Der Weg zu dem Mann, über den die bayerische Justizministerin stürzen könnte, führt vorbei an einer Sicherheitsschleuse und durch einen Kellergang bis in einen kleinen Besucherraum. Hier sitzt bald darauf der Psychiatriepatient Gustl Mollath zwischen Topfpflanzen und rezitiert Anschuldigungen, die er auf ein eng beschriebenes Papier gekritzelt hat. Er sagt: "Ich habe keine Wahnvorstellungen. Ich bin kein Patient. Ich bin ein Gefangener."

Gustl Mollath trägt einen fein gestutzten Schnurrbart, seine Hände ruhen wie festgenagelt auf seiner Jeans, er spricht konzentriert. Über sechs Jahre saß er vergessen in der geschlossenen Psychiatrie des Landeskrankenhauses Bayreuth, jetzt ist er ein gefragter Mann, jetzt bitten Journalisten aus ganz Deutschland um ein Interview, und Politiker fragen nach Besuchsterminen. Eine Delegation der Piratenpartei war schon da, ein Abgeordneter der Freien Wähler Bayern hat sich angekündigt. Der Fall Mollath beschäftigt nun sogar den Ministerpräsidenten Horst Seehofer von der CSU, vor allem aber die Oppositionsparteien im Bayerischen Landtag: Wurde ein Unschuldiger weggesperrt?, fragen sie. "Ein Mann", wie die Illustrierte stern mutmaßt, "der Unrecht witterte, Schwarzgeld in der Schweiz, der dagegen anging und offenbar mundtot gemacht wurde".

Der Fall rührt an Urängste aller Menschen. Für die Journalisten ist er eine super Geschichte, für die Oppositionspolitiker, die gegen eine übermächtige CSU anrennen, eine schlagkräftige Waffe vor einer schwierigen Wahl.

Der ehemalige Ferrari-Restaurateur Mollath hat seine Frau schwer misshandelt und zahllose Autoreifen angestochen – so steht es im Urteil des Landgerichts Nürnberg von 2006. Weil ein Nervenarzt Mollath Wahnvorstellungen attestierte und nicht ausschließen konnte, dass er auch künftig gefährliche Taten begeht, brachten ihn die Richter in der Anstalt unter. Mollath hatte während seines Prozesses aber stets auf einen Schwarzgeldskandal hingewiesen, in den seine geschiedene Frau verwickelt sei und den er dringend aufdecken wollte. Deshalb kochen jetzt die Vorwürfe hoch.

Mollath erstattete damals Anzeige. Auch dem Gericht ließ er einen Schnellhefter zukommen, in dem er zahlreiche Anschuldigungen erhob. Angestellte der HypoVereinsbank sollten – so Mollath – Bargeld in die Schweiz verfrachtet haben, um es vor der Steuer zu verstecken. Seine Angaben waren zwischen wirren Ausführungen verborgen, die mit dem Krebstod seiner Mutter begannen und beim ugandischen Diktator Idi Amin nicht endeten – ein 106 Seiten dickes Konvolut, gespickt mit Riesenlettern, Rechtschreibfehlern und unvollständigen Sätzen.

Die Staatsanwälte ermittelten damals nicht, sie nahmen den Absender nicht für voll. Aber die HypoVereinsbank, an die sich Mollath ebenfalls wandte, tat es. Im November 2012 drang ein interner Revisionsbericht der Bank an die Öffentlichkeit , darin steht der Satz: "Alle nachprüfbaren Behauptungen (Mollaths) haben sich als zutreffend herausgestellt." Jetzt geraten alle unter Druck, die Staatsanwaltschaft und die bayerische Justizministerin Beate Merk .

Die Öffentlichkeit fragt: Warum wurde damals nicht ermittelt? Wurde ein unbescholtener Bürger weggesperrt, weil er unliebsame Wahrheiten aussprach? Und was ist mit der eidesstattlichen Erklärung eines ehemaligen Bekannten der Mollaths , die die Glaubwürdigkeit der Zeugin Petra Mollath infrage stellt? Der Bekannte, ein Zahnarzt, hatte Frau Mollath so zitiert: "Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig. Ich habe sehr gute Beziehungen. Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen, dann hänge ich ihm was an, ich weiß auch wie."

Der Saal des Verfassungsausschusses im Münchner Landtag ist voll besetzt, als sich Beate Merk rechtfertigt. "Unabhängige Gerichte haben Herrn Mollaths Unterbringung angeordnet", sagt sie. "Renommierte Gutachter halten ihn nach wie vor für gefährlich. Da darf die Politik sich nicht einmischen." Die Süddeutsche Zeitung macht sich jedoch seit Wochen für das vermeintliche Justizopfer Mollath stark, der SWR strahlte ein anklagendes Telefoninterview mit dem Untergebrachten aus, und ein Unterstützerkreis des Gustl Mollath trommelt für seine Freilassung.

Nun ringt die Justizministerin nach Worten. Die Psychiater hätten ihr versichert, Mollaths Wahn sei nicht auf kriminelle Geschäfte der HypoVereinsbank beschränkt: "Er ist überzeugt davon, dass eine Verschwörung existiert, die zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen könne. Das hat nichts mehr mit einem realen Kern zu tun."

"Warum ging man seinen Anschuldigungen nicht nach?", wird gefragt. "Nur aufgrund von Pauschalbeschuldigungen kann eine Staatsanwaltschaft nicht ermitteln", erwidert Merk. Sie sieht schlecht aus. Man habe ein Wiederaufnahmeverfahren eingeleitet , erklärt sie schließlich. Und Mollath werde erneut von einem unabhängigen Psychiater begutachtet.

Das ist die Stunde des Florian Streibl . Er lehnt zufrieden in seinem Bürostuhl. Streibl ist der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Max Streibl, selbst aber nicht in der CSU, sondern Rechtsexperte der Partei Freie Wähler. Die Justizministerin sei nicht mehr tragbar, sagt er. "Wir forcieren einen Untersuchungsausschuss." Das alles sei "ein Justizskandal ungeheuren Ausmaßes". Streibl hat die Regierung Seehofer mit dem Fall Mollath vor sich hergetrieben, er hat eigens einen Mitarbeiter eingestellt, der allein zu diesem Thema ermittelt. An die hundert Mails, sagt Streibl, erreichten ihn täglich: "Geben Sie nicht auf!" Für Streibl ist Mollath ein Glücksfall: Gerade erst prognostizierte eine Umfrage der CSU bei der Landtagswahl 2013 die absolute Mehrheit . Die Freien Wähler dagegen sind in der Gunst des Volkes von 14 auf 8 Prozent gesunken. Wenn sie noch etwas retten kann, dann ein handfester CSU-Skandal.