Bevor die Koreaner auseinandergerissen wurden – damals knapp 16 Millionen im Süden, gut neun Millionen im Norden –, standen sie noch ein letztes Mal in Empörung und Aufruhr vereint. Das war Ende Dezember 1945, nachdem die USA, die UdSSR und Großbritannien auf einer Konferenz in Moskau entschieden hatten, ganz Korea einer auf fünf Jahre befristeten Treuhandverwaltung zu unterstellen. Die tief verletzende Vormundschaft endete nach knapp zwei Jahren. Im November 1947 beauftragten die Vereinten Nationen auf Empfehlung der USA eine UN-Sonderkommission mit der Vorbereitung freier Wahlen auf der gesamten Halbinsel.

Die sowjetischen Besatzer aber ließen die Kommission nicht in den Norden einreisen. Damit ging der Süden an der Hand der USA seinen eigenen Weg. Die im Mai 1948 frei gewählte Nationalversammlung berief den 70-jährigen Syngman Rhee zum Präsidenten, der während Japans Kolonialherrschaft im amerikanischen Exil gelebt hatte. Unter dem radikalen Nationalisten verwandelte sich der Süden mehr und mehr in eine Diktatur – die erst Mitte der achtziger Jahre, nach einigen Militärputschen und gewaltsamen Machtwechseln, ihr Ende fand und einer demokratischen Ordnung Platz machte.

Da hatte sich Nordkorea längst selbst isoliert. Nach seiner Geschichtsschreibung begann die Nachkriegszeit bereits am 15. April 1912. An diesem Tag, an dem die Titanic unterging, kam in einem kleinen Ort bei Pjöngjang ein Junge namens Kim Song Ju zur Welt. Sein Kampfname wurde später Kim Il Sung (»Sei die Sonne«). Die Eltern waren Christen, die Mutter arbeitete als Diakonisse. Noch als Kind kam er mit den Eltern in die Mandschurei; früh schloss er sich dem Partisanenkampf gegen die japanische Herrschaft an und war zeitweilig Mitglied der KP Chinas.

Doch der Partisan, der schließlich in der Sowjetunion landete, lernte schnell, das traditionelle Misstrauen der Koreaner gegen Ausländer auf die eigenen Verbündeten zu richten. Chinesen wie Sowjets stellten Ende der dreißiger Jahre immer wieder Koreaner vor Gericht – oder gleich an die Wand –, weil sie pauschal der Spionage für Japan verdächtigt wurden. Von lauernden Gefahren geprägt, an gnadenlose Härte gewöhnt, mit einem auf die Mandschurei beschränkten Weltbild und dem städtischen Leben fremd, kam Kim 1945 nach Pjöngjang, in die nördliche Hauptstadt des Landes. Er war 33 und Major der Roten Armee. Nach der Wahl Syngman Rhees im Süden stellten ihn die sowjetischen Besatzer an die Spitze ihres Regimes. Seinen Drang nach Alleinherrschaft und nationaler Unabhängigkeit lernten sie spätestens bei der Gründung der Volksarmee Koreas im Februar 1948 kennen, noch vor der offiziellen Proklamation des neuen Staates am 9. September. Da wurde das Porträt Kims gezeigt, aber schon nicht mehr – was kein anderes kommunistisches Land damals gewagt hätte – im Tandem mit Stalins Bild.

Im Jahr zuvor hatte Mao in Chinas Bürgerkrieg gesiegt. Amerika ließ es geschehen. Kim Il Sung nahm das als Signal, um ganz Korea unter das rote Banner zu holen. Am 25. Juni 1950 überrollten seine Truppen mit sowjetischen Panzern den Süden, nach nur drei Tagen besetzten sie Seoul. Es waren drei Tage, welche die Welt verändern sollten. Denn dieses Mal griffen die USA ein. Korea war für sie plötzlich zum Dominostein geworden. Würde die Halbinsel an die Kommunisten fallen, wäre Japan bedroht, Amerikas neuer Partner im Nachkriegs-Asien. Vom Juni bis zum Dezember 1950 schnellte der US-Rüstungsetat auf das Vierfache hoch. Die bis dahin beschränkte Politik der Eindämmung (Containment) wurde entgrenzt. Die Zahl der US-Basen weltweit wuchs in kurzer Zeit um das Dreifache.

Im Herbst 1950 begann eine UN-Truppe unter US-Führung mit einer Gegenoffensive. Im Oktober 1950 überschritten die Soldaten ihrerseits den 38. Breitengrad. Damit wären die Amerikaner an Chinas Grenzen gelangt – wenn Maos Truppen sie nicht, Kim Il Sung zu Hilfe eilend, wieder zurückgeworfen hätten.

Zunächst wächst die Wirtschaft im Norden schneller als im Süden

Die Bilanz des Krieges war schrecklich: drei Millionen Tote, fünf Millionen Flüchtlinge und eine Million bis heute getrennte Familien. Es gab weder einen Sieger noch einen Frieden, nur den Waffenstillstand von Panmunjeom am 27. Juli 1953; Grenze blieb der 38. Breitengrad.

Der Friedensbruch durch Kim Il Sung hatte für die USA fast alle Waffen geheiligt. Der Krieg war gerade zwei Wochen alt, als US-General Douglas McArthur, der die UN-Truppen in Korea führte, nach nuklearen Sprengsätzen rief. Er bekam sie nicht. Stattdessen ließ die Air Force Tausende Tonnen Napalm auf Nordkorea regnen. Schließlich mahnte selbst Englands Premier Winston Churchill: Niemand habe sich bei der Erfindung von Napalm vorstellen können, dass es einmal über eine ganze zivile Bevölkerung »versprüht« werden würde. Städte sanken in Schutt und Asche, große Dämme wurden bombardiert (was seit 1949 als Kriegsverbrechen galt). 1952 war vor allem die nördliche Hälfte dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen lebten, wohnten, lernten, produzierten im Untergrund.

Es war vor allem dieser Krieg – und die darauf folgende jahrelange Stationierung von US-Atomraketen in Südkorea –, die den Wunsch der Kims bestimmte, Land und Regime durch Nuklearwaffen zu sichern.

Nach dem Waffenstillstand brauchte Kim Il Sung eine Weile, um seine Macht innerhalb der kommunistischen Fraktionen zu festigen. Kritiker ließ er in Schauprozessen verurteilen und hinrichten. Schon vor dem Krieg hatte er die Ländereien der japanischen Kolonialmacht, der buddhistischen Klöster und der Großgrundbesitzer verteilen lassen. Im bombenzerfurchten Land lief der Wiederaufbau vor allem mit sowjetischer Hilfe relativ gut an. Diverse Kampagnen und ein vierstufiges Lohnsystem, das gleichen Lohn für gleiche Arbeit auch für Frauen verfügte, konnten die Arbeiterschaft mobilisieren.

Bis in die sechziger Jahre wuchs die Wirtschaft des Nordens erheblich schneller als die des Südens. Der Landwirtschaft kamen angesichts eines Klimas, das keine zwei Ernten erlaubt, forcierte Technik, Düngereinsatz und großflächige Bewässerung zugute. Kim Il Sung reiste unentwegt durch sein Reich, gab Kolchosen, Kollektiven, Kombinaten »Anleitungen am Ort«, begleitet von seinen Eckermännern, die jede Bemerkung notieren mussten. Die »Lehren« wurden umgehend zu heiligen Worten.