Mitglieder der Band Pussy Riot in Moskau vor Gericht, 23. Juli 2012 © AFP PHOTO / ADNREY SMIRNOV

Sie kämpft immer noch. Mit wirrem Haar, ausgelatschten Turnschuhen und trotzig burschikosem Gang – stilgetreu, wie es sich für eine Punkerin gehört. Katja Samuzewitsch ist mit einem Stoß Papier unterm Arm in einem Moskauer Gericht aufgetaucht. Seit über einer Stunde wartet sie in einem braunen Amtsflur darauf, dass ein Schalter öffnet.

Samuzewitsch gehört zur Punkband Pussy Riot. Fast zehn Monate liegt das berühmt gewordene »Punk-Gebet« in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zurück, als mehrere Bandmitglieder vermummt vor dem Altar tanzten – eine Protestaktion gegen die Allianz der orthodoxen Kirche mit dem Putin-Regime, die als Video ins Internet gestellt wurde. Vor über zwei Monaten endete das Berufungsverfahren gegen drei der Frauen. Zwei sitzen ihre Haftstrafen in sibirischen Lagern ab. Katja Samuzewitsch kam frei, weil sie im Handgemenge mit Ordnungskräften gar nicht bis zum Altarraum vorgedrungen war.

Sie will an diesem Tag eine Beschwerde bei Gericht einreichen, ordentlich geheftet, in vierfacher Ausführung. Nicht gegen das Urteil, das ihre Mitstreiterinnen ins Gefängnis gebracht hat, auch nicht gegen deren Haftbedingungen. Katja Samuzewitsch ficht einen neuen Kampf aus: Das Pussy-Riot-Video soll verboten werden. Gleichzeitig schicken sich immer mehr Menschen an, diese zu vermarkten. Allen voran die ehemaligen Strafverteidiger der Band. Deswegen heißt ihr aktueller Feind nicht Wladimir Putin, sondern Mark Fejgin, der Exanwalt von Pussy Riot. Deswegen geht es nicht mehr um die Allianz von Staat und Kirche, sondern um die Frage, was in Zukunft hinter Pussy Riot steckt: Kommerz oder Protest?

Der Streit begann, als die russische Tageszeitung Kommersant Anfang November meldete, eine Firma Namens Web-Bio habe einen Antrag auf Registrierung der Marke Pussy Riot gestellt. Inhaberin der Firma ist Fejgins Ehefrau. Web-Bio soll einen Vertrag mit einer britischen Produktionsfirma über einen Dokumentarfilm abgeschlossen haben und dafür bereits 30.000 britische Pfund erhalten haben. Weitere 170.000 seien in Aussicht gestellt. Der Anwalt hat diese Summen inzwischen bestätigt.

»Kommerz ist gegen die Gesetze des Punks«, sagt Samuzewitsch. Weil ihre Mitstreiterinnen nun entweder in Haft sind oder aber ihr Gesicht nicht zeigen können, ist sie die Einzige, die für Pussy Riot sprechen und kämpfen soll.

In den Wochen der Gerichtsverhandlung, als die Angeklagten in ihrem Glaskasten hockten, war Katja Samuzewitsch immer die Unscheinbare. Neben der rebellisch schönen Nadja Tolokonnikowa und der rhetorisch geschliffenen Maria Aljochina wirkte sie trotz ihrer 30 Jahre wie das Mädchen, das schon froh war, bei den coolen Schulfreundinnen mitlaufen zu dürfen.

Samuzewitsch ist eigentlich Programmiererin. Nach dem Studium arbeitete sie für eine staatliche Firma unter anderem an der Software-Ausstattung für U-Boote. Als man sie ins Ausland, nach Fernost, schicken wollte, kündigte sie und begann eine Ausbildung an einer Hochschule für Fotografie. Erst dort wurde aus ihr eine politische Aktivistin. Auf Druck reagiere sie grundsätzlich mit Gegendruck, heißt es über sie in einem Gutachten, das für den Prozess angefertigt wurde. »Ich glaube, das kommt der Wahrheit ziemlich nahe«, sagt sie. Es geht ihr ums Grundsätzliche, immer. Der Kampf gegen die Exanwälte, fügt sie hinzu, sei eben auch ein ideologischer Kampf. Nur droht dabei zugrunde zu gehen, was Samuzewitsch eigentlich bewahren will: die Reputation von Pussy Riot als Protestbewegung, die Idee, dass ein paar sexy aussehende Punkerinnen einer Männerriege im Kreml das Fürchten lehren könnten.