Martenstein : "Was ist denn schlimm an dem Wort 'Arzthelferin'?"

Über korrekte Bezeichnungen: "Was ist denn so schlimm an dem Wort 'Arzthelferin'?"
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Vor ein paar Wochen habe ich geschrieben, dass man zu den früheren Sprechstundenhilfen inzwischen "Arzthelferin" sagt, damit sie sich nicht diskriminiert oder herabgesetzt fühlen. Dies war ein Irrtum. Ärzte haben mich darüber aufgeklärt, dass man das Wort "Arzthelferin" mittlerweile ebenfalls als unangemessen empfindet. Jetzt heißt es "medizinische Fachangestellte". Das neue Wort ist natürlich ziemlich lang. Als Arzt hätte ich, besonders in kritischen Situationen, Angst, dass mir der Patient stirbt, bis ich das Wort "medizinische Fachangestellte" ausgesprochen habe.

Ich habe mich gefragt, was an "Arzthelferin" schlimm war. Jemandem zu helfen ist doch nichts Ehrenrühriges. Nun, das Wort ist nicht gut, weil es ja auch sehr viele Ärztinnen gibt und ein paar männliche Arzthelfer. Korrekt müsste der Beruf also heißen: "Ärztinnen- und Arzthelferinnen und Ärztinnen- und Arzthelfer". Da ist die "medizinische Fachangestellte" vermutlich wirklich die Lösung, bei der in kritischen Situationen etwas mehr Patientinnen und Patienten überleben.

In der politisch korrekten Sprachverschiebung ist inzwischen die zweite Ebene erreicht, ähnlich wie bei der zweiten germanischen Lautverschiebung um 500 nach Christus. Alles wird immer mehr verfeinert und verschnörkelt, wie in der Kultur des Rokoko. Kürzlich traf ich mich mit einer Therapeutin. Sie sagte, das Wort "Behinderte" sei in ihren Kreisen inzwischen verboten, obwohl es ursprünglich ein politisch korrektes Wort gewesen ist. Jetzt heißt es: "Mensch mit Behinderung", weil man ansonsten den Menschen, wenn man ihn einen Behinderten nennt, auf seine Behinderung reduziert. Jede Person hat ja zweifellos auch noch andere Eigenschaften als ihre Behinderung. Es gibt aber auch schon viele, die das Wort "Behinderung" als diskriminierend empfinden, weil viele Behinderte zweifellos fast alle Sachen machen können, die andere Leute auch machen, nur, es fällt ihnen schwerer. Deswegen müsse man statt "Behinderung" besser "Beeinträchtigung" sagen, Mensch mit Beeinträchtigung.

Ich kapiere das nicht. Zum Beispiel sagt man auch: Jude. Das ist okay, meines Wissens. Oder Hobbygärtner. Obwohl jeder Jude bestimmt noch andere Eigenschaften hat, vielleicht ist er Chemiker, Münchner, womöglich Hobbygärtner. Da müsste man also, nach der gleichen Logik, um ihn nicht zu reduzieren, sagen: Mensch mit jüdischer Religion. Besser gesagt, Mensch mit jüdischer Religion, der in seiner Freizeit gärtnert und sich bei einem Gartenunfall einen Finger abgeschnitten hat, was ihn dann zu einem Menschen mit jüdischer Religion und Beeinträchtigung und einem Faible für Gartenbau macht.

Ein Wort, das ich auch nicht kapiere, ist "bildungsfern". Ein ungebildeter Mensch ist bildungsfern. Damit wird ausgedrückt, dass dieser Mensch für seinen Bildungsmangel nichts kann. Leider stimmt dies nicht immer. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die aus einer begreiflichen Notlage heraus Banken überfallen. Deshalb sollte man nicht "Bankräuberinnen und Bankräuber" sagen, sondern "legalitätsfern", oder "Menschen mit Legalitätsferne", sonst reduziert man diese Menschen auf ihren Banküberfall. Und bildungsferne Eltern, die ihre Kinder verprügeln, heißen sicher demnächst pädagogikfern.

Mir fällt in dieser Jahreszeit immer auf, dass eine der wenigen Berufsbezeichnungen, die bis jetzt alle Umbenennungen überstanden haben, das Wort "Weihnachtsmann" ist. Wenn ich das erste Mal "Weihnachtliche Honorarkraft" lese, wandere ich aus.

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Kommentare

89 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Apropos "Weihnachten"

soll ja ursprünglich irgendwas mit "Gott" (m.) zu tun haben.
Doch selbst hiervor macht der Gendertrouble nicht halt.

Man/frau sollte sich schleunigst um einen geschlechtsneutralen Gottesbegriff kümmern, zumal "Zwitter" inzwischen als sogen. 3. Geschlecht anerkannt werden - nach jahrelangem politischen Kampf
http://dipbt.bundestag.de...

Wer traut sich ansonsten noch "Ach Gott", "Um Gottes Willen", "Gott sei Dank!" "Grüß Gott" u. dgl. in den Mund zu nehmen ?

Sie meinten es als Witz, doch

...ist Ihr Beitrag von der Wirklichkeit schon lange überholt worden, zum Beispiel hier:

“„Ferner soll dem Glauben, dass Gott menschliche Erkenntnis- und Benennungsmöglichkeiten übersteigt, dadurch Rechnung getragen werden, dass der – nach jüdischer Tradition unaussprechliche – Eigenname Gottes (JHWH) nicht in sogenannter „patriarchaler Herrschaftssprache“ als „Herr“ übersetzt wird. Stattdessen bietet die Bibel in gerechter Sprache dort, wo im Grundtext der Eigenname Gottes steht oder gemeint ist, unterschiedliche Lesemöglichkeiten an: Der Lebendige, die Lebendige, ErSie, der Ewige, die Ewige, Schechina, Gott, Ich-bin-da…“

Aus:

http://de.wikipedia.org/w...

holy days

es ist ein mythos, dass man nicht mehr frohe weihnachten wünschen sollte um keine moslems zu beleidigen. die ansage "happy holidays" ist schon um einiges länger in den usa üblich um juden und christen zu beglückwünschen… ich find's eigentlich ganz schön, weil "holidays" sich ja ethymologisch von holy days ableitet. im deutschen kann man dann "schöne feiertage" sagen und alle feiern, die einen weihnachten, die anderen hanukka… und die moslems fahren taxi oder schlafen sich mal richtig aus… ist doch gut so…

Ad exemplum: Kraft oder Kräftin?

"Kolummnist", ist doch auch nicht mehr tragbar, nicht kulturell neutral, nicht „pc"; stattdessen vielleicht Kolumnier und -euse?
Der Papst in Roma hat in einem Tweet sehr geschickt, ohne missionieren zu wollen, sich geäußert (@pontifex.de):
"Ich bin unbeschnitten. Und das ist gut so. [Ohne Ausrufezeichen!]
So hat er als Christ allen anderen - im Göttlichkeitsverband von Kelch, Kippa [auch: Kippah] und Koran - signalisiert, dass die christliche Errungenschaft der körperlichen Unversehrtheit - in statu postnatale et juventate - ein Angebot ist an alle anderen Säuglinge und Kinder (ob Mädchen oder Jungen).
Aber, zurück zur „medizinischen Fachkraft“ (die ja nun auch mal feminales Genus führt und nicht eine simultane Maskulinität (außer, wenn sie einschließlich der Ergänzung „und –Fachkräftin“ geäußert wird)…
Zu "Mohel" kenne ich die weibliche Bezeichnung als feminines Genus nicht; selbst im Jiddischen oder Hebräischen und US-Amerikanischen ist sie nicht grammatisiert oder grammatikalisch präsent (vielleicht war sie schon einmal im Mittelalter ausgeprägt oder wird es sein in gnädig utopalen Tempora.
Ist d i e menschenrechtliche Gleichheit (ersatzweise d a s Gleichberechtigtsein) noch nicht realisiert im (in d e m ) Religiös-Regionalen? Wieviel Dulden und Dunst und Dauerhaftigkeit – vulgo et extenso: Geduld [feminin] - wird uns abverlangt, wenn wir ins Haus des Bruders schauen würfen; oder der Schwester, ohne pc-Eifer oder missionarisches Eifertum (männl. Vorurteile).