TrekkingtourEiskalter Höhenrausch

Heilige Gipfel, rasender Atem und ein Freudentanz auf 5300 Metern: Eine Trekkingtour entlang des neuen Great Himalaya Trail durch Nepals unbekannten Osten. von Wolf Alexander Hanisch

Träger an der Hochalm Merek (4.300 m).

Träger an der Hochalm Merek (4.300 m).  |  © Thomas Hartmann

Ob er uns für Außerirdische hält? Für Gesandte einer fernen Galaxie, die nun aus den monsunfeuchten Schluchten des Himalayas zu ihm hinaufgestiegen sind? Gut möglich. All die Spiegelbrillen, Teleskopstöcke und Trinkschläuche, all das Geratsche der Klettverschlüsse und die ganze schwere Fotoartillerie kommen uns ja selbst nicht mehr geheuer vor. Unser Outdoorharnisch fühlt sich umso absurder an, je archaischer die Welt wird, durch die wir seit Tagen im Osten Nepals marschieren. Und als nach Mulikarawanen und Pumphosenmännern jetzt dieser barfüßige, vor Dreck starrende Junge am Wegrand auftaucht, ist der Kontrast kaum noch auszuhalten. Ganz steif vor Ernst und mit rotzverschliertem Gesicht legt er zum Gruß die Handflächen aneinander. Dann verneigt er sich immer wieder wortlos und überreicht jedem aus unserer Trekkinggruppe eine zerdrückte, vom Schweiß seiner Hände nasse Orchidee.

Als wir den Kleinen kurz darauf im Weiler Tashigaon auf 2100 Meter Höhe wiedertreffen, dämmert uns der Grund für sein Begrüßungsritual. Aufgeregt läuft er neben uns her und zeigt auf eine zweistöckige Wellblechkate: »Makalu 1 Summit Hotel« prahlt es dort von einem nagelneuen Schild. Wie sich später herausstellt, bietet die Lodge Schlafplätze auf einem nackten Bretterrost an und Steppdecken, die nach Rauch stinken. Nur gut, dass wir mit Zelten unterwegs sind. Besitzer des »Hotels« ist der Onkel des Blumenjungen; er hat als Träger bei Expeditionen gearbeitet und ist so zu Geld gekommen. Steigen wirklich Trekkingtouristen bei ihm ab? Das Geschäft laufe noch nicht so richtig, sagt er und wiegt seinen Kopf. Aber das werde sich bestimmt bald ändern.

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Vielleicht hat er recht. Denn jetzt sollen auch Gegenden wie Nepals unbekannter Osten vom Trekkingtourismus profitieren. Eine Dreiviertelmillion Menschen besuchte das Land im vergangenen Jahr. Jeder vierte ging auf Wanderschaft. Aber 95 Prozent aller Trekker waren in den Regionen Everest, Langtang und Annapurna unterwegs, wo es nicht nur breit ausgetretene Wege gibt, sondern längst auch komfortable Unterkünfte. In Zukunft sollen sich die Wanderer besser verteilen; das könnte neue Jobs für arme Landbewohner bedeuten. Eine Allianz von Reiseagenturen, Entwicklungsorganisationen und Politikern hat deshalb unlängst den Great Himalaya Trail ins Leben gerufen. Das ist kein frisch erschlossener Weg, sondern ein 1700 Kilometer umfassendes Netz bereits existierender Pfade im nepalesischen Himalaya. Einige Anschlüsse sind neu hinzugekommen: Sie verbinden berühmte Routen mit kaum besuchten Wandergebieten und dienen dazu, Trekker von den Haupt- auf die Nebenstrecken zu lotsen. Später einmal soll der Great Himalaya Trail auf 4500 Kilometer zwischen Pakistan und Tibet anwachsen. Für einen kompletten Marsch entlang der bisherigen Sektionen müsste man rund 150 Tage rechnen. Man gelangt dabei in Landstriche, die nur wenige Europäer zuvor betreten haben.

Auch wir dürfen uns wie Pioniere fühlen: Unser 18-tägiges Trekking über Passagen des Great Himalaya Trail führt zum Basislager des 8463 Meter hohen Makalu. Der Veranstalter bietet die Route zum ersten Mal an, und nicht einmal unser Reiseleiter Thomas, der bereits Dutzende Touren durch Nepal hinter sich hat, kennt den Weg zum fünfthöchsten Berg der Erde. Unserem Koch Bakbir ist das Neuland gerade recht. Der steht seit 35 Jahren für Zeltcamps am Feuer und klagt gern über die neuen Komfort-Lodges entlang der Standard-Trails, die natürlich eine eigene Küche haben und deshalb seine Dienste überflüssig machen.

Um Fotos der Tour zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Um Fotos der Tour zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.   |  © Thomas Hartmann für DIE ZEIT

Auch meine 15 Mitreisenden sind alte Hasen auf anderen Pfaden. Beim Begrüßungsessen in Kathmandu flippen ihre Trekkingabenteuer wie Pokerkarten über den Tisch. Monika berichtet von der Durchquerung Lesothos, Birgit vom patagonischen Inlandeis, und die drastisch berlinernde Susanne schwärmt fast vom Khumbu Cough, einem fürchterlichen Husten, der Betroffenen auf dem Weg zum Everest-Basislager die Rippen brechen kann. Nur Sybille und ihr Freund Rüdiger geben zu, noch nie im Himalaya gewesen zu sein. Prompt hebe ich das Glas und proste ihnen kameradschaftlich zu. Doch gleich darauf erzählen sie von der Besteigung des Kilimandscharo, den sie lässig Kili nennen – und ich weiß, dass es hier nur einen Trekkingnovizen gibt.

In den ersten heißen Tagen nach unserer Weiterreise zum subtropischen Flugpistenkaff Tumlingtar gibt sich Nepal expressionistisch-bunt. Beim Marsch in Richtung Tashigaon fließen Reisterrassen wie grün-goldene Kaskaden die Hänge herab. Frauen schwingen ihre Sicheln bei der Ernte im Rhythmus einer jahrtausendealten Choreografie. Bambusrohre stehen ineinander verkeilt wie vergessene Mikadospiele, und schlumpfblau uniformierte Schulkinder hüpfen uns zwischen Bananenstauden und Kaffeesträuchern durch blutroten Staub entgegen. Wir sehen Alte mit stoischem Bethelnusslächeln vor ihren Pfahlhütten sitzen, Frauen Gebetsketten auffädeln und Mädchen, die Lieder aus ihren Handys krächzen lassen und dazu tanzen. Alles aber wäre nur halb so schön, würden nicht die Berge einen so kolossalen Rahmen bilden. Im weißen Schneekleid plustern sie sich vor einem Himmel auf, der mit kobaltblauer Seide bespannt zu sein scheint.

Leserkommentare
    • Margah
    • 24. Dezember 2012 9:54 Uhr

    Ein schöner Reisebericht. Nur leider macht er trotz der wundervollen Landschaft keine Lust zum Nachreisen. Vielleicht ist das auch nicht gewünscht, aber warum verklären die teilweise sehr persönlichen Anspielungen das Bild dieser Reise? Diese Schreibweise hat der Autor und auch die Zeit doch gar nicht nötig. Gibt es nicht andere journalistische Mittel als die hier angewandte Lächerlichkeit? Ich finde diese Schreibweise für einen Reisebericht sehr traurig, da die Beschreibung der Reise auf persönlichem Niveau untergeht. Schade!

    • gmp
    • 27. Dezember 2012 20:39 Uhr

    Was mir im Zusammenhang mit diesem Bericht zu Herzen geht ist die Tatsache, dass die involvierte Agentur Träger mit 40 kg-Lasten auf den Weg schickt, und mal wieder keiner der Beteiligten Verantwortung zeigt.
    Die seit vielen Jahren tätige Gruppe IPPG (International Porter Protection Group) hat als Standard max. 30 kg gefordert.

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    "Die seit vielen Jahren tätige Gruppe IPPG (International Porter Protection Group) hat als Standard max. 30 kg gefordert."

    Bin früher auch mal mit nem 36 kg Rucksack losmarschiert. 3 Wochen Pamir-Alai. Wenn es solchen Schrott damals schon gegeben hätte, hätten wir die Tour so gar nicht machen können.

    Wäre dann ein Fall, bei dem man sich an die Freiheit zurückerinnert, die früher mal im Kommunismus geherrscht hat.

  1. "Die seit vielen Jahren tätige Gruppe IPPG (International Porter Protection Group) hat als Standard max. 30 kg gefordert."

    Bin früher auch mal mit nem 36 kg Rucksack losmarschiert. 3 Wochen Pamir-Alai. Wenn es solchen Schrott damals schon gegeben hätte, hätten wir die Tour so gar nicht machen können.

    Wäre dann ein Fall, bei dem man sich an die Freiheit zurückerinnert, die früher mal im Kommunismus geherrscht hat.

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