Porträts der früheren Diktatoren Kim Il Sung (links) und seines Sohnes Kim Jong Il schmücken die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Il Sungs im April in Nordkorea. © Pedro Ugarte/AFP/Getty Images

Washington, 10. August 1945. Am Tag zuvor hat die zweite Atombombe auf Japan die Stadt Nagasaki ausgelöscht. Inzwischen tagt der Koordinationsausschuss von Außen-, Kriegs- und Marineministerium. Kurz vor Mitternacht beugen sich zwei junge Militärs über eine Karte Koreas. Soeben hat ihnen John McCloy, Staatssekretär im Kriegsministerium und später Hoher Kommissar der USA in der neu gegründeten Bundesrepublik, einen Eilauftrag erteilt. Binnen 30 Minuten sollen sie eine provisorische Teilung der Halbinsel, die noch von der japanischen Kolonialarmee besetzt ist, in zwei Zonen vorschlagen, Nord und Süd. Im Norden sollen die Sowjets die Japaner entwaffnen, im Süden die Amerikaner. Die beiden Offiziere – einer von ihnen ist Dean Rusk, der 1961 unter Kennedy Außenminister werden wird – entscheiden sich für den 38. Breitengrad. Damit hätten die USA die Hauptstadt Seoul in ihrer Hälfte. Überraschend stimmen die Sowjets zu. Ihre schon von Nordosten her einmarschierenden Soldaten bleiben am 38. Breitengrad stehen, obwohl die US-Truppen erst einen Monat später im Süden der Halbinsel landen können. Stalin besitzt noch gar keinen Plan für Korea.

Den haben die Amerikaner schon seit Längerem; Franklin D. Roosevelt hatte ihn bereits vor Kriegsende gefasst. Der US-Präsident hielt das 1910 von Japan annektierte Korea für »nicht reif genug«, sich selbst zu regieren. Deshalb gewann er die Briten und die Chiang-Kai-shek-Regierung in China 1943 dafür, die Halbinsel 20 bis 30 Jahre lang von den Großmächten verwalten zu lassen. Mit welcher »Reife« die USA selbst dieses Projekt angingen, ließ ihr damaliger Außenminister Edward Stettinius erkennen, als er noch 1945 einen Untergebenen bat, ihm zu zeigen, wo Korea liege.

Die Aufteilung zerreißt eine alte Nation, die ihren einheitlichen Staat rund neun Jahrhunderte vor den Vereinigten Staaten bildete. Und sie beschert Amerika den erbittertsten aller Feinde, der sich zudem ein System schaffen wird, wie es die Welt zuvor nicht gesehen hat: Nordkoreas Despoten gründen die erste kommunistische Dynastie. Sie herrscht bis heute über ein immer wieder totgesagtes, hohlwangiges Utopia, dem Kim III. derzeit notgedrungen einen neuen Anstrich zu geben versucht.

Damals, im Sommer 1945, war das noch nicht abzusehen. Als Japans Tenno am 15. August die Kapitulation seines Landes verkündete – und damit auch das Ende der Kolonialherrschaft über Korea –, brauste ein Freudensturm über die Halbinsel. Spontan formierten sich überall im Lande lokale Selbstverwaltungsorgane. Am 6. September beschlossen ihre über 1.000 Delegierten in Seoul die Gründung der Volksrepublik Korea, um sich den ankommenden Amerikanern wieder als selbstständiger Staat zu präsentieren. Die neue Regierung war linksorientiert, aber legitimiert. Auch im südlichen Teil wünschten sich 70 Prozent der Bevölkerung den Sozialismus, 14 Prozent bevorzugten den Kapitalismus, nur 7 Prozent den Kommunismus. Das ergab noch 1946 eine Umfrage der US-Militärregierung.

Am 8. September 1945 führte Generalleutnant John R. Hodge seine US-Truppen nahe Seoul an Land. Zur Begrüßung schickte ihm die neue Regierung drei Englisch sprechende Koreaner entgegen. Doch der Kommandeur hatte den Befehl, keine Repräsentanten einer provisorische Regierung zu empfangen. Das US-Militär zog in Seoul ein und übernahm sogar Beamte der bisherigen japanischen Besatzer für die Verwaltung.

Zum zweiten Mal fühlten sich die Koreaner von Amerika verraten. Als ersten Verrat hatten sie die geheime Übereinkunft empfunden, die 1905 zwischen dem US-Kriegsminister und späteren Präsidenten William H. Taft und Japans Außenminister geschlossen worden war. Darin billigte Washington, dass Asiens neue, dynamische Großmacht Japan die Herrschaft über Korea an sich riss. Als Gegenleistung erkannte Tokio das koloniale Regime der USA über die Philippinen an.

Wie so oft in den 2.000 Jahren seiner überlieferten Geschichte sah sich das »Land der Morgenstille« fremden Interessen ausgeliefert. Eingezwängt zwischen Russland, China, Japan, hatte Korea im Lauf der Zeit an die 900 Invasionen erleben müssen. Von 1637 an kapselte sich das konfuzianisch geprägte Reich vollständig von der Außenwelt ab, um den brutalen Überfällen der Japaner und Mandschu-Chinesen einen Riegel vorzuschieben. Die westliche Welt nannte das Land fortan Hermit Kingdom, das Einsiedlerreich. Kim Il Sung und sein Nachfolger haben gerade diese Tradition für ihren Machterhalt genutzt und ihre Abschottungspolitik bis zur totalen Selbstisolierung Nordkoreas getrieben.

Friedensbruch durch Kim Il Sung

Bevor die Koreaner auseinandergerissen wurden – damals knapp 16 Millionen im Süden, gut neun Millionen im Norden –, standen sie noch ein letztes Mal in Empörung und Aufruhr vereint. Das war Ende Dezember 1945, nachdem die USA, die UdSSR und Großbritannien auf einer Konferenz in Moskau entschieden hatten, ganz Korea einer auf fünf Jahre befristeten Treuhandverwaltung zu unterstellen. Die tief verletzende Vormundschaft endete nach knapp zwei Jahren. Im November 1947 beauftragten die Vereinten Nationen auf Empfehlung der USA eine UN-Sonderkommission mit der Vorbereitung freier Wahlen auf der gesamten Halbinsel.

Die sowjetischen Besatzer aber ließen die Kommission nicht in den Norden einreisen. Damit ging der Süden an der Hand der USA seinen eigenen Weg. Die im Mai 1948 frei gewählte Nationalversammlung berief den 70-jährigen Syngman Rhee zum Präsidenten, der während Japans Kolonialherrschaft im amerikanischen Exil gelebt hatte. Unter dem radikalen Nationalisten verwandelte sich der Süden mehr und mehr in eine Diktatur – die erst Mitte der achtziger Jahre, nach einigen Militärputschen und gewaltsamen Machtwechseln, ihr Ende fand und einer demokratischen Ordnung Platz machte.

Da hatte sich Nordkorea längst selbst isoliert. Nach seiner Geschichtsschreibung begann die Nachkriegszeit bereits am 15. April 1912. An diesem Tag, an dem die Titanic unterging, kam in einem kleinen Ort bei Pjöngjang ein Junge namens Kim Song Ju zur Welt. Sein Kampfname wurde später Kim Il Sung (»Sei die Sonne«). Die Eltern waren Christen, die Mutter arbeitete als Diakonisse. Noch als Kind kam er mit den Eltern in die Mandschurei; früh schloss er sich dem Partisanenkampf gegen die japanische Herrschaft an und war zeitweilig Mitglied der KP Chinas.

Doch der Partisan, der schließlich in der Sowjetunion landete, lernte schnell, das traditionelle Misstrauen der Koreaner gegen Ausländer auf die eigenen Verbündeten zu richten. Chinesen wie Sowjets stellten Ende der dreißiger Jahre immer wieder Koreaner vor Gericht – oder gleich an die Wand –, weil sie pauschal der Spionage für Japan verdächtigt wurden. Von lauernden Gefahren geprägt, an gnadenlose Härte gewöhnt, mit einem auf die Mandschurei beschränkten Weltbild und dem städtischen Leben fremd, kam Kim 1945 nach Pjöngjang, in die nördliche Hauptstadt des Landes. Er war 33 und Major der Roten Armee. Nach der Wahl Syngman Rhees im Süden stellten ihn die sowjetischen Besatzer an die Spitze ihres Regimes. Seinen Drang nach Alleinherrschaft und nationaler Unabhängigkeit lernten sie spätestens bei der Gründung der Volksarmee Koreas im Februar 1948 kennen, noch vor der offiziellen Proklamation des neuen Staates am 9. September. Da wurde das Porträt Kims gezeigt, aber schon nicht mehr – was kein anderes kommunistisches Land damals gewagt hätte – im Tandem mit Stalins Bild.

Im Jahr zuvor hatte Mao in Chinas Bürgerkrieg gesiegt. Amerika ließ es geschehen. Kim Il Sung nahm das als Signal, um ganz Korea unter das rote Banner zu holen. Am 25. Juni 1950 überrollten seine Truppen mit sowjetischen Panzern den Süden, nach nur drei Tagen besetzten sie Seoul. Es waren drei Tage, welche die Welt verändern sollten. Denn dieses Mal griffen die USA ein. Korea war für sie plötzlich zum Dominostein geworden. Würde die Halbinsel an die Kommunisten fallen, wäre Japan bedroht, Amerikas neuer Partner im Nachkriegs-Asien. Vom Juni bis zum Dezember 1950 schnellte der US-Rüstungsetat auf das Vierfache hoch. Die bis dahin beschränkte Politik der Eindämmung (Containment) wurde entgrenzt. Die Zahl der US-Basen weltweit wuchs in kurzer Zeit um das Dreifache.

Im Herbst 1950 begann eine UN-Truppe unter US-Führung mit einer Gegenoffensive. Im Oktober 1950 überschritten die Soldaten ihrerseits den 38. Breitengrad. Damit wären die Amerikaner an Chinas Grenzen gelangt – wenn Maos Truppen sie nicht, Kim Il Sung zu Hilfe eilend, wieder zurückgeworfen hätten.

Zunächst wächst die Wirtschaft im Norden schneller als im Süden

Die Bilanz des Krieges war schrecklich: drei Millionen Tote, fünf Millionen Flüchtlinge und eine Million bis heute getrennte Familien. Es gab weder einen Sieger noch einen Frieden, nur den Waffenstillstand von Panmunjeom am 27. Juli 1953; Grenze blieb der 38. Breitengrad.

Der Friedensbruch durch Kim Il Sung hatte für die USA fast alle Waffen geheiligt. Der Krieg war gerade zwei Wochen alt, als US-General Douglas McArthur, der die UN-Truppen in Korea führte, nach nuklearen Sprengsätzen rief. Er bekam sie nicht. Stattdessen ließ die Air Force Tausende Tonnen Napalm auf Nordkorea regnen. Schließlich mahnte selbst Englands Premier Winston Churchill: Niemand habe sich bei der Erfindung von Napalm vorstellen können, dass es einmal über eine ganze zivile Bevölkerung »versprüht« werden würde. Städte sanken in Schutt und Asche, große Dämme wurden bombardiert (was seit 1949 als Kriegsverbrechen galt). 1952 war vor allem die nördliche Hälfte dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen lebten, wohnten, lernten, produzierten im Untergrund.

Es war vor allem dieser Krieg – und die darauf folgende jahrelange Stationierung von US-Atomraketen in Südkorea –, die den Wunsch der Kims bestimmte, Land und Regime durch Nuklearwaffen zu sichern.

Nach dem Waffenstillstand brauchte Kim Il Sung eine Weile, um seine Macht innerhalb der kommunistischen Fraktionen zu festigen. Kritiker ließ er in Schauprozessen verurteilen und hinrichten. Schon vor dem Krieg hatte er die Ländereien der japanischen Kolonialmacht, der buddhistischen Klöster und der Großgrundbesitzer verteilen lassen. Im bombenzerfurchten Land lief der Wiederaufbau vor allem mit sowjetischer Hilfe relativ gut an. Diverse Kampagnen und ein vierstufiges Lohnsystem, das gleichen Lohn für gleiche Arbeit auch für Frauen verfügte, konnten die Arbeiterschaft mobilisieren.

Bis in die sechziger Jahre wuchs die Wirtschaft des Nordens erheblich schneller als die des Südens. Der Landwirtschaft kamen angesichts eines Klimas, das keine zwei Ernten erlaubt, forcierte Technik, Düngereinsatz und großflächige Bewässerung zugute. Kim Il Sung reiste unentwegt durch sein Reich, gab Kolchosen, Kollektiven, Kombinaten »Anleitungen am Ort«, begleitet von seinen Eckermännern, die jede Bemerkung notieren mussten. Die »Lehren« wurden umgehend zu heiligen Worten.

Ein Scientology-Kommunismus

Doch die Mobilisierung stieß an Grenzen. Das Wachstum wich dem Niedergang in Apathie. Während sich der Große Führer pompöse Paläste baute, zogen in die Hütten Erschöpfung und Gleichgültigkeit ein, schließlich kam der Hunger. Das System, das den Menschen kaum eigene Existenzmittel erlaubte, verlor alle Effizienz. Mit dem Zusammenbruch der Bruderstaaten 1989 schloss sich auch noch der Lieferanteneingang für Produkte unter Weltmarktpreisen.

Anders als später Kim Jong Il, konnte sein breitschultriger Vater, der Partisanenheld, die Despotie noch paternalistisch verkleiden. Erst Kim Jong Ils Eifer, dem übermächtigen Vater zu gefallen, machte die kultische Verehrung zum Götzendienst. Als im Wendejahr 1989, fünf Jahre vor dem Tod Kim Il Sungs, die Säulenheiligen der kommunistischen Welt stürzten, blieben in Nordkorea die 34.000 Denkmäler des Großen Führers stehen. Ebenso die mit Glas geschützten Bänke, auf denen er einmal Platz genommen hatte. So schufen die Kims einen Staat nach Art einer fundamentalistischen Sekte, einen Scientology-Kommunismus. Marx wurde de facto gegen die sogenannte Juche-Philosophie ausgetauscht (das Auf-sich-selbst-Verlassen) – wobei es zunächst, seit 1955, nur um die indirekte Unabhängigkeitserklärung gegenüber Moskau und Peking ging. Der proletarische Internationalismus wich der vergötterten Einheit der Nation unter den Kims. »Permanent wurde den Menschen eingehämmert, dass Individuen, die man der Nation beraubt, nicht lebensfähig sind«, schreibt der Korea-Experte Han S. Park von der Georgia-Universität.

Der Kult um Kim Il Sung und Kim Jong Il trug immer bizarrere Blüten. So meldete Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA Anfang 1990: »In 9 Provinzen wurden 9.000 Bäume gefunden, die Losungen tragen.« Hans Maretzki, der letzte DDR-Botschafter in Pjöngjang, erklärt die Nachricht in seinem Buch Kim-ismus in Nordkorea. An Kiefern, die zur Harzgewinnung angeschabt worden waren, »entdeckten« Experten Losungen, die angeblich zwischen 1932 und 1945 mit Schreibpinseln aufgetuscht worden waren. »Der große Mensch, den der Himmel schickte«, stand da zu lesen oder »Kim ist der Führer der Weltrevolution«. Erstaunlich nur, merkt Maretzki an, dass die von den Japanern gejagte Guerilla in den Wäldern so sichtbare Spuren hinterließ! Selbst Kim Jong Il soll den prophetischen Partisanen damals schon erschienen sein: »Oh Korea, wir verkünden Dir die Geburt des Paekdu-Sterns – 1942«. Am heiligen Berg Paekdu ist Kim Jong Il der Legende nach geboren worden – tatsächlich kam er 1941 bei Wladiwostok zur Welt.

Kim Jong Un scheint dem Dogma »Militär zuerst« treu zu bleiben

Zeitlebens versuchte der verwöhnte Thronfolger, der 1994 die Macht übernahm, aus dem Schatten des Vaters zu treten. Die Sonnenbrillen wurden immer größer, die Absätze immer höher, die Pompadour-Frisur erschien immer üppiger. Wenn auch »erstaunlich gut informiert und sehr belesen« (so nennt ihn die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, die ihm im Jahr 2000 begegnete), blieb der 1,57 Meter große »Geliebte Führer« doch stets nur der kleine Diktator.

Vor allem im Militärischen wollte er den Vater übertrumpfen. Seit den neunziger Jahren forcierte Nordkorea sein Atomprogramm. Nicht zuletzt mit pakistanischer Hilfe gelang der Durchbruch: Im Oktober 2006 demonstrierte man der Welt die erste nukleare Explosion.

Der Preis für die Erfolge des Regimes – die Wahrung der Unabhängigkeit gegenüber den beiden Behemots an der Nordgrenze, der Aufstieg zur Atommacht – war hoch. Nordkorea wurde zu einer Art schwarzem Loch. Ein Kasernenstaat, in dem 22 Millionen Menschen eingesperrt sind, davon 1,2 Millionen als Soldaten. Sechs Millionen stehen als Reservisten bereit. Schon 1978 schätzte die CIA, dass 12 Prozent der Männer zwischen 17 und 49 Jahren regulären Armeedienst leisteten: »Ein Höchststand«, bilanzierte die CIA, »den nur Israel übertrifft.« Die forcierte Hochrüstung unter der »Armee zuerst«-Politik erniedrigte das Volk buchstäblich: Laut einer Studie von UN und EU aus dem Jahr 2002 ist ein siebenjähriger Nordkoreaner im Schnitt 20 Zentimeter kleiner und 10 Kilo leichter als sein Landesbruder im Süden.

Und es ging immer rasanter bergab. Die Wirtschaft schrumpfte seit Mitte der neunziger Jahre innerhalb von zehn Jahren um 40 Prozent. Fluten (1995/96) und Dürren (1997) von biblischem Ausmaß – mitverursacht durch die Abholzung der Wälder – führten zum Hungertod von zwei Millionen Menschen. Hunderttausende suchten Rettung in China. Auch heute treibt die Hoffnung auf ein besseres Leben Nordkoreaner über die Grenze, obwohl auf Flucht Lager, Folter oder Todesstrafe stehen. Etwa 200.000 Menschen vegetieren im Gulag; die früher 14 Lager sind zu sechs Strafkolonien zusammengelegt worden. Rund die Hälfte der Opfer sind politische Gefangene, für die Sippenhaft gilt. Wer zu fliehen versucht, hat die öffentliche Hinrichtung im Beisein eingesperrter Verwandter zu gewärtigen.

Von der Barbarei und der Not will der knapp 30-jährige Kim Jong Un, der nach dem Tod Kim Jong Ils 2011 den Familienthron bestieg, jetzt ablenken. Mit einem Strohhut, wie einst der Großvater, zieht er über neue Rummelplätze, sitzt bei Bürgern zu Hause auf dem Fußboden und redet so viel wie einst Michail Gorbatschow. Doch vieles an dieser Scheinperestroika ist nicht so neu, wie westliche Medien vermelden. Disney-Figuren hatte schon Kim Jong Il auf den Bildschirm gelassen. Das oft zitierte Warenhaus Rakwon (»Paradies«) mit Importwaren gibt es seit vielen Jahren.

Anpassung tut not. Einst erfuhren die Nordkoreaner nicht einmal, dass ein Mensch den Mond betreten hatte. Heute sind eine Million Handys im Umlauf. Auch wenn Verbindungen ins Ausland fehlen, wächst der Informationsaustausch im Land. Aus Südkorea und China kommen auf verschlungenen Wegen ungezählte DVDs mit allerlei Seifenopern über die Grenzen.

Mehr als Software aber kann Kim III. nicht zulassen, wie die Ankündigung neuer Raketentests bestätigt. Ein Ende der »Armee zuerst«-Politik, ein Reformprozess selbst mit bescheidenem Wettbewerb würde individuelles Denken fördern. Das schließt die Juche-Philosophie aus. Denn es zerstörte die Lüge vom auserwählten Land unter der väterlichen Hand der Dynastie. Das Einsiedlerreich der Kims – es braucht die Welt als Feind.