Gerüchte"Haben Sie schon gehört?"

Bettina Wulff ist schwul, Philipp Lahm hat als Prostituierte gearbeitet, und wir sind alle süchtig nach Gerüchten. Eine dieser Aussagen ist wahr von Elisabeth Raeter

Gerüchte haben einen guten Plot oder starke Charaktere oder beides. Ein Vertreter konservativer Familienwerte versteckt im Heim ein aus Liebe gezeugtes Kind. Ein wildes Ding wird First Lady. Ein Vorzeigesportler führt ein Doppelleben. Der chinesische Regierungschef zahlt einer verführerischen Hollywoodschauspielerin 16 Millionen Dollar für zehn schöne Nächte. Ein langweiliges Gerücht verbreitet sich jedenfalls nicht. Die besten Geschichten kennt das Internet. Seit es in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken von vielen bespielt wird, also seit der Erfindung des Web 2.0, ist es einfach, Gerüchte weiterzuerzählen, einer theoretisch unbegrenzten Zahl von Menschen, im Schutz der Anonymität. Im Internet ist wahr, was viele behaupten. Dabei waren die Erwartungen an das Internet einmal groß. Man dachte sogar, dass Falschmeldungen keine Chance haben würden. Gerüchte würden verschwinden, weil alle Informationen überprüfbar und allen zugänglich werden würden. Was ist passiert, dass jetzt im Netz die Gerüchte gedeihen?

In keiner Zeitung hatte etwas zu den Gerüchten gestanden, die über Philipp Lahm umgingen. Doch im Internet war man sich praktisch sicher, der Fußballnationalspieler führe ein Doppelleben, belüge alle und sei in Wirklichkeit schwul. Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München, wo Lahm spielt, sah sich gezwungen, Lahms Berater und Vertrauten Roman Grill darauf anzusprechen. »Es war nur Internettratsch, keiner, der Philipp kennt, glaubte wirklich daran«, sagt Grill. Ständig werde Prominenten nachgesagt, sie seien schwul, das sei ganz offensichtlich eine Obsession. Bei Lahm hatte es vielleicht auch damit zu tun, dass er immer recht »jugendlich«, wie Grill sagt, ausgesehen habe. Hoeneß bat ihn zu sich, erzählt Grill, und fragte ihn, ob an den Gerüchten etwas dran sei. Falls ja, sei das nicht tragisch, aber der Verein müsse sich eine Kommunikationsstrategie überlegen. Lahm wäre schließlich der erste Profifußballer, der sich outen würde, da müsste man sich etwas einfallen lassen.

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Grill sagt, dass das der Moment gewesen sei, als Philipp Lahm sich entschied, dem Gerücht entgegenzutreten. Es sei nicht wichtig, was die Leute denken, aber es sei wichtig, was die Leute im inneren Kreis denken und was sie weiterzählen. »Wenn es mit Gerüchten so weit kommt, dass der eigene Arbeitgeber am Ende Zweifel bekommt, sollte man handeln.«

Lahm schrieb sein Buch, Der feine Unterschied. Das vorletzte Kapitel beginnt mit den Sätzen: »Ich bin nicht schwul. Ich bin mit meiner Frau Claudia nicht nur zum Schein verheiratet, und ich habe keinen Freund in Köln, mit dem ich in Wahrheit zusammenlebe.« Grill sagt, er habe Lahm davon nicht abgehalten. Das war riskant. Wer ein Gerücht dementiert, verhilft ihm zur Bekanntheit.

Chronik
Große Gerüchte
336 vor Christus

Über Alexander den Großen, der jung und voller Ehrgeiz den Thron bestieg, hieß es, er habe den Diener dazu angestiftet, den Vater, Philipp II. von Makedonien, zu ermorden

30 vor Christus

Kleopatra brachte sich wahrscheinlich mit Pflanzengift um. Die schönere Geschichte erzählt das Gerücht: Die heilige Uräusschlange habe die Königin gebissen. Das schließen Toxikologen heute aus

64 nach Christus

Dem Kaiser Nero traute das Volk zu, den Brand Roms selbst gelegt zu haben, um sich einen neuen Palast zu bauen. Er habe den Flammen aus der Ferne zugesehen, dabei gesungen und sich selbst auf einem Zupfinstrument begleitet

1192

Richard Löwenherz habe mit nur sechs Rittern dreitausend Sarazenen in die Flucht geschlagen, schrieb sein Biograf, der Zisterzienser Ralph von Coggeshall. Die PR war erfolgreich: Richard galt als kühner Kriegsheld

1793

Publizistische Kämpfe am Vorabend der Französischen Revolution: Marie Antoinette sei eine Nymphomanin, die ihren Sohn sexuell missbrauche, behauptete der revolutionäre Publizist Jacques-René Hébert

1822–1902

Francisco de Asís de Borbón war der Ehemann von Isabella II. und Titularkönig von Spanien. Seine Frau und er hatten zwölf Kinder, doch er sei in Wirklichkeit homosexuell, und die Kinder (zumindest einige) stammten angeblich nicht von ihm

1959

Die DDR-Führung bekommt die Kartoffelkäferplage nicht in den Griff, hat dafür aber einen genialen Einfall: Das Insekt werde in Massen von den Amerikanern aus Flugzeugen über den Feldern der DDR abgeworfen, um die Ernten zu zerstören

1969

Der Soziologe Edgar Morin untersuchte das Gerücht von Orléans: In Geschäften für moderne Damenbekleidung (Miniröcke), die von Juden geführt wurden, würden Kundinnen in den Umkleidekabinen bewusstlos gemacht und dann an Mädchenhändler verkauft werden

1971

Wird das Lied »Stairway to Heaven« von Led Zeppelin rückwärts abgespielt, ist (mit gutem Ohr) zu hören: »Glory glory to my sweet satan, there was a little child born, it makes me sad, whose power is satan«. Für viele ein eindeutiger Fall von Teufelsanbetung

1994

In Hamburger Kneipen erzählte man sich, die Scientologen hätten angeblich die Warsteiner- Brauerei übernommen. Dagegen halfen ein Rundschreiben des Unternehmens an die Wirte und eine teure Anzeigenkampagne

2011

Barack Obama veröffentlicht eine Kopie seiner Geburtsurkunde im Internet, um den Zweiflern zu beweisen, dass er, wie es die Verfassung von einem US-Präsidenten verlangt, in den USA geboren ist. Neues Gerücht: Die Urkunde ist natürlich eine Fälschung

Das Problem ist der erkenntnistheoretischen Philosophie als Redundanztheorie bekannt. Zu behaupten, etwas sei wahr, ist redundant, denn der Satz enthält keine Information. Daraus sei zu entnehmen, schrieb der Philosoph Gottlob Frege im 19. Jahrhundert, dass »das Verhältnis des Gedankens zum Wahren doch mit dem des Subjekts zum Prädikate nicht verglichen werden kann«. Es ist möglich, einen falschen Satz zu verneinen, doch dafür muss man ihn wiederholen.

Jüngstes Beispiel: Bevor Bettina Wulff im September dieses Jahres in ihrer Autobiografie eine Prostituiertenvergangenheit dementierte, wussten wenige von diesem Gerücht. Nach der Veröffentlichung des Buches, begleitet von Interviews, wussten viele von dem Gerücht. Die Einsicht muss schmerzhaft gewesen sein. Fragt man sie heute, ob sie sich zu dem Thema äußert, lehnt sie innerhalb kürzester Zeit freundlich und entschieden ab.

Das Dementi funktioniert manchmal, meistens nicht. Oft ist es besser, sich nicht einzumischen, wenn über einen geredet wird. Das ist eine psychologische Herausforderung, die anzunehmen sich aber lohnt. Seit Kate Moss vor gut 25 Jahren begann, als Model zu arbeiten, hieß es über sie, sie nehme Heroin und sei magersüchtig. Das sind keine netten Dinge, doch Kate Moss widersprach nie. Sie schwieg. Erst heute sagt sie, dass sie Heroin nie angerührt habe und in Mailand doch immer mit Carla Bruni zum Lunch ging. Aber heute ist Kate Moss längst eine Legende, die nach Jahrzehnten noch etwas Geheimnisvolles umgibt.

Gegen Gerüchte vorzugehen, ist praktisch unmöglich geworden. Die technischen Möglichkeiten, sich kundzutun und Behauptungen aufzustellen, sind ausgefeilter als das Recht, dessen Aufgabe es ist, den öffentlichen Meinungsaustausch zivil zu gestalten. Im Netz verbreiten sich Gerüchte nicht nur schnell, sie verschwinden auch nicht mehr. Im Internet gebe es keine Chronologie, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Dafür gibt es »Zombie-Informationen«, untote Informationen, die durch das Netz spuken. Er untersuchte den Fall des deutsch-französischen Politikers Daniel Cohn-Bendit. Das Netz machte einen Skandal aus seinem 1975 erschienenen Buch Der große Basar. 2001 stellte die Journalistin Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof, Sätze aus dem Buch auf ihre Webseite. Darin fantasiert Cohn-Bendit, damals Erzieher in einem antiautoritären Kindergarten in Frankfurt, über die Sexualität von Kindern, ihre Fähigkeit zu verführen. Das Buch war 2001 vergriffen, den linken Verlag, in dem es erschienen war, gab es nicht mehr. Eigentlich war es Geschichte. Die sexuelle Revolution war vorbei. In Belgien hatte Marc Dutroux Kinder missbraucht und umgebracht und wartete auf seinen Prozess. Doch das Netz interessiert sich nicht für Zeiträume. Daniel Cohn-Bendit hat sich für diese Sätze mehrmals entschuldigt, er hat sie als falsch und »unerträglich« bezeichnet. Kindliche Sexualität sei ein großes Thema gewesen damals, als es darum ging, sexuelle Normen zu hinterfragen. »Hätten wir damals mehr über sexuellen Missbrauch gewusst«, schreibt er in einem Zeitungsartikel, »hätte ich diese Zeilen nicht geschrieben.« Die Eltern der Kinderladeninitiative und ihre heute erwachsenen Kinder verteidigen Cohn-Bendit in einem offenen Brief. Es hilft nicht: Im Netz ist er ein Kinderschänder.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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  2. 2. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  3. ...hab´ich den Artikel bis zum Ende gelesen? Weil ich gehofft hab´, da wird noch `n Gerücht erwähnt, das ich noch nicht kenne. Mist, fühle mich gerade voll ertappt...

    • spalter
    • 15. Dezember 2012 1:47 Uhr

    Ich habe gehört, Die Zeit wäre heroinsüchtig und würde Kommentare zensieren wie das alte Preußen.

    Glücklicherweise ist an Gerüchten ja meist nichts dran.

  4. Was heute "zu sehen ist", war immer schon da.
    Gerüchte sind Netzunabhängig. Lediglich macht das Netz "mehr sichtbar", als je zuvor.

    M.E.n. haben Gerüchte 2 grundsätlich mögliche Nährböden:

    1.) Geringe Bildung

    2.) finanzielles Interesse (Medien)

    Letzterer bedarf unbedingt Ersteren, sonst "wächst" nichts.

    Also investiert Bitte in Bildung, dann ändert sich auch der Eindruck vom Internet.

  5. wie Homosexualität, Homoehe,Fremdgehenn,
    eine Ehe durch Flirtangebote knacken,
    One Night- Stand,
    Elternarbeit zu 90 Prozent an den Staat deligieren wollen,
    seine alten Eltern für einen
    lukrativen Job im Ausland alleine lassen,
    absolutes Desinteresse und Grußlosigkeit gegenüber Nachbarn....
    also viele Tabugrenzen - von einer Elite meist her - zwanghaft eingerissen werden FÜR ALLE im sinne einer neuen politischen Korrektheit, die dem Volk von oben auferlegt wird über kinderlose Großstadtjuppies, da soll man sich nicht wundern,
    wenn Tehmenfelder genau das Gegenteil vom offiziell Angezielten (negatives Thema als solches abschaffen) machen:
    Sie verselbstständigen sich ohne jede Zielrichtung, ganze Themenräume werden kriminell, Verhalten wird pervers, es wird übelst kdenunziert wie noch nie!
    Wilkommen in der schönen neuen Spießerwelt, initiiert von der Linken - in Verbund mit allzu liberalen Geschäftsleuten - der letzten 50 Jahre!

  6. "Im Netz verbreiten sich Gerüchte nicht nur schnell, sie verschwinden auch nicht mehr."

    Da kennen sie die gemeine Dorftratschtante aber schlecht. Mit deren Geschwindigkeit und Gedächtnis kann kein Internet mithalten. Mir wäre auch nicht bekannt daß das Internet proaktiv an der Haustür klingelt und gleichzeitig mit beachtlicher Fantasie die Informationen ausschmückt.

  7. sind da nur die geltungssüchtigen Nichtselbstständigdenkenden, die auf Fremdem Ihren falschen Stolz aufbauen,
    denn es ist umgekehrt:
    Wichtigtuer stzen ein Gerücht in Umlauf, und der Bürger liest das und sagt sich erstmal:
    Das kann doch nicht wahr sein - das muß ich nun wissen... und sucht eher nach der Bestätigung, daß dies NICHT STIMMT!!!!!!
    Bitte nicht alle in einen Topf werfen!!!
    Nicht alle sind Giftpilze!
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf spekulative Äußerungen. Danke, die Redaktion/jp

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