Graphic NovelIm Sog von Wort und Bild

Vier Graphic Novels erzählen starke Geschichten: Von Liebesscheitern und Lebensende, Krankheit und Politik. von Nikola Helmrich

Wort und Bild, die kunstvoll gemeinsam eine Geschichte erzählen: Mit guten Graphic Novels kann der Leserbetrachter tatsächlich unterhaltsame ästhetische Glücksmomente erleben. Neben autobiografischen Bänden wie Marjane Satrapis weithin bekannter Persepolis- Geschichte sind zum Beispiel zahlreiche Adaptionen von Literaturklassikern beliebt. Arthur Schnitzlers Fräulein Else von Manuele Fior, Kafkas Die Verwandlung von Éric Corbeyran und Richard Horne oder Marcel Prousts Mammutwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, von Stéphane Heuet gezeichnet, schlagen Brücken zu den literarischen Urfassungen. Aber es wäre völlig falsch, darüber all die faszinierenden originären Graphic Novels zu vergessen.

Die Skyline von New York, das Kielwasser eines Schiffes und ein Mann in hellem Anzug, der Abschied nimmt: Schon auf der ersten Seite von Die letzten Tage von Stefan Zweig erfasst der Zeichner Guillaume Sorel die Melancholie der folgenden Geschichte in drei Bildern, noch bevor der Text des Autors Laurent Seksik einsetzt, der 2010 das Buch zu dieser Geschichte über den berühmten Schriftsteller schrieb. Die Reise der Zweigs geht nach Brasilien, der letzten Station einer Flucht vor den Nationalsozialisten. Sie werden dort sechs Monate verbringen, bevor sie sich gemeinsam das Leben nehmen. Der sparsame Text aus Zweig-Zitaten und leisen Dialogen begleitet die teilweise großflächigen Tuschezeichnungen. Während wir Lottes Schwärmereien für die Werke ihres Mannes lesen, sehen wir in seiner Erinnerung, wie Hunderte Männer mit Hakenkreuzbanderolen Bücher ins Feuer werfen.

Anzeige

Mit leichtem Sepiaschleier zeichnet Sorel die Zeit des Schriftstellers mit seiner jungen Frau in Brasilien: Zweigs 60. Geburtstag, Karneval, Lottes schwere Asthmaerkrankung bis hin zum Freitod beider – ein Motiv der absoluten Nähe und Verbundenheit, das durch nachlassende Farbintensität und sich verlierende Konturen langsam mit den beiden vergeht.

Graphic Novel: Ein Werk für sich

Der amerikanische Comicautor Will Eisner benutzte 1978 erstmals den Begriff »Graphic Novel«. Sein Band Ein Vertrag mit Gott verband vier Kurzgeschichten in einem Buch auf 178 Seiten. Damit wollte sich Eisner von wöchentlich erscheinenden Heften abheben und ausschließlich Erwachsene ansprechen. Behäbige Übersetzungen des Begriffs wie Comic- oder Bildroman setzten sich nicht durch. Somit spricht man auch hierzulande von Graphic Novels, wenn es sich im Unterschied zu Comicserien um in sich abgeschlossene Werke mit Anfang, Mittelteil und Ende handelt, frei von standardisierten Längen und Formaten. Die Autoren bestimmen den Umfang selbst und variieren die Größe der Bilder ohne die Zwänge einer Serienform.

Eine andere Art der Erzählung zeigt der junge Comiczeichner Bastien Vivès in dem Band Das Gemetzel. Seine Buntstiftzeichnungen reißen den Leser rastlos durch eine Liebesgeschichte ohne Dramaturgie und liefern damit eine erschreckend allgemeingültige Beziehungsstudie. Vivès zeichnet ein Leben der Zweisamkeit in Alltagsminiaturen: gemeinsames Zähneputzen, Einschlafen, Essen. Die intensive Phase der Verliebtheit findet ihren zeichnerischen Höhepunkt, wenn Vivès sein Paar über sieben Seiten Walzer tanzen lässt: Aus zwei Menschen wird hier ein in sich verschlungenes Knäuel, das sich durch immer weiteres Drehen nur noch stärker ineinanderkrallt. Dann kommt der Bruch: Sie weint, er weiß nicht, warum – die Missverständnisse beginnen und führen zu zunächst ungewollten, dann gewollten Verletzungen. Vivès wird zum Beziehungs-Seismografen und streut die Ausschläge in farblich abgesetzten Sequenzen in seine Geschichte. Weder die innige Nähe am Anfang noch der tiefe Schmerz gen Ende brauchen viele Worte. Vivès zeichnet seine Figuren in Bewegungen voller Zuneigung und Traurigkeit: die Komplexität der Liebe in Buntstift.

Grau in grau ist dagegen die autobiografische Geschichte Stiche von David Small, inhaltlich und zeichnerisch. Seine Erzählung ist grausam, am Ende aber keine kalte Abrechnung, sondern eine fast verständnisvolle Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte. David wird mit disfunktionalen Stirnhöhlen in Detroit geboren. Sein Vater, ein Röntgenarzt, behandelt ihn selbst. In den fünfziger Jahren war man überzeugt, regelmäßige Röntgenbehandlungen würden Heilung versprechen. Bei David bringen sie den Krebs. Nach zwei Operationen ist der Krebs weg – die Stimme auch. David ist vierzehn.

Die Beklemmungen der Stummheit zeichnet Small in expressionistischen Exkursen in die eigene Mundhöhle. Ein anderes Mal zeigt er sein junges Ich, wie es beim Zeichnen durch das Blatt in den Boden verschwindet, hin zu seinen Cartoonfreunden und einer Welt, die nicht der irdischen entspricht: weg von all dem Elend seiner Realität, weg von der Kälte der Stummheit und Lieblosigkeit der Eltern. In lockeren Tuschezeichnungen fängt Small Furcht einflößende Gesichtsausdrücke und Bewegungen ein, zeigt, wie gefangen auch die Mutter in ihrer eigenen Wortlosigkeit ist – mit dem Herzen auf der falschen Seite des Brustkorbs geboren, hat sie wenig expressive Liebe in sich und für ihren Sohn. Small spielt mit Ironie und Ernsthaftigkeit, überzeichnet die Dinge oft radikal, verpasst seinem Psychiater zum Beispiel einen Hasenkopf. So nimmt er dem grauenvollen Stoff seines Lebens die Unverdaubarkeit.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Graphic Novel | Buch | Literatur | Comic
    Service