Glauben ist Privatsache? Mag sein. Religion ist Privatsache? Vielleicht auch noch. Aber ob und wie man seine Religion ausüben darf, das ist in Deutschland eine hoch offizielle staats-kirchliche Angelegenheit. Natürlich, wir haben keine Staatskirche. Aber wie andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auch besitzen die römisch-katholischen Bistümer und die evangelischen Landeskirchen den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, für die der Staat die Steuern einzieht: Neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer, in Bayern und Baden-Württemberg acht Prozent plus Kirchgeld. Ein lediger Arbeitnehmer mit 4.000 Euro brutto im Monat zahlt 71,03 Euro; 29,18 Euro sind es noch, wenn er verheiratet ist und ein Kind hat.

Wer das nicht zahlen will oder kann, dem bleibt nur ein Weg: der Austritt aus der Körperschaft Kirche. Den setzen die katholischen Bischöfe mit einem Schisma gleich, einem Abfall vom Glauben, dem Bruch mit der Glaubensgemeinschaft. Und darauf stehen schwerste Beugestrafen, die quasi eine Exkommunikation zur Folge haben – auch wenn Kirchenleute das heute nicht mehr so nennen. »Vielleicht haben Sie die Tragweite Ihrer Entscheidung nicht ermessen und möchten diesen Schritt rückgängig machen«, heißt es in dem Schreiben, das den aus der katholischen Kirche Ausgetretenen seit September dieses Jahres zugeht. Das Absurde: Das hat nicht der gerne als reaktionär und verknöchert geschmähte Vatikan festgelegt. Im Gegenteil: Der Päpstliche Rat für die Gesetzestexte schrieb schon 1996, ein Austritt vor einer Behörde sei keine Rechtfertigung für die Exkommunikation, denn der Betreffende könne ja willens sein, in der Glaubensgemeinschaft zu bleiben. Doch die katholischen deutschen Bischöfe setzten sich darüber hinweg, denn sie haben viel zu verlieren. Trotz rückläufiger Mitgliederzahlen sind Deutschlands große Kirchen finanziell sehr gut ausgestattet, die katholische und die protestantische Kirche verfügen zusammen über geschätzte Vermögen im Wert von mehr als 50 Milliarden Euro. Dazu kommen jedes Jahr Staatsleistungen, Spenden, Erlöse aus Grundbesitz und sonstigem Vermögen. Trotzdem lassen die Bistümer und Landeskirchen über neun Milliarden Euro Kirchensteuern im Jahr einziehen – weit mehr, als die Christen in anderen europäischen Ländern bezahlen. Italien erhebt auf die Bruttoeinkommensteuer eine Kirchen- und Kultursteuer von 0,8 Prozent, die einer Kirche, einem sozialen Zweck oder dem Staat selber gewidmet werden kann. In Spanien zahlt man 0,7 Prozent, in Finnland gehen ein bis zwei Prozent des zu versteuernden Einkommens an die Kirche. Sonst setzt man eher auf Freiwilligkeit: Bis zu drei Viertel der Einkünfte weltweit stammen aus Spenden.

Und unsere hohen Beiträge kommen leider kaum den sozialen Diensten zugute. Gerade fünf Prozent des Budgets von Caritas und Diakonie stammen aus Kirchensteuern. Kirchliche Kindergärten finanzieren sich zum allergrößten Teil, kirchliche Schulen, Altenheime, Krankenhäuser fast nur aus öffentlichen Steuermitteln, Kassen- und Patientenbeiträgen. In den Kirchengemeinden kommt nur der kleinere Teil der eingenommenen Steuern an; im Bistum Mainz beispielsweise nur rund ein Viertel des jährlichen Haushaltes. Und so wird an der Basis, in den Pfarreien, bei Kinder- und Jugendarbeit fleißig gespart, gesammelt und gespendet – während sich manche der direkt vom Staat bezahlten Bischöfe Apartments samt eigener Kapelle leisten, Limousinen mit getönten Scheiben und First-Class-Upgrades im Flieger. Die Gottesmänner führen sich auf wie die irdischsten Manager.

Dem Kanonisten Hartmut Zapp ging es bei seiner Austrittsaktion um Gerechtigkeit: Die Kirchensteuerforderungen der deutschen Bischöfe seien »unangemessen« hoch. Ein Austritt aus Steuerspar-Gründen sei dann kein Verstoß gegen die kirchenrechtliche Verpflichtung jedes Gläubigen, zum Unterhalt seiner Kirche beizutragen, wenn man statt der deutschen Kirchensteuern eine Summe wie »in vergleichbaren westeuropäischen Ländern« entrichte. Zapp selber wollte freiwillig einen Beitrag in Höhe des italienischen Modells überweisen. Schließlich habe auch Papst Benedikt XVI., immerhin Stellvertreter Gottes auf Erden, empfohlen, das deutsche Modell dem italienischen anzugleichen.

Auch im Kirchenvolk wächst die Kritik am deutschen Sonderweg. Der Kirchensteuereinzug durch den Staat und die Verteilung des Geldes von oben nach unten befördere die Verkrustung der Kirchenstrukturen. Etabliere einen bürokratischen Wasserkopf. Entmündige die Kirchgemeinden, in denen es kaum finanzielle Anreize gebe, Glaubensvermittlung und Gemeindeleben nach den Bedürfnissen der Gläubigen zu gestalten.

Die wachsende Kirchenferne, sie ist auch eine Gläubigenferne, betoniert durch automatisch fließende Kirchensteuern. Um die sich die Kirche nicht bemühen, für die sie sich nicht erklären muss.

Doch ohne Geld für die Kirchen geht es natürlich auch nicht. Kirchenmitarbeiter, die sich ihr Auskommen nicht mit einem Zweitjob sichern müssen, werden in diesen wechselhaften Zeiten mehr für die Seelsorge gebraucht denn je. Allen weltanschaulichen Streitpunkten zum Trotz: Die Kirchen leisten auch für Nichtmitglieder einen Beitrag zur sozialen, kulturellen und ethischen Ausgestaltung unserer Gesellschaft. Und mal ehrlich: Weihrauch und gepflegte Gotteshäuser gehören auch dazu.