Das Landgericht Nürnberg hielt es schon 2006 für möglich, dass es durchaus zu den von Mollath angeprangerten Schwarzgeldmachenschaften gekommen war. Die Richter schrieben: "Mag sein, dass es die Schwarzgeldverschiebungen von verschiedenen Banken in die Schweiz gegeben hat, bzw. noch gibt, wahnhaft ist, dass der Angeklagte fast alle Personen, die mit ihm zu tun haben, völlig undifferenziert mit diesem Skandal in Verbindung bringt und alle erdenklichen Beschuldigungen gegen diese Personen äußert." Nicht das behauptete Schwarzgeld ist für die Richter also Beweis für die Geisteskrankheit des Gustl Mollath, sondern die wahnhafte Verstrickung aller möglichen Leute.

Sollten sich sämtliche – auch später – mit Mollath befasste Sachverständigen irren oder aus bösem Willen zu ihren Ergebnissen gekommen sein? Der Psychiater Leipziger hat seine Ansicht über diesen Patienten auch in den Jahren, die Mollath nun in seiner Klinik sitzt, nicht geändert. Sein Gutachten beschreibt einen geistig schwer Gestörten, der unzählige Schriftsätze in alle Welt schickt. Unter anderem an den Papst und den UN-Generalsekretär. Auch an die Klinik schrieb er: "Ihre skandalösen Vollisolationseinzelerzwingungshaftbedingungen mit psychischer Folter und Nahrung, die nachweislich zu Körperverletzung führt, konnte und werde ich nicht zu mir nehmen." Er habe beschlossen, sich dem "UnrechtSStaat" zu widersetzen.

Der Bayreuther Chefarzt sitzt erschöpft in einem Münchner Café. Wenn es in dieser Geschichte außer der Justizministerin einen Bösewicht gibt, dann ist er das: Klaus Leipziger. Ein Jurist verklagte ihn wegen "Freiheitsberaubung". Die Menschenrechtsbeauftragte der Bayerischen Landesärztekammer warf ihm nach einem Besuch bei Mollath öffentlich vor, "Gefälligkeitsgutachten" erstattet zu haben. "Das ist üble Nachrede", sagt Leipziger, deshalb hat er die Frau jetzt angezeigt. Leipzigers Lage ist undankbar: Einerseits will er sich gegen die Unterstellungen wehren. Andererseits ist er als Mollaths behandelnder Arzt an die Schweigepflicht gebunden, deshalb sagt er nur: "Bei Patienten mit wahnhaften Störungen findet sich im Wahn häufig ein wahrer Kern."

Eine Webseite ließ darüber "voten", ob Mollath entlassen werden soll, Bild- Kolumnist Franz-Josef Wagner schrieb öffentlich an Gustl Mollath , der "wahrscheinlich unschuldig" sitzt, und auf Facebook gibt es jetzt die Seite "Freiheit für Gustl Mollath" . So wird Druck gemacht – auch auf Sachverständige. Wird künftig ein Internet-Mob darüber entscheiden, wer eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und wer nicht?

Es sind schon Psychiatriepatienten auf öffentlichen Druck hin freigekommen: Am 24. April 2002 entließ das Landeskrankenhaus Neustadt den untergebrachten Sexualstraftäter Wilfried Sabasch , der 30 Jahre lang eingesperrt gewesen war. Seine missionarische Anwältin hatte sich hilfesuchend an den stern gewandt, der hatte ein neues psychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben, das ihn für geistig gesund erklärte. "Lasst diesen Mann frei!", titelte der stern. Sabasch wurde Knall auf Fall entlassen. Am Kliniktor warteten schon die Kameras auf ihn. Drei Monate später fiel er über eine Frau her und vergewaltigte sie stundenlang.

Der Nervenarzt Hans-Ludwig Kröber hat Leipzigers negative Diagnose 2008 in einem Gutachten bekräftigt. Nach Aktenlage – Mollath weigerte sich, mit ihm zu sprechen. Der Berliner Kröber ist unverdächtig, einer bayerischen Camorra anzugehören. Er gilt als kompetent und patientenfreundlich. Kröber hat bereits mehrfach Patienten gegen den erbitterten Widerstand psychiatrischer Anstalten aus der Unterbringung geholt. Mollath gehört nicht dazu.

Der dritte Mollath-Sachverständige ist Friedemann Pfäfflin, Leiter der Forensischen Psychiatrie der Universität Ulm. Pfäfflin hat im November 2010 einen ganzen Tag mit Mollath gesprochen, er hat die Akten gelesen und die behandelnden Ärzte befragt. Doch auch er schließt sich der Einweisungsdiagnose an: Mollath sei wahnkrank. Pfäfflin konstatiert aber auch, Mollath sei heute deutlich unauffälliger und angepasster als zu Beginn seiner Unterbringung.

Im November 2002 hatte die HypoVereinsbank in Nürnberg den ersten von drei Briefen aus der Feder Gustl Mollaths erhalten. Darin beschuldigte er seine Ehefrau, die ihn gerade verlassen hatte, und einige ihrer Kollegen, seit Anfang der 1990er Jahre Geld von Kunden der ehemaligen Hypo-Bank in die Schweiz transferiert zu haben. Nach der Fusion der Hypo-Bank mit der Vereinsbank seien diese Transfers weitergelaufen, so Mollath. Das Wort Schwarzgeld taucht in diesem ersten Brief nicht auf. Vielmehr schreibt Mollath: "Meine Frau brachte ›Ihre‹ Kunden, mit deren Vermögenswerten, zu einem großen Teil, mit ein. Alles hinter dem Rücken ihres Arbeitgebers HypoVereinsbank."

Im Dezember schickte Mollath den zweiten und den dritten Brief. Der Ton ist jetzt ein ganz anderer: Plötzlich geht es um "Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Beihilfe zur Steuerhinterziehung, Betreuung von Schwarzgeldern". Er berichtet, seine Frau mache bei anderen Banken Termingeschäfte, sie verwalte Schwarzgelder einer Familie in der Schweiz, sei an Kurierfahrten beteiligt, habe eine Erbschaft gemacht durch einen Kunden, mit dem sie ein Verhältnis gehabt habe, und Teile davon unversteuert in der Schweiz angelegt.

Dazwischen streut Mollath fast amüsante Beschreibungen seiner Gattin ein. Sie interessiere sich für Astrologie und sei davon überzeugt, heilende Hände zu haben. "In diesem Jahr kam die Krönung: Ich sollte Nachts um 12 mit ihr den Mond anbeten." Was soll diese Information der Bank nützen? Sucht man Petra Mollath nun unter ihrem heutigen Namen im Internet, findet man sie als Geistheilerin in Bayern. "Ich könnte mir vorstellen, jetzt wollen die Herren der HypoVereinsbank nichts mit so was zu tun haben", freut sich Mollath im Brief. Es wirkt, als verfolge er dieselbe Strategie, die seine Frau später vor Gericht angewandt hat: Man erklärt den jeweils anderen für verrückt.

Die Bank prüfte die Vorwürfe. Gleich zu Neujahr 2003 begann sie mit der Revision. Ergebnis: Die Transferpraxis in die Schweiz war vor der Fusion ein gängiges Anlagemodell. Ein durchaus legales Geschäft, solange die Kunden ihre Schweizer Anlagen auch weiter in Deutschland versteuerten. Dass das nicht geschehen ist, dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Die Sache hatte jedoch einen schlechten Geruch. Nach der Fusion wurde sie untersagt.