UmweltschutzDas Meer vermüllt

Wissenschaftler erforschen Modelle, wie die gefährliche Plastikflut eingedämmt werden kann. von Anja Krieger

Im Meer schwappt Müll – und jedes Jahr kommen vermutlich mehrere Millionen Tonnen hinzu. Reste von Plastikflaschen, Deckeln, Tüten, Zahnbürsten und Feuerzeugen bedrohen das Leben in den Ozeanen. Zwischen Hawaii und Kalifornien driften Plastikteile über Jahre im Kreis. Kunststoff im Ozean – das nächste globale Umweltproblem? Wie viel davon schwimmt wirklich in den Meeren?

Forscher befürchten, das Plastik könne verheerende Folgen für marine Ökosysteme haben: Meerestiere verfangen sich im Müll oder ersticken daran. Sie fressen sich mit Kunststoff voll und tragen das Material in den Nahrungskreislauf. 2002 verglich der Ökologe José Derraik mehrere Studien zu den Auswirkungen von Plastik auf Meerestiere. Demnach sind mindestens 267 Tierarten weltweit betroffen.

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Noch 2001 war die Expertengruppe der Vereinten Nationen für Meeresschutz GESAMP wenig besorgt. Sie sah keine Hinweise darauf, dass die Todesfälle einen »maßgeblichen Effekt auf Populationsebene« hätten und damit die Artenvielfalt bedrohten. 10 Jahre später revidierte die GESAMP allerdings ihre Einschätzung. Es bestehe nun, ließ sie verlauten, doch Grund zur Sorge.

Wenngleich Experten die möglichen Umweltfolgen inzwischen ernster nehmen – es gibt keine akkuraten Schätzungen darüber, wie viel Abfall im Wasser landet. Das bestätigen die Vereinten Nationen ebenso wie die National Oceanic and Atmospheric Administration der USA. Die National Academy of Sciences hat die Müllfracht pro Jahr auf mehr als sechs Millionen Tonnen beziffert – doch dieser Wert ist 37 Jahre alt und umfasst nur den Müll, den Schiffe ins Meer kippen.

Niemand kann präzise sagen, wie viel Plastikmüll in den Meeren schwimmt

Erst Ende der neunziger Jahre, als der Segler Charles Moore den windstillen Nordpazifikwirbel durchfuhr, wurde das Problem sichtbar. Der Dokumentarfilm Plastic Planet des Wiener Regisseurs Werner Boote erregte weltweites Aufsehen. Darin stellte Moore sein in der Folge viel zitiertes Plastik-zu-Plankton-Verhältnis von sechs zu eins vor. Der Segler hatte mit seiner Crew auf einer Fahrt in den Nordpazifik Proben aus dem Oberflächenwasser entnommen. Die Seeleute trockneten die Proben und verglichen die Massen: 424 Gramm Plastik zu 70 Gramm Plankton.

Moores Methode erntete jedoch Kritik. Er hatte nur das Plankton – lebende Zellen, die hauptsächlich aus Wasser bestehen – zu reiner Trockenmasse reduziert. Zudem hatte er nur tierisches Plankton eingefangen; das kleinere pflanzliche Plankton war den Maschen seines Netzes entgangen. Aber auch gegenüber anderen Zahlen, die zum Thema »Plastik im Meer« durch die Medien schwappen, ist Skepsis angebracht: Je nach Quelle ist der schwimmende Kunststoff mal Tausende, mal »Abermilliarden Tonnen« schwer.

Die Wissenschaft steht, was die Ausmaße dieses Umweltproblems angeht, noch ganz am Anfang. So erforscht der Ozeanograf Nikolai Maximenko vom International Pacific Research Center der Universität von Hawaii die Verteilung des Mülls im Meer. Basierend auf Satellitendaten von Forschungsbojen hat Maximenko berechnet, wie sich Treibgut im Meer bewegt. Seine Simulation zeigt die Strömungen, mit denen die Kunststoffe über die Meere wandern, und die Regionen, in denen sie sich nach Jahren in großen Strömungswirbeln konzentrieren. Je zwei dieser Wirbel liegen im Pazifik und Atlantik, einer im Südindischen Ozean, macht fünf Müllwirbel weltweit.

So weit die Theorie. Praktisch muss erst belegt werden, ob sich Plastikmüll tatsächlich so verhält wie in der Computersimulation. In geringerer Dichte hat Kunststoff schon heute entlegene Gegenden der Weltmeere wie den Arktischen Ozean erreicht, berichtete Greenpeace. Höhere Konzentrationen sind im pazifischen Müllwirbel zwischen Kalifornien und Hawaii belegt. Auch eine Langzeitstudie über Plastikfunde aus dem Atlantik deckt sich mit Maximenkos Simulation.

Aber es gibt ebenso widersprüchliche Befunde: Im Nordwestatlantik nahmen Forscher der Sea Education Association über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren Wasserproben. Die 2010 in Science veröffentlichte Studie brachte eine überraschende Erkenntnis: Trotz weltweit steigender Kunststoffproduktion ist die Mülldichte in dem Gebiet nicht angestiegen.

Der spekulativste Erklärungsansatz für den mysteriösen Plastikschwund sind gefräßige Mikroben. Eine andere Theorie besagt, der Kunststoff rinne den Forschern durch die Finger, weil er mit der Zeit in immer kleinere Teile zerfalle, bis hin zu Mikroplastik, das maximal fünf Millimeter misst. Die feinen Krümel erregen besondere Besorgnis. Sie könnten etwa von Korallen aus dem Wasser gefiltert werden. Bisher ist wenig bekannt, wie diese für das marine Ökosystem wichtigen Wesen auf Mikroplastik reagieren.

An einem künstlichen Strand soll sich das gefährliche Treibgut sammeln

Eine potenzielle Gefahr von Mikroplastik ist seine Fähigkeit, Giftstoffe aus der Umwelt anzureichern. So könnten sich toxische Substanzen wie das Insektizid DDT an die Oberfläche von Kunststoffen binden und in stark erhöhter Konzentration durch die Meere reisen. Die GESAMP-Expertengruppe der Vereinten Nationen für Meeresschutz befasste sich 2010 ausführlich mit diesem Risiko, schätzte es jedoch als vergleichsweise gering ein – verglichen mit den Mengen, die zum Beispiel der Wind ins Meer trägt.

Einige Umweltschützer befürchten, Mikroplastik könne ein ähnlich großes Problem werden wie CO₂ in der Atmosphäre, und fordern eine Plastik-Bilanz. Wie ihren CO₂-Fußabdruck sollen Unternehmen und Institutionen künftig ihren Kunststoff-Konsum offenlegen.

Den bereits im Meer vorhandenen Müll wieder herauszufischen, halten die meisten Experten für unmöglich. Zwar arbeiten Aktivisten und Ingenieure an der Entwicklung spezieller Geräte, etwa im Rahmen des Projekts Kaisei der Kalifornierin Mary Crowley. Eine der Ideen: Ein künstlicher Strand könnte durchs Meer gezogen werden und Plastik im Vorbeifahren mitnehmen – nach einem ähnlichen Prinzip, wie sich Sand an Küsten sammelt.

Andere halten solche Versuche, den Müll zusammenzukehren, jedoch für hoffnungslos. Einer von ihnen ist Marcus Eriksen von der Organisation 5 Gyres Institute. Das wäre, sagt er, wie »auf dem Dach eines Hochhauses zu stehen und zu versuchen, mit einem Staubsauger die Luftverschmutzung zu entfernen«.

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Leserkommentare
  1. ... kommen nur im PVC vor, und da vor allem bei Weich-PVC. Das sind fast nur Folien.

    Nicht alle Kunststoffe schwimmen im Wasser, auch im Meerwasser nicht.

    Wie lange Kunststoffe dem UV der Sonne wiederstehen hängt von Vielem ab, unter anderem der Farbe, der Dicke und der Art.

    UV Stabilisatieren werden bei Verpackungen kaum verwendet.

    Außerdem hat Kunststoff, außer PVC, einen höheren Heizwert als Heizöl. Deswegen würde sich das Einsammeln schon zum Verbrennen lohnen.

    • Flari
    • 20. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Lieber KM!

    Versprechen Sie nicht alle naslang, sich etwas allgemeinverständlicher zu artikulieren?
    Ist das SO schwer?
    Oder warum machen Sie das dann nicht?
    Wir sind hier nicht in fachspezischen Foren!

    Ohne Frage verstehe ich Ihre Texte.
    Nur habe NICHT ich vor, mich mit Ihnen alleine über eine Thematik zu unterhalten, wobei andere Foristen keinenfalls folgen können oder wollen.
    Ich möchte meine Ansichten breit vermitteln und diskutieren.
    Wer das nicht möchte, sollte ausschl. in Fachgremien Präsenz zeigen, statt den Dicken raushängen zu lassen, was andere mundtot macht.

    Zu Ihrem teilweise verschwurbelten Kommentarinhalt:

    - Die Partikelgrösse ist doch wohl erst in einer weit tiefergehenden Betrachtung interessant.

    - Bei von der Oberfläche gesammelten und dort abgelagerten Giftstoffen ist die Aufnahme von dort relativ unabhängig von der Partikelgrösse und Ausscheidungsrate.

    - Kunststoffe im Verdauungstrakt erhöhen die Verweildauer. (Brauchen Sie eine Quelle?)

    - Bei DDT gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass dieses auch von Mikroben schwer verdaulich ist.

    - Deswegen forscht man auch..
    Aber was wollten Sie damit vermitteln?

    Antwort auf "Sehr geehrter Flari,"
    • Flari
    • 20. Dezember 2012 22:38 Uhr

    "Wenn die Menschen es geschafft haben, die Weltmeere „leer“ zu fischen, dann können sie sich auch an den Müll ran machen. Es muss doch einfacher sein, schwimmende Teile abzuschöpfen als Fische zu fangen, oder?"

    Fischschwärme lassen sich per Echolot aufspüren und durch die Maschenweite der Netze zumindest teilweise selektieren.
    Andere Fische lassen sich durch Köder, Geräusche, etc. anlocken und an den Haken gehen.
    Müll verhält sich leider anders, bzw. in den meisten Fällen entgegengesetzt:
    Weder lässt er sich anlocken, noch rausfiltern.
    Statt zu wachsen, wird er von der Partikelgrösse her mit der Zeit kleiner.

    Antwort auf "Zeit für Plastik"
  2. Ich kann in diesem Kontext nur auf ein sehr interessantes und ästhetisch wunderbar aufbereitetes Projekt zwei Londoner Designer verweisen. Ein Schmankerl für Auge und Intellekt: http://seachair.com/

  3. diese Problem ist nicht erst seit gestern bekannt. -> "Plastik Planet" (https://www.youtube.com/w...)

    Die Giftstoffe sind längst bei uns auf dem Tisch angekommen.. ich esse seit geraumer zeit keinen Hochseefisch mehr. Die Meere zu säubern ist teuer und keiner fühlt sich verantwortlich... Wenn das umdenken nicht bald einsetzt wird es uns noch böse auf die Füsse fallen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Flari
    • 21. Dezember 2012 3:41 Uhr

    "ich esse seit geraumer zeit keinen Hochseefisch mehr."

    Halten Sie Ihre Reaktion nicht selber für relativ hohl, wenn Sie nicht gleichzeitig jegliche andere Nahrungsaufnahme verweigern, was doch zumindest die relativ kurzfristige Konsequenz des persönlichen Ablebens bedingt?
    Nicht dass ich mich da einmischen möchte, aber ein Hinterfragen sollte erlaubt sein.

    Die von uns als Menschheit produzierten Gift- und Schadstoffe konzentrieren sich zuforderst in unserer direkten Umgebung, bevor sie sich auf die ganze Welt verteilen.
    Und diese Verteilung sollte man sehr differenziert betrachten.

    • Flari
    • 21. Dezember 2012 3:41 Uhr

    "ich esse seit geraumer zeit keinen Hochseefisch mehr."

    Halten Sie Ihre Reaktion nicht selber für relativ hohl, wenn Sie nicht gleichzeitig jegliche andere Nahrungsaufnahme verweigern, was doch zumindest die relativ kurzfristige Konsequenz des persönlichen Ablebens bedingt?
    Nicht dass ich mich da einmischen möchte, aber ein Hinterfragen sollte erlaubt sein.

    Die von uns als Menschheit produzierten Gift- und Schadstoffe konzentrieren sich zuforderst in unserer direkten Umgebung, bevor sie sich auf die ganze Welt verteilen.
    Und diese Verteilung sollte man sehr differenziert betrachten.

    Antwort auf "viel zu spät"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    man den Ihrer Meinung nach reagieren?
    Sie sagen hier "alle Nase lang", welche Reaktion Ihrer Meinung nach "hohl" ist, kommen aber nicht mit fundierten Vorschlägen jeglicher Art daher.
    Kritisieren Sie nicht immer Dinge bei anderen, wo doch vor Ihrer eigenen Türe genug vorhanden wäre, was des Wegfegens wert wäre.

    Wenn Zarathustra mit dem Verzicht von Fisch (ich glaube nicht, dass diese Maßnahme "weltfremd" wäre) seinen Beitrag erbringen möchte, die Welt "besser" zu machen, dann ist das so zu akzeptieren. Dann muss man nicht von solchen absolutistischen Maßnahmen sprechen, die Nahrungsaufnahme vollständig einzustellen.

    Solches Vorgehen nennt man in anderen Kreisen Extremismus!

    "Die von uns als Menschheit produzierten Gift- und Schadstoffe konzentrieren sich zuforderst in unserer direkten Umgebung, bevor sie sich auf die ganze Welt verteilen."

    Nun...die Menschheit lebt auf dem ganzen Planeten verteilt. (mit Ausnahme der Meere). Nicht ganz über die Formulierung nachgedacht?

    Kritisieren Sie nicht immer andere. Fassen Sie sich von Zeit zu Zeit auch mal an die eigene Nase und fragen Sie sich: "Was mache ich und was könnte ich noch besser machen?"

    Mfg

    K-F

  4. Habe im Netz die Seiten der Organisation Plasticontrol gefunden, nachdem mich das Thema jetzt auch beschäftigt. Den Artikel empfand ich ziemlich gut, da er auch einmal die unsichere Datenlage thematisiert (Ansonsten herrscht ja m.E. Alarmismus vor). Gute Informationen zur Thematik. www.plasticontrol.de

    • H.v.T.
    • 21. Dezember 2012 8:04 Uhr

    in der Hauptsache über die Flüsse seinen Weg ins Meer findet. Erst einmal könnte man doch anfangen, die Flussmündungen entsprechend zu überwachen und gegebenenfalls zu reinigen.

    Eine vielleicht etwas naive Sicht.

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  • Schlagworte Umweltschutz | Müll | Recycling | Plastik | Meeresforschung
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