Wenn man sich durch das Haushaltsgesetz wühlt, bekommt man eine Ahnung davon, aus wie vielen Partikularinteressen dieses Land besteht. Und wie schwierig es sein muss, Italien zu modernisieren. »Wir haben uns ja längst in der Krise eingerichtet«, sagt Giuseppe De Rita, der Leiter des renommierten Sozialforschungsinstituts Censis. »Es gab in Italien keine traumatischen Ereignisse wie einen Bankencrash oder eine Immobilienkrise. Unsere Krise ist strukturell. Wir leben schon lange mit ihr, und deshalb lehnen wir radikale Schritte zu ihrer Überwindung ab.«

Der Chef der Steuerbehörde benötigte Polizeischutz

Ein weitreichendes Gesetz zur Korruptionsbekämpfung, eine radikale Reform des Arbeitsmarktes? Nicht doch. Monate feilschten Parteien und Gewerkschaften mit den zuständigen Ministerinnen Paola Severino (Justiz) und Elsa Fornero (Arbeit), dann wurden Gesetze verabschiedet, die niemanden zufrieden machten. Aber auch keinen mehr wütend. Anders als die Neuordnung der Provinzen. Der Bürgermeister von Prato in der Toskana gab eine Pressekonferenz auf der Toilette – aus Empörung über die Aussicht, demnächst Florenz unterstellt zu werden.

Die italienische Ökonomie basiert nach wie vor auf einer großen Zahl von kleinen Betrieben, oft von Familien geführten Traditionsunternehmen. Berlusconi hatte diese Klientel zuverlässig bedient, indem er ihr den Staat vom Leib hielt. Monti aber nahm die Mittelständler in die Zange. Er beschloss eine neue Immobiliensteuer und befeuerte gleichzeitig den Kampf gegen Steuerhinterziehung. Die Reaktion war ein Aufschrei. Der Chef der Steuerbehörde bekam Polizeischutz, nachdem in einigen Finanzämtern Sprengsätze gezündet worden waren.

Über Monate behaupteten die Interessenverbände der Mittelständler, die Steuerpolitik habe massenhaft Unternehmer in den Selbstmord getrieben – einen Nachweis blieben die Lobbyisten allerdings schuldig. »Es ist schon bizarr«, sagt der Soziologe De Rita, »Montis Spar- und Steuerpolitik trifft vor allem diejenigen, die immer schon den größten Beitrag leisten mussten: also die angestellten Steuerzahler. Aber den lautesten Protest hört man von den Selbstständigen.«

De Rita hält die Hiobsbotschaften von einer galoppierenden Verarmung der Italiener für übertrieben: »Wir sind nicht arm, wir haben vielleicht etwas weniger Geld. Aber 85 Prozent der Italiener sind Eigenheimbesitzer. Armut sieht anders aus.« Eine Million Familien zahlt nach Schätzungen der Steuerbehörde überhaupt keinen Tribut an den Staat, jeder Fünfte schummelt bei der Steuererklärung. Wenn Monti an das Verantwortungsbewusstsein seiner Landsleute appellierte, klang das oft ziemlich hilflos.

Auch bei den großen Unternehmen gibt es eine gewisse Staatsferne. Anzulasten ist das Berlusconi, der als Industrieller nie Industriepolitik betrieben hat. Fiat als größter privater Arbeitgeber im Land erschien dem Medienzaren wie eine feindliche Macht. Er wähnte bei den Turiner Autobauern die Arroganz des alteingesessenen Geldadels gegenüber dem Parvenü.

Investitionen von 20 Milliarden Euro wurden zur Makulatur erklärt

Monti wiederum hatte Fiat-Chef Sergio Marchionne nicht viel entgegenzusetzen, als dieser im September das Projekt »Fabbrica Italia« mit Investitionen über 20 Milliarden Euro zur Makulatur erklärte. Der Professor rang Marchionne lediglich das Versprechen ab, dass Fiat sich nicht aus Italien zurückziehen werde. Marchionne hat übrigens seinen Wohnsitz in der Schweiz.

Härter griff Monti gegen die Industriellenfamilie Riva durch, die im apulischen Tarent das größte Stahlwerk Europas betreibt. Über Jahrzehnte wurden dort die Umweltvorschriften missachtet, bis die Staatsanwaltschaft mit dem Hinweis auf Gesundheitsgefährdung durch Dioxin durchgriff – und die Manager verhaften ließ. 12.000 Menschen arbeiten im Stahlwerk, es handelt sich um den größten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Auf den Erpressungsversuch »Arbeit oder Umwelt« ließ Monti sich trotzdem nicht ein. Ende November verfügte er per Notverordnung die Umweltsanierung bei laufender Produktion. Und drohte bei weiteren Verstößen sogar mit Enteignung. Das wäre eine extreme Maßnahme – gegen Industriebarone, die sich am Rande Italiens tatsächlich wie Feudalherren aufführen.