuldigt, er hat sie als falsch und »unerträglich« bezeichnet. Kindliche Sexualität sei ein großes Thema gewesen damals, als es darum ging, sexuelle Normen zu hinterfragen. »Hätten wir damals mehr über sexuellen Missbrauch gewusst«, schreibt er in einem Zeitungsartikel, »hätte ich diese Zeilen nicht geschrieben.« Die Eltern der Kinderladeninitiative und ihre heute erwachsenen Kinder verteidigen Cohn-Bendit in einem offenen Brief. Es hilft nicht: Im Netz ist er ein Kinderschänder.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nebeneffekt?

Was heute "zu sehen ist", war immer schon da.
Gerüchte sind Netzunabhängig. Lediglich macht das Netz "mehr sichtbar", als je zuvor.

M.E.n. haben Gerüchte 2 grundsätlich mögliche Nährböden:

1.) Geringe Bildung

2.) finanzielles Interesse (Medien)

Letzterer bedarf unbedingt Ersteren, sonst "wächst" nichts.

Also investiert Bitte in Bildung, dann ändert sich auch der Eindruck vom Internet.