KirchensteuerWehe, ihr zahlt nicht mehr!

Wer in Deutschland die Kirchensteuer verweigert, wird aus der Kirche ausgeschlossen. Aber geht das? Bleibt Christ nicht Christ? Ein Plädoyer für mehr Freiheit. von 

Vorweg muss ich etwas beichten: Ich war schon lange nicht mehr sonntags im Gottesdienst. Ich arbeite viel. Ich will trotzdem Zeit für meine Familie haben. Ich muss Sport machen, damit ich noch lange weiterarbeiten kann. Nebenbei muss ich einkaufen, den Stromtarif wechseln, mit Reklamations-Hotlines streiten. Ich habe nicht mal Zeit, krank zu sein. Und sonntagmorgens bin ich heilfroh, wenn ich einmal länger schlafen und dann mit Frau und Tochter entspannt frühstücken kann.

Da hat der Gottesdienst in der katholischen Kirche bei uns um die Ecke längst angefangen. Ich gebe zu, mein Bild von dieser, »meiner« Kirchengemeinde wird so von Äußerlichkeiten geprägt: der alten Frau, die uns streng fixiert, wenn wir mit unserem kleinen Kind doch einmal das Backstein-Gotteshaus betreten. Dem Leiter der angeschlossenen Schule, der zwar will, dass katholische Kinder die Vorschule besuchen, aber natürlich davon ausgeht, dass man sie mittags wieder abholt: Zwei arbeitende Eltern passen nicht ins Weltbild. Dem Mann, der nachmittags am verschlossenen Kirchentor rüttelt und verzweifelt schreit, er wolle beten. Im Pfarrhaus daneben brennt Licht, aber niemand öffnet ihm.

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Zufällige Begebenheiten. Doch sie tragen dazu bei, dass ich mich dieser Gemeinde so wenig verbunden fühle, dass ich zwar im Urlaub in Bayern in die Kirche gehe, nicht aber daheim in Hamburg. Und das müsste ich tatsächlich beichten. Denn gemäß dem Katechismus der katholischen Kirche verstoße ich gegen die Sonntagspflicht zur Teilnahme an der Messfeier, gegen das dritte Gebot also, begehe eine »schwere Sünde« und verliere die Gnade vor Gott (sofern er das auch so sieht). Ich dürfte also nicht mehr an der Messe teilnehmen, bevor ich nicht gebeichtet habe. Genauso geht es 85 Prozent der deutschen Katholiken, die, wenn überhaupt, nur noch zu hohen Feiertagen den Gottesdienst besuchen; bei den Protestanten sind es sogar 95 Prozent, aber dort gibt es keine Sonntagspflicht.

Doch für meinen Bischof gehöre ich trotzdem voll dazu. Denn ich zahle Kirchensteuer. Aus Angst, aus Überzeugung, aus schlechtem Gewissen? Oder als eine Art Rückversicherung? Egal, ich zahle, und meine schweren Sünden spielen keine Rolle mehr. Die katholische Kirche hat in Finanzdingen eine unrühmliche Tradition; das hemmungslose Wirken des Ablasspredigers Johann Tetzel – »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt« – war für Martin Luther der Anlass zum Anschlag seiner Thesen.

Wehe aber, ich zahlte nicht mehr. Dann würden mir flugs, und das ist amtlich, die heiligen Sakramente gestrichen: Kommunion, Beichte, Krankensalbung. Es gäbe keine kirchliche Hochzeit, sofern ich keine Sondergenehmigung vorweisen könnte. Es gäbe keine kirchliche Beerdigung, sofern ich nicht vorher noch bereute. Ich dürfte nicht mehr Tauf- oder Firmpate werden. Kurz: Ich gehörte im Nu nicht mehr zur kirchlichen Glaubensgemeinschaft, ganz egal, ob ich bei jedem Sonntagsgottesdienst in der ersten Bankreihe kniete, keine Beichte ausließe, tätige Nächstenliebe übte, im Bekanntenkreis missionierte und auch sonst ein tiefgläubiger Mensch wäre. It’s the economy – selbst beim Glauben.

Aber muss das so sein? Gefragt hat das der emeritierte deutsche Kirchenrechtsprofessor Hartmut Zapp. Der international anerkannte Experte trat 2007 auf dem Standesamt aus der Organisation Kirche aus, erklärte aber gleichzeitig, er fühle sich der katholischen Glaubensgemeinschaft weiterhin zugehörig. Für das Freiburger Erzbistum konnte das nicht sein. Man klagte gegen Zapp, und seit Oktober 2012 gibt es ein Grundsatzurteil des Verwaltungsgerichts in Leipzig: Wer in Deutschland aus der Organisation Kirche austritt, gehört auch nicht mehr zur Gemeinschaft der Gläubigen.

Im Umkehrschluss heißt das: Wer hier den katholischen Glauben praktizieren will, muss zahlen. Und Ablass-Tetzel hin, Luther her: Auch die evangelische Kirche hat die Mitgliedschaft an die Kirchensteuer gekoppelt. Wer austritt, da sind die Protestanten nicht ganz so knallhart, verliert zwar nicht den Anspruch auf das Abendmahl, aber auch auf die kirchlichen Amtshandlungen wie Taufe oder Hochzeit. Auf das kirchliche Begräbnis? Hängt vom Pfarrer ab.

Leserkommentare
  1. verdient natürlich Bezahlung, wenn er einen werthaltigen Dienst anbietet:

    Der Dienst, jemandem den rechten Glauben an Gott "beigebracht" zu haben, sollte eigentlich als abgeschlossene Handlung mit einer Einmalzahlung abgegolten sein.

    Aber da kommt ja noch der Dienst der Seelsorge dazu. Kirchen kosten Geld, Wein kostet Geld, Haushälterinnen kosten Geld, Weihrauch, kerzen, Messgewänder, Beerdigungen, Hochzeiten. All dies ist werthaltig für den, der es nutzen will.

    Auch die Begegnung mit anderen Gläubigen in einem Gotteshaus ist eine Dienstleistung der Kirche.

    Natürlich verliert man nicht seinen Glauben, wenn man auf die fortgesetzten Dienstleistungen verzichtet.

    Wenn man nicht darauf verzichten will, sollte man bereit sein zu zahlen oder um Stundung oder Erlass der Zahlung zu bitten.
    Ich bin zwar nicht sicher, denke aber doch, dass die Kirche Ausnahmen für Bedürftige macht. Im allgemeinen dürften Kirchensteuerzahler aber nicht bedürftig sein.

  2. Wenn Sie aufgrund einer wie auch immer zugezogenen Verletzung für den Rest Ihres Lebens beeinträchtigt sind, ist das sicher nicht schön. Trotzdem gibt es so etwas wie ein allgemeines Lebensrisiko, d.h. Sie haben zwar ein Recht darauf, dass Ihre Eltern Ihnen nicht Schaden zufügen, aber eine unbeschränkte Garantie auf Unversehrtheit jeglicher Art gibt es nunmal nicht. Sie können als Kind auch von einem Auto angefahren werden, eine Enzephalitis erleiden oder sich beim Spielen ein Auge ausstechen. Sicherlich alles Sachen, die Ihre Eltern nicht gewollt haben.

    Aber bei einer Taufe übergeben Ihre Eltern Sie bewusst und absichtlich einer religiösen Gemeinschaft, der Sie evtl. als Erwachsener nicht angehören möchten. Sie können dies aber nicht rückgängig machen. Ich persönlich bin um eine Taufe herumgekommen und weiß daher nicht, wie stark man unter einer ungewollten Taufe leiden kann. Wenn einem Religion (nur halt nicht die r.-k. Kirche) sehr wichtig im Leben ist, kann das durchaus belastend sein, dass man mit dem "Makel" der christlichen Taufe belegt ist. Ich weiß nicht, warum Sie dieses so vehement bestreiten.

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    • _bla_
    • 26. Dezember 2012 9:00 Uhr

    Aber bei einer Taufe übergeben Ihre Eltern Sie bewusst und absichtlich einer religiösen Gemeinschaft, der Sie evtl. als Erwachsener nicht angehören möchten. Sie können dies aber nicht rückgängig machen. Ich persönlich bin um eine Taufe herumgekommen und weiß daher nicht, wie stark man unter einer ungewollten Taufe leiden kann.

    Woher soll denn das Leiden kommen? Rein juristisch ist man mit dem Austritt nicht mehr Mitglieder der religiöse Gemeinschaft. Das Wasser der Taufe hinterlässt auch kein wissenschaftlich feststellbaren Veränderungen. Ohne Glauben an die Taufe können sie also kaum darunter leiden. Aber mit dem Glaube an die Taufe müssen sie schon eine ziemlich exotische Sichtweise vertreten um einen Schaden durch die Taufe zu sehen. Da müsste man bspw. schon Satanist sein, um einen engen Bund mit Gott als etwas schlechtes anzusehen.

    Und mit so einer Sichtweise müsste man den Eltern praktisch alles verbieten. Denn bei praktisch allem ist möglich, das das Kind irgendwann dies mal als großes Problem ansieht. Operation mit Bluttransfusion? Üble Sache, falls das Kind später mal Zeuge Jehovas werden will. Dem Kind Fleisch und Käse zum Essen geben? Wenn das Kind irgendwann mal Veganer wird, könnte es dies als üble moralische Verfehlung auslegen, die es nie wieder gut machen können wird.

    • TDU
    • 25. Dezember 2012 13:41 Uhr

    Wenn ich Fussballspielen will, kann ich das wie ich will. Will ich in einen Verein und auf guten Plätzen spielen, muss ich Beiträge zahlen oder den Fussballplatz selbst bauen.

    Dann eine allgemeine Abgabe fordern und dauernd drum kämpfen ob Handball was kriegt, Fussball oder Eishockey fördert auch nichts. So toll ist die italienische Kirche auch nicht, und wenn man sieht, von wem sie in Südtialien gefördert wird?. Die katholische Kirche in den Schauplatz der üblichen Verteilungskämpfe einzubeziehen fördert nichts.

    Das hört sich an wie die Kulturflatrate. Also wenn schon, dann richtig privatisieren. Mit Schwarzgeld, Werbung und allem was dazu gehört.

    Wer Christ sein will, kann Christ sein. Wer die supermoralische Anstalt will, soll sie erfinden.

  3. Ja, warum hatt 'Gott' denn immer nur einen Propheten ernannt um sein Wort/Werk, oder wie auch immer sie es nennen moegen verbreiten zu lassen ?

    Das ergibt keinen Sinn ;-]

    Fuer mich ist das neue Testament und auch die 10 Gebote, zumindest zum Großteil, nichts weiter als eine Art Wegweiser zum friedlichen Leben miteinander.

    Da gab es halt mal ein paar Menschen die es gut meinten, es aber satt hatten, wie die Menschen teilweise miteinander umgingen ... das waere eine moegliche Erklaerung, warum es da 'Werke' in jeweils nur einer Sprache gab, die zufaellig auch zum Grossteil zur damaligen bekannten 'Gesellschaft' der jeweiligen Propheten, wenn sie es so nennen moegen, passte, aber weder regional noch im Kontext der heutigen Zeit universell sind.

  4. Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Hause ging, war es
    schön ; sagenhaftes Wetter ! Und das erste was Gott tat, war :
    die Fenster sperrangelweit zu öffnen, um sein Häuschen gut zu lüften.

    Und Gott dachte : Vor dem Essen werde ich mir noch kurz die
    Beine vertreten. Und er lief den Hügel hinab zu jenem Dorf,
    von dem er genau wusste, dass es da lag.

    Und das erste, was Gott auffiel, war, dass da mitten im Dorf
    während seiner Abwesenheit etwas geschehen war, was er nicht
    erkannte. Mitten auf dem Platz stand eine Masse mit einer
    Kuppel und einem Pfeil, der pedantisch nach oben wies.

    Und Gott rannte mit Riesenschritten den Hügel hinab, stürmte
    die monumentale Treppe hinauf und befand sich in einem un-
    heimlichen, nasskalten, halbdunklen, muffigen Raum.

    Und dieser Raum hing voll mit allerlei merkwürdigen Bildern,
    viele Mütter mit Kind mit Reifen überm Kopf und ein fast sadistisches Standbild von einem Mann an einem Balkengerüst.
    Und der Raum wurde erleuchtet von einer Anzahl fettiger, gelblich-
    weißer, chamoistriefender Substanzen, aus denen Licht leckte.

    Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche Menge kleiner Kerle
    herumlaufen mit dunkelbraunen und schwarzen Kleidern und
    dicken Büchern unter müden Achseln, die selbst aus einiger
    Entfernung leicht modrig rochen.

    "Komm mal her! Was ist das hier ?"

  5. Was ist das hier ! Das ist eine Kirche, mein Freund.
    Das ist das Haus Gottes."

    "Aha ... wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge, warum
    blühen hier dann keine Blumen, warum strömt dann hier kein
    Wasser und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen ?!"

    "....das weiß ich nicht."

    "Kommen hier viele Menschen her, Knabe?"

    "Es geht in letzter Zeit etwas zurück."

    "Und woher kommt das Deiner Meinung nach? Oder hast Du
    keine Meinung?"

    "Es ist der Teufel. Der Teufel ist in die Menschen gefahren.
    Die Menschen denken heutzutage, dass sie selbst Gott sind
    und sitzen lieber auf ihrem Hintern in der Sonne."

    Und Gott lief fröhlich pfeifend aus Kirche auf den Platz.
    Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl in der Sonne sitzen.
    Und Gott schob sich neben das Männlein, schlug die Beine über-
    einander und sagte : ".... Kollege !"

    von Hermann van Veen

    Dieser Text fällt mir immer dazu ein. Deswegen bin ich aus der Kirche raus. Unser Sohn allerdings hat 3 Jahre in einer sehr engagiert geführten Theatergruppe einer K-Gemeinde mitgewirkt – wir haben das u.a. durch großzügige Spenden unterstützt.
    Dann kollidierte der Probentermin mit einem anderen Freizeitinteresse, worauf der Diakon streng wurde und zu dem Jungen meinte, er müsse sich dann eben entscheiden – was ihm schwer fiel und durch die eindringlichen Worte noch schwerer gemacht wurde, am Ende hat er sich nicht mal verabschieden wollen.

  6. ... Artikelthema was?

    Gut, da sind mir im Affekt ein paar Jährchen verloren gegangen.

    Hitler hat es ihnen weiterhin zugesichert, auch wenn es eine Idee aus der WRM ist, aber es sind immer noch 1800 Jahre weniger, als vom Vorposter unterstellt.

    Antwort auf "@33 :"
  7. Aus K Nr. 3: "Zudem sollte auch endlich akzeptiert werden, dass das Alte Testament ausdrücklich Mittelpunkt christlicher Lehre darstellt!"

    Zur Begründung zitieren Sie aus der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Nach Ihrem Zitat heißt es doch dort ausdrücklich, " die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch. Daraus kann man doch nicht ableiten, dass das AT den Mittelpunkt der christlichen Lehre bilde.
    Ausweislich des Wortlauts bilden wenn, dann AT und NT zusammen den Mittelpunkt.

    Abgesehen vom Wortlaut der Dogmatischen Konstitution, wäre es wohl etwas grotesk, wenn das Alte Testament in dem Christus und seine Lehren nicht vorkommen, der Mittelpunkt der christlichen Lehre wäre, zumal Fundament des Christentums die Menschwerdung Gottes in der Person von Jesus, sein Kreuzestod und seine Auferstehung sind, wovon ausschließlich im NT berichtet wird.

    Was aber hat nun die Frage, ob (nur) das AT, (nur) das NT oder beide den Mittelpunkt der christlichen Lehre bilden, mit den vorliegenden Artikel zu tun, der zum Gegenstand hat, ob nicht andere Formen der Finanzierung der Amtskirchen in Deutschland besser wären?

    Antwort auf "Christliche Lehre"

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