Ulf Riebesell fehlt einfach ein Eisbär. Forscher, die sich mit dem Klimawandel in der Atmosphäre auseinandersetzen, haben es besser. Ihnen steht mit Ursus maritimus ein erstklassiges Symboltier zur Verfügung. Der Sympathieträger schafft es, die Menschheit zu sensibilisieren: Achtung, Treibhaus, zu viel Kohlendioxid! Wer einen Eisbär auf treibender Eisscholle sieht, erkennt sofort die Botschaft: Wird es noch wärmer, dann hat der Räuber ein Problem.

Wie aber sollte dem Meeresforscher Riebesell Ähnliches gelingen? Er befasst sich mit den Veränderungen, die infolge des Klimawandels in den Ozeanen vor sich gehen. Ihn kümmern Pflanzen und Tiere, die fernab der menschlichen Wahrnehmung leben – und auch ein Treibhausgasproblem haben. Weit und breit kein Pelzwesen, das Mitleid erzeugen könnte. Die wenigsten seiner Schützlinge sehen aus, als könnten sie das Herz der Menschen erwärmen. »Für Algen interessiert sich doch keiner«, sagt der Wissenschaftler von Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Der submarinen Fauna und Flora macht unser CO2-Ausstoß nicht weniger zu schaffen als dem bekannten Leben oberhalb des Wasserspiegels. Aber mit gestressten Kalkalgen die Öffentlichkeit aufrütteln? Schwierig.

Bald dürfte Riebesells Problem jedoch gelöst sein. Er hat ein Symboltier gefunden. Es könnte den Menschen deutlich machen, welche Schätze gefährdet sind. Sorgen wir uns nicht um die Zukunft der Weltmeere, dann geht es Limacina helicina an den Kragen. Oder ihrer nahen Verwandten Cuvierina columnella. Im Mittelmeer Cavolinia inflexa, in der Antarktis Clio pyramidata. Anmutig schweben die Flügelschnecken durch die Tiefen der Ozeane. Und weil sie (von Unterwasserkameras angeblitzt) vor nachtschwarzem Hintergrund so engelsgleich wirken, haben sie einen Kosenamen voller Sinnlichkeit erhalten: Angels of the Sea. Mit den marinen »Geistwesen« steht Riebesell endlich ein Symboltier zur Verfügung, um die Folgen des Klimawandels unter Wasser darzustellen: »Die Flügelschnecke könnte mein Eisbär sein.«

Die Tiere aus der Tiefsee gehören zu den leidtragenden Spezies, wenn die ökologische Belastung der Ozeane anhält. Und mit ihnen als Botschaftern, hofft Riebesell genauso wie seine Kollegen vom Geomar in Kiel, bestehe die Chance, die Menschen neugierig zu machen. Dann wollen sie vielleicht wissen, was es mit dem Umweltproblem auf sich hat, das die Flügelschnecke bedroht.

Es handelt sich um die Versauerung der Meere. Sie ist messbar im Absinken des pH-Werts. Diese Form der Ozeanverschmutzung ist auf den ersten Blick unsichtbar. Anders als bei Ölkatastrophen, gibt es von ihren Folgen keine spektakulären Bilder. Das ist das eine Problem. Das zweite: Die Erforschung von Ursache und Wirkung ist schwierig, weil die Zerstörung nicht eine konkrete Tierart plötzlich dahinrafft, sondern komplexe submarine Wohngemeinschaften subtil aus dem Gleichgewicht bringt.

Tiefseeforschung - Dr. Max: Säureangriff auf das Unterwasserparadies Zahlreiche Korallenriffe in der Tiefsee sind bedroht, weil die Ozeane immer saurer werden. Vor Norwegen vermessen Meeresforscher das Risiko für die Unterwasserwelt. Max Rauner begleitete sie in einem selbst gebauten U-Boot.

In dieser Wohngemeinschaft finden wir zum Beispiel Korallen. Sie leben mit Zooxanthellen zusammen. Die einzelligen Algen betreiben Fotosynthese, beliefern die Korallen mit Energie und sorgen selbst für das bunte Erscheinungsbild der Riffe. Wird den Algen das Wasser zu warm, geraten sie in Stress und produzieren Giftstoffe – was wiederum die Korallen stresst. Um nicht an Vergiftung zu sterben, stoßen die ihrerseits die Zooxanthellen ab. Das rettet sie zwar kurzfristig, kehren aber die WG-Partner nicht innerhalb weniger Wochen zurück, ist es um die Korallen geschehen – sie verhungern.

In welcher Form die Versauerung den marinen Lebensraum in Mitleidenschaft zieht, ist nicht einmal den Meeresbiologen klar. Um das Phänomen zu untersuchen, startete 2009 das Verbundprojekt Bioacid (Biological Impacts of Ocean Acidification). Unter Führung der Kieler Geomar-Forscher sind mehr als 100 Wissenschaftler von 14 deutschen Institutionen beteiligt. Vor einem Monat läuteten die Forscher in Kiel die zweite, erneut auf drei Jahre angelegte Projektphase ein. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Arbeiten mit 8,77 Millionen Euro.

Der Öffentlichkeit ist noch weitgehend unbekannt, worum es sich bei dem laut Bioacid »anderen Kohlendioxid-Problem« überhaupt handelt. Seine Ursache liegt in den riesigen Kohlenstoffmengen, die der Mensch seit der Industrialisierung freigesetzt hat. CO2 bleibt nicht ewig in der Atmosphäre. Von den 440 Milliarden Tonnen Kohlendioxid, die wir im 19. und 20. Jahrhundert beim Verfeuern von Kohle, Gas und Öl in die Atmosphäre pusteten, haben die Pflanzen einen großen Teil zu Sauerstoff verarbeitet und den Kohlenstoff in ihren Stämmen eingelagert.