Die Studie ist weltweit einmalig. Isolationsexperimente an Menschen, gar an Kindern, sind ethisch nicht vertretbar. Wer wissen will, wie sich Trennung von der Mutter, Isolation, fehlende Bindung auf Neugeborene und Kleinkinder auswirken, experimentiert normalerweise mit Mäusen oder Ratten.

Auch die Forscher um Charles A. Nelson hatten ihre ethischen Vorgaben. »Wir mussten sicherstellen, das keines der Kinder, die wir aus den Heimen holten und zu Pflegeeltern gaben, je wieder zurück in ein Heim kam. Das für Kleinstkinder zu organisieren, bis sie auf eigenen Beinen stehen können, ist eine gewaltige Herausforderung.« Und natürlich musste kein Kind aus der Studiengruppe im Heim bleiben, wenn sich eine Chance auf eine bessere Lebenssituation eröffnete.

Das Ergebnis der Anstrengungen ist einzigartig: Die Forscher konnten die Entwicklung der Kinder in den Pflegefamilien mit den im Waisenhaus zurückgebliebenen vergleichen. Als Kontrollgruppe dienten Kinder in der Region, die von jeher in ihren Familien lebten. Welchen Effekt hatte die Institutionalisierung der Kinder auf ihr Gehirn und die Entwicklung ihres Verhaltens? Ließen sich diese Effekte durch die intensive Betreuung in einer Pflegefamilie wieder rückgängig machen? Und schließlich: Konnte es den amerikanischen Forschern gelingen, die rumänische Politik im Umgang mit Waisen grundsätzlich zu ändern?

136 Waisen im Alter zwischen 6 und 31 Monaten wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt, die Hälfte kam in Pflegefamilien. 72 Kinder aus der Gegend wurden für die Kontrollgruppe ausgewählt. Die Forscher hatten 56 Pflegefamilien rekrutiert, die für die Kinderbetreuung angemessen entlohnt wurden. Die Familien wurden vor allem in der Anfangsphase intensiv betreut und beobachtet, für die langfristige Unterstützung halfen die Forscher bei der Gründung von Selbsthilfegruppen, in denen sich die Pflegeeltern austauschen und Hilfe erfahren konnten.

In regelmäßigen Abständen protokollieren die Forscher die Entwicklung der Kinder. Bald werden die ältesten von ihnen ihren 15. Geburtstag feiern. Wieder werden Nelson und seine Kollegen ihre Fragen stellen: Wie haben sich die Kinder körperlich entwickelt? Wie gut können sie sprechen? Wie ausgeprägt ist ihr Sozialverhalten? Leiden sie unter psychischen Erkrankungen?

Schon vor Beginn des Projekts hatten Untersuchungen ergeben, dass institutionalisierte Waisenkinder ernsthafte Entwicklungsstörungen wie einen verminderten IQ und deutlich sichtbare Bindungsschwächen aufwiesen. Auch hatten Kernspinuntersuchungen eine sichtbar schwächere Hirntätigkeit offenbart. Nelson und seine Kollegen konnten bald nachweisen, dass das keine zufälligen Beobachtungen waren.

Erschreckender noch war das Muster, das die Forscher beobachteten: Kinder, die vor ihrem zweiten Lebensjahr in eine Pflegefamilie kamen, konnten oft einige ihrer gewissermaßen verschütteten Fähigkeiten zurückgewinnen. Kleinkindern, die nach dem zweiten Geburtstag in Pflegefamilien kamen, gelang das meist nicht. »Es ist dramatisch, auf welch vielfältige Weise diese Kinder benachteiligt sind«, sagt Nelson.

• Die Folgen der schlechten Betreuung fallen schon in ihrer körperlichen Entwicklung auf. Obwohl die Kinder im Heim genug zu essen bekamen, waren sie deutlich kleiner als ihre Altersgenossen. Erst in der Pflegefamilie begannen sie zu wachsen und holten den physischen Rückstand auf.

• Intelligenztests ergaben für die institutionalisierten Kinder einen durchschnittlichen Wert von 73 – am Rande geistiger Behinderung. Die Kinder der Kontrollgruppe hatten einen durchschnittlichen IQ von 103. Nach einer gewissen Zeit in den Pflegefamilien machte der IQ der Heimkinder einen Sprung um etwa zehn Punkte.

• Die Dramatik der Daten zur Intelligenz wurde bei der Untersuchung der Sprachfähigkeit noch übertroffen. »Wir hatten gedacht, dass der IQ am heftigsten beeinträchtigt war, doch wir mussten erkennen, dass die Sprache geradezu erschlagen war«, sagt Nelson. Kein institutionalisiertes Kind zeigte eine normale Sprachentwicklung. Offenbar setzt die kritische Phase für die Sprachentwicklung eines Kindes noch früher ein als die für die Ausprägung der Intelligenz.

• Die Tests hatten eine ganze Reihe psychiatrischer Probleme offenbart. Die Betreuung in Pflegefamilien konnte den Kindern mit emotionalen Störungen wie Angst und Depression helfen, aber nicht denen, die unter Verhaltensstörungen wie ADHS oder ODD (oppositionellem Trotzverhalten) litten.

• Beunruhigend sind zudem die weit verbreiteten Bindungsprobleme unter den Waisenhauskindern. In einem Test, in dem ein Fremder in die Tür trat und völlig unvorbereitet ein Kind bat, mit ihm mitzukommen, waren 55 Prozent der institutionalisierten Kinder einfach mitgegangen, während das nur 25 Prozent der Pflegekinder taten und nur ein einziges Kind aus der Kontrollgruppe mitging. »Kinder mit 54 Monaten machen so etwas eigentlich nicht«, kommentiert Nelson dieses Verhalten und fügt hinzu: »Wir machen uns große Sorgen, was aus diesen Kindern wird, wenn sie eines Tages die Institutionen verlassen. Wie werden sie in der realen Welt zurechtkommen?«

• Der Aufenthalt im Waisenhaus scheint die Biologie und Architektur des Gehirns grundlegend zu verändern. Jüngst hat Nelsons Kollegin Stacy Drury von der Universität Tulane herausgefunden, dass bei Kindern, die längere Zeit in den Waisenhäusern zubrachten, die Enden der Chromosomen, die sogenannten Telomere, verkürzt waren. Ihre Zellen altern schneller, die verkürzten Telomere könnten ein erster Indikator für künftige mentale Probleme sein. Das ist das bis jetzt deutlichste Anzeichen, dass Vernachlässigung bei sehr jungen Kindern nicht nur emotionale und psychische Störungen nach sich zieht, sondern tief in die Biologie eingreift.

Das BEIP zeigt so auf dramatische Weise die Auswirkungen früher Deprivation, aber auch die Erfolge, die durch frühe Intervention möglich sind. Nelson weiß: Am Ende muss seine Forschung politische Folgen haben. Krankheit und Tod machen Kinder auf der ganzen Welt zu Waisen. Aids allein ist für mehr als 25 Millionen Waisen verantwortlich, vor allem in Afrika. Man schätzt, dass in Mittel- und Osteuropa etwa 1,5 Millionen Kinder in staatlicher Obhut leben. In Russland hat sich die Zahl der Kinder, die ohne elterliche Fürsorge aufwachsen, in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Auch anderswo wachsen Millionen Kinder unter widrigen Umständen und mit unzureichender Pflege auf.

Die Ergebnisse des Bucharest Early Intervention Project haben aber nicht nur Konsequenzen im Blick auf die Waisenhäuser Afrikas, Russlands oder Rumäniens. Ihr Hinweis auf die große Bedeutung der ersten beiden Lebensjahre betrifft auch die Krippe um die Ecke, wo ein Erzieher für sieben oder acht Kleinkinder kaum die Stimulanz und die Bindung für jedes einzelne Kind liefern kann, die es braucht, um eine vorteilhafte Entwicklung nehmen zu können – emotional, sprachlich und kognitiv. Ein Staat, der hier zu wenig investiert, begeht einen Fehler, der später kaum zu korrigieren ist: »Schlechte Frühkindbetreuung ist schlecht für alle Kinder«, kommentiert Nelson knapp.

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