Rumänische WaisenkinderDie Folgen der Isolation

In Rumänien wuchsen Kinder in Waisenhäusern unter elenden Bedingungen auf. Amerikanische Wissenschaftler untersuchen, wie sich das auf die kindliche Entwicklung auswirkt. von Christine Brinck

Es sind diese Augen, die den Besucher nicht mehr loslassen. Kinderaugen. Die Bilder sind auf den Regalen aufgereiht, stehen auf dem Schrank oder hängen gerahmt an der Wand. Das Büro von Charles A. Nelson, Professor für die Erforschung kindlicher Entwicklung an der Harvard University und am Children’s Hospital in Boston, ist voll von diesen Kinderbildern aus rumänischen Waisenhäusern. Und sie erzählen stumm von entsetzlichen Schicksalen.

Nelson zeigt auf das Foto eines zweijährigen Mädchens. »Sie hatte sich in die Hose gemacht. Sie weinte vor sich hin. Keiner kümmerte sich um das Kind, keiner tröstete es oder sprach mit ihm. Das ging sehr lange so«, sagt Nelson. »Als ich fragte, was denn mit der Kleinen wäre, war die Antwort lakonisch: ›Die ist heute Morgen von ihrer Mutter verlassen worden.‹« Nelson kann viele solcher Geschichten erzählen. Von Kindern, deren Schädel auf die Größe eines Basketballs angeschwollen war – wegen eines unbehandelten Wasserkopfs. Ein Einjähriger war so unterernährt, dass ihn die Forscher zunächst für ein Neugeborenes hielten, ein siebenjähriges Mädchen sah aus, als wäre es gerade zwei geworden. »Gespenstisch war die Stille in den Sälen«, erinnert sich Nelson an seinen ersten Besuch. Die Kinder lagen auf dem Rücken und starrten an die Decke. »Aber warum sollten die Kinder auch schreien? Es hat sie ohnehin niemand beachtet. Wir dagegen mussten oft den Raum verlassen, damit die Kinder uns nicht weinen sahen.«

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Eigentlich ist Charles A. Nelson ein Grundlagenforscher mit eher akademischen Interessen, ein Psychologe und Neurowissenschaftler. Er will wissen, wie widrige Erfahrungen die spätere Entwicklung des Menschen prägen. »Man nennt das biological embedding – biologische Einbettung. Wir untersuchen, wie Verhalten mit der Biologie verwoben wird«, sagt er.

Dann fuhr Nelson – zwölf Jahre ist das her – mit einigen Kollegen auf Einladung des rumänischen Ministers für Kinderschutz zum ersten Mal nach Bukarest. Was die Forscher dort vorfanden, war die späte Folge der irrsinnigen Bevölkerungspolitik von Nicolae Ceauşescu: Der rumänische Diktator hatte Mittel zur Geburtenkontrolle genauso verboten wie Abtreibungen. Seine Formel lautete: mehr Bürger, mehr Steuerzahler, mehr Wohlstand. Aber die wenigsten Familien konnten sich den Kinderreichtum leisten. Die Waisenhäuser in Rumänien füllten sich. Auf dem Höhepunkt der entsetzlichen Familienpolitik beherbergten sie weit mehr als 100.000 Kinder. Noch zehn Jahre nach dem Sturz des Diktators lebten 60.000 Kinder in den staatlich kontrollierten Einrichtungen. Denn das Konzept von Pflegeeltern war den Rumänen fremd. »Wer sich um fremder Leute Kinder kümmerte, galt als pädophil«, erinnert Nelson das gesellschaftliche Vorurteil. »Und die offizielle Politik vertrat noch immer die Ansicht, dass die Kinder beim Staat besser aufgehoben wären als bei fremden Pflegeeltern.«

Dennoch gelang es Nelson gemeinsam mit Kollegen von der University of Maryland und der Tulane University, mit staatlicher Genehmigung in Rumänien ein Betreuungssystem mit Pflegeeltern aufzubauen. So konnten die Forscher eine kleine Gruppe der Kinder aus ihrer erbärmlichen Lage erlösen und beginnen, zentrale Fragen zur kindlichen Entwicklung unter widrigen Bedingungen zu beantworten. Aus dem ersten Besuch erwuchs das Bucharest Early Intervention Project (BEIP).

Leserkommentare
    • Varech
    • 27. Dezember 2012 20:46 Uhr

    Kaum erschienen, schon wieder in der Ablage.

    Dass eine Kinder-Massenhaltungs-Kritik überhaupt erscheinen konnte, verdanken wir vielleicht nur den "amerikanischen Wissenschaftlern".

    2 Leserempfehlungen
    • Tom12
    • 27. Dezember 2012 22:11 Uhr

    "Mütter, die das genauso sehen und auf Erwerbsarbeit verzichten, werden zu jeder sich bietenden Gelegenheit diffamiert, in die "bildungsferne" Ecke gestellt und mit Vorwürfen konfrontiert, sie würden ihren Kindern Chancen zu "frühkindlicher Bildung" verweigern. Dabei wird übersehen, dass es in dem Alter, um dass es hier geht, vor allem auf die Entwicklung der Bindungsfähigkeit ankommt und weniger um das Bilden von Sozialkontakten zu anderen Kindern, geschweige Fremden. Diese Phase beginnt - und das ist in der Forschung genauso unumstritten - erst im Kindergartenalter (also um das 3. Lebenjahr herum)."

    Vielen Dank für diesen vernünftigen Kommentar, leirgulen. Leider hört man in der extrem einseitigen politischen Diskussion in Deutschland nur selten Stimmen, die es wagen, der allgemein propagierten Abneigung gegenüber Hausfrauen (ein Wort, das in unseren Breiten ja bereits zum Schimpfwort geworden ist) zu widersprechen. Leider scheint die große Mehrzahl der Politiker in Deutschland vergessen zu haben, dass es so etwas wie ein Grundgesetz gibt, in welchem Artikel 6 II explizit die Freiheit der Eltern, die Erziehung ihrer eigenen Kinder selbst zu gestalten, schützt. Die aggressive Art, wie der deutsche Staat die sehr persönliche Entscheidung, ob ein Elternteil bei einem Kind zu Hause bleibt oder nicht, kontrollieren will, ist erschreckend in einem Land, das sich selbst als freiheitlich bezeichnet.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das mag sein."
  1. warum Wissenschaftler oft wenig Lust haben mit Nicht-Fachjournalisten zu reden. Man hält eben oft als Stichwortgeber für die unreflektierten Thesen des Journalisten her:

    "Die Ergebnisse des Bucharest Early Intervention Project haben aber nicht nur Konsequenzen im Blick auf die Waisenhäuser Afrikas, Russlands oder Rumäniens. Ihr Hinweis auf die große Bedeutung der ersten beiden Lebensjahre betrifft auch die Krippe um die Ecke, wo ein Erzieher für sieben oder acht Kleinkinder kaum die Stimulanz und die Bindung für jedes einzelne Kind liefern kann, die es braucht, um eine vorteilhafte Entwicklung nehmen zu können – emotional, sprachlich und kognitiv. "

    Die Ignoranz mit der hier Waisenhäuser mit den im Artikel geschilderten Zuständen mit deutschen Krippen gleichgestellt werden ist einfach unfassbar. Frau Brinck, woher nehmen sie die Gewissheit, dass Untersuchungen an Kindern, die in so extremer Weise vernachlässigt wurden, dass sie körperlich und geistig deutlich zurückgeblieben waren, das diese Ergebnisse auch nur irgendeine Bedeutung für Krippen in Deutschland haben. Außer, das die institutionalisierte Kinderbetreuung in Deutschland Vernachlässigungen in einem solchen Ausmass verhindert. Die gibt es hier in Einzelfällen natürlich auch - aber nur bei "Betreuung" innerhalb der "Familie".

  2. in dem artikel geht es zum teil um IQ tests, haben wir in der sarrazin diskussion nicht gelernt, dass das keine bedeutung hat bzw. man dem keine bedeutung beimessen soll?

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    Das klingt so, als ob man aus einer Diskussion, in der auch der letzte verblendete Hinterwäldler mitreden kann, lernen sollte, und nicht aus wissenschaftlich gewonnenen Fakten und Zusammenhängen.

  3. Das klingt so, als ob man aus einer Diskussion, in der auch der letzte verblendete Hinterwäldler mitreden kann, lernen sollte, und nicht aus wissenschaftlich gewonnenen Fakten und Zusammenhängen.

  4. 14. [...]

    Entfernt. Kein sachlicher Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

  5. Ich will mich jetzt nicht an der Diskussion "Krippe oder Hausbetreuung" beteiligen, sondern nur einen Gedanken in den Raum werfen:
    Haben solche Studien ethisch betrachtet eine unmoralische Komponente? Was ich damit meine: Schon frühere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen, man wusste also über die Auswirkungen von fehlender Zuneigung auf Kinder. Dennoch hat man ganz bewusst nicht allen Kindern ein Pflegefamilie gesucht, sondern sie in ihrem Elend zurückgelassen.

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    • Aluni
    • 31. Dezember 2012 2:22 Uhr

    Ich finde, es gehört schon eine große Portion Abgebrühtheit dazu, einen Teil der Heimkinder in ihrem Elend zu belassen, um sie "wissenschaftlich" zu beobachten. Hat man das im "3.Reich" mit KZ-Kindern nicht auch so betrieben? Ich frage mich, ob solche Forschung im heutigen Deutschland genehmigt bzw durch die Prüfung der Mittelvergabe kommen würde.

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