Nordkoreas MachthaberIm schwarzen Loch
Seite 3/3:

Ein Scientology-Kommunismus

Doch die Mobilisierung stieß an Grenzen. Das Wachstum wich dem Niedergang in Apathie. Während sich der Große Führer pompöse Paläste baute, zogen in die Hütten Erschöpfung und Gleichgültigkeit ein, schließlich kam der Hunger. Das System, das den Menschen kaum eigene Existenzmittel erlaubte, verlor alle Effizienz. Mit dem Zusammenbruch der Bruderstaaten 1989 schloss sich auch noch der Lieferanteneingang für Produkte unter Weltmarktpreisen.

Anders als später Kim Jong Il, konnte sein breitschultriger Vater, der Partisanenheld, die Despotie noch paternalistisch verkleiden. Erst Kim Jong Ils Eifer, dem übermächtigen Vater zu gefallen, machte die kultische Verehrung zum Götzendienst. Als im Wendejahr 1989, fünf Jahre vor dem Tod Kim Il Sungs, die Säulenheiligen der kommunistischen Welt stürzten, blieben in Nordkorea die 34.000 Denkmäler des Großen Führers stehen. Ebenso die mit Glas geschützten Bänke, auf denen er einmal Platz genommen hatte. So schufen die Kims einen Staat nach Art einer fundamentalistischen Sekte, einen Scientology-Kommunismus. Marx wurde de facto gegen die sogenannte Juche-Philosophie ausgetauscht (das Auf-sich-selbst-Verlassen) – wobei es zunächst, seit 1955, nur um die indirekte Unabhängigkeitserklärung gegenüber Moskau und Peking ging. Der proletarische Internationalismus wich der vergötterten Einheit der Nation unter den Kims. »Permanent wurde den Menschen eingehämmert, dass Individuen, die man der Nation beraubt, nicht lebensfähig sind«, schreibt der Korea-Experte Han S. Park von der Georgia-Universität.

Anzeige

Der Kult um Kim Il Sung und Kim Jong Il trug immer bizarrere Blüten. So meldete Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA Anfang 1990: »In 9 Provinzen wurden 9.000 Bäume gefunden, die Losungen tragen.« Hans Maretzki, der letzte DDR-Botschafter in Pjöngjang, erklärt die Nachricht in seinem Buch Kim-ismus in Nordkorea. An Kiefern, die zur Harzgewinnung angeschabt worden waren, »entdeckten« Experten Losungen, die angeblich zwischen 1932 und 1945 mit Schreibpinseln aufgetuscht worden waren. »Der große Mensch, den der Himmel schickte«, stand da zu lesen oder »Kim ist der Führer der Weltrevolution«. Erstaunlich nur, merkt Maretzki an, dass die von den Japanern gejagte Guerilla in den Wäldern so sichtbare Spuren hinterließ! Selbst Kim Jong Il soll den prophetischen Partisanen damals schon erschienen sein: »Oh Korea, wir verkünden Dir die Geburt des Paekdu-Sterns – 1942«. Am heiligen Berg Paekdu ist Kim Jong Il der Legende nach geboren worden – tatsächlich kam er 1941 bei Wladiwostok zur Welt.

Kim Jong Un scheint dem Dogma »Militär zuerst« treu zu bleiben

Zeitlebens versuchte der verwöhnte Thronfolger, der 1994 die Macht übernahm, aus dem Schatten des Vaters zu treten. Die Sonnenbrillen wurden immer größer, die Absätze immer höher, die Pompadour-Frisur erschien immer üppiger. Wenn auch »erstaunlich gut informiert und sehr belesen« (so nennt ihn die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, die ihm im Jahr 2000 begegnete), blieb der 1,57 Meter große »Geliebte Führer« doch stets nur der kleine Diktator.

Vor allem im Militärischen wollte er den Vater übertrumpfen. Seit den neunziger Jahren forcierte Nordkorea sein Atomprogramm. Nicht zuletzt mit pakistanischer Hilfe gelang der Durchbruch: Im Oktober 2006 demonstrierte man der Welt die erste nukleare Explosion.

Der Preis für die Erfolge des Regimes – die Wahrung der Unabhängigkeit gegenüber den beiden Behemots an der Nordgrenze, der Aufstieg zur Atommacht – war hoch. Nordkorea wurde zu einer Art schwarzem Loch. Ein Kasernenstaat, in dem 22 Millionen Menschen eingesperrt sind, davon 1,2 Millionen als Soldaten. Sechs Millionen stehen als Reservisten bereit. Schon 1978 schätzte die CIA, dass 12 Prozent der Männer zwischen 17 und 49 Jahren regulären Armeedienst leisteten: »Ein Höchststand«, bilanzierte die CIA, »den nur Israel übertrifft.« Die forcierte Hochrüstung unter der »Armee zuerst«-Politik erniedrigte das Volk buchstäblich: Laut einer Studie von UN und EU aus dem Jahr 2002 ist ein siebenjähriger Nordkoreaner im Schnitt 20 Zentimeter kleiner und 10 Kilo leichter als sein Landesbruder im Süden.

Und es ging immer rasanter bergab. Die Wirtschaft schrumpfte seit Mitte der neunziger Jahre innerhalb von zehn Jahren um 40 Prozent. Fluten (1995/96) und Dürren (1997) von biblischem Ausmaß – mitverursacht durch die Abholzung der Wälder – führten zum Hungertod von zwei Millionen Menschen. Hunderttausende suchten Rettung in China. Auch heute treibt die Hoffnung auf ein besseres Leben Nordkoreaner über die Grenze, obwohl auf Flucht Lager, Folter oder Todesstrafe stehen. Etwa 200.000 Menschen vegetieren im Gulag; die früher 14 Lager sind zu sechs Strafkolonien zusammengelegt worden. Rund die Hälfte der Opfer sind politische Gefangene, für die Sippenhaft gilt. Wer zu fliehen versucht, hat die öffentliche Hinrichtung im Beisein eingesperrter Verwandter zu gewärtigen.

Von der Barbarei und der Not will der knapp 30-jährige Kim Jong Un, der nach dem Tod Kim Jong Ils 2011 den Familienthron bestieg, jetzt ablenken. Mit einem Strohhut, wie einst der Großvater, zieht er über neue Rummelplätze, sitzt bei Bürgern zu Hause auf dem Fußboden und redet so viel wie einst Michail Gorbatschow. Doch vieles an dieser Scheinperestroika ist nicht so neu, wie westliche Medien vermelden. Disney-Figuren hatte schon Kim Jong Il auf den Bildschirm gelassen. Das oft zitierte Warenhaus Rakwon (»Paradies«) mit Importwaren gibt es seit vielen Jahren.

Anpassung tut not. Einst erfuhren die Nordkoreaner nicht einmal, dass ein Mensch den Mond betreten hatte. Heute sind eine Million Handys im Umlauf. Auch wenn Verbindungen ins Ausland fehlen, wächst der Informationsaustausch im Land. Aus Südkorea und China kommen auf verschlungenen Wegen ungezählte DVDs mit allerlei Seifenopern über die Grenzen.

Mehr als Software aber kann Kim III. nicht zulassen, wie die Ankündigung neuer Raketentests bestätigt. Ein Ende der »Armee zuerst«-Politik, ein Reformprozess selbst mit bescheidenem Wettbewerb würde individuelles Denken fördern. Das schließt die Juche-Philosophie aus. Denn es zerstörte die Lüge vom auserwählten Land unter der väterlichen Hand der Dynastie. Das Einsiedlerreich der Kims – es braucht die Welt als Feind.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 17:06 Uhr

    Nordkorea wird seit Jahrzehnten bei uns systematisch totgeschwiegen.

    Die Millionen Nordkoreaner, die dort dahinvegetieren und gequält werden, sind hierzulande kaum eine Zeile wert.

    Man sieht daran auch, was wir Herrn Gorbatschow verdanken. Solche Systeme sind ungemein stabil. Selbst das Allerbizarrste wirft sie nicht aus dem Ruder.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/jz

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pylades
    • 22. Dezember 2012 17:45 Uhr

    das ist schon eine ganz abenteuerliche Mischung aus antiquitiertem Antikommunismus und wenig differenzierter Medienschelte, die Sie uns hier auftischen.

    Allein auf ZEIT ONLINE, gibt es dutzende Artikel, die sich mit Nordkorea und dessen totalitärer Ideologie befassen. Andere deutsche Medien haben auch zu Genüge über das Land geschrieben. Von totschweigen, gar von einem "System", was dahinter hintersteckt, kann wohl kaum die Rede sein. Im Gegenteil, angesichts der Größe des Landes wird über Nordkorea öfter berichtet als über die meisten anderen Entwicklungsländer.

    Der Schritt von Grundeinkommen zum nordkoreanischen Todeslager ist allerdings unwesentlich größer als sie das in ihrem Eifer wahrnehmen wollen. Würden Sie westliche Befürworter des neoliberalen Kapitalismus eigentlich genauso gerne in die Slums von Bangladesch und Nigeria schicken, um denen die Augen zu öffnen, wohin das führt?

    interessieren was Sie den Menschen in Nordkorea vorschlagen würden, um aus diesem, zweifelsohne schlimmen Sytem, herauszukommen? Was ich auch nicht nachvollziehen kann, ist Ihr Geschwafel vom Grundeinkommen. Bitte, was hat das mit der Situation der Menschen in NK zu tun? Bin mal gespannt was sie dazu schreiben werden!

    herr Gorbatschoff hat mutige DDR-bürger nicht auf die strassen geschickt und Korea steht auch nicht (wie einst die DDR) im mittelpunkt von 2 weltmächten. hier existieren schon ein paar unterschiede ... Korea als beweiss für die stabilität von kommunistischen/sozialistischen systemen heranzuziehen halte ich für sehr fragwürdig.

    nicht zu letzt kann man ja großartiges bedauern über ein volk in einem land und seinem politischen system äußern ... man sollte aber nicht vergessen, das sich ein volk auch wehren kann und muss.

    ferne frage ich mich, wo der zusammenhang zw. Nordkorea und dem bedingungslosen grundeinkommen besteht? ich glaube, sie müssten das arme arme volk nicht mehr so sehr bedauern, wenn die menschen in nordkorea über ein bedingungsloses grundeinkommen verfügen würden! ;)

    Gorbatschow wollte nicht den Kommunismus abschaffen, sondern reformieren. Die Perestroika wurde ihm allerdings aus der Hand genommen und er faktisch vom Demokraten Jelzin in traditioneller Sowjet-Manier aus dem Amt geputscht.
    Das Ende der Sowjetunion war eine Katastrophe und für die Menschen im Kernland sowie in den meisten Satellitenstaaten hat sich wenig verbessert aber vieles verschlimmert. Sollte das Nordkoreanische System irgendwann zusammenbrechen wird es kein Zuckerschlecken für die Menschen dort.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und verfassen Sie differenzierte Beiträge. Danke, die Redaktion/jp

  1. ob für, oder gegen die Menschen? Die KIMs sind bald Geschichte, so wie die Assads, oder andere totalitäre Herrscher. Leider verpulvert unsere Demokratie ihr Pfund gerade in Finanzinteressen. Ob ein westliches Leben unter kapitalistischen Normen ein Vorbild ist?

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Laut Human Development Index schon.
    Alle dort aufgeführten Länder unter den ersten 10 haben ein kapitalistisches System.
    Der Kapitalismus in Reinform ist natürlich nicht das Maß aller Dinge, aber die Grundbedürfnisse des Menschen passen dazu am besten.
    Aber darauf schimpfen ist natürlich besser, als die Grenzen des Systems zu verbessern, jammern macht am meisten Spaß.

    • Obscuro
    • 22. Dezember 2012 20:53 Uhr

    Der war gut:)
    Wenn Nordkorea Öl findet oder Gas, dann wird sich was tun.

    Erst wenn der Norden von Korea etwas zu Bieten hat, was Geld einbringt wird sich was ändern. Bis dahin wird sich die Elite aufs Meckern beschränken.

    Und mal nebenbei es ist ja nicht unbedingt so das Demokratien Automatisch Gerechtigkeit und Wohlstand bedeuten.

    • xy1
    • 22. Dezember 2012 17:36 Uhr

    War nicht "Utopia" ein Land in dem es der Bevölkerung gut gehen sollte?
    Da man das von NK nicht sagen kann - es ist eher ein Freiluftgefängnis mit Fastenkur- empfinde ich diese Formulierung arg verunglückt. Ausserdem ist NK keine Utopie, sondern triste Realität.

    Zu Komm.2 - das westliche Leben ist vielleicht kein Vorbild, besser ist es allemal.

    2 Leserempfehlungen
    • deDude
    • 22. Dezember 2012 17:39 Uhr

    ... und der Despot wird seine eigene Medizin kosten müssen. Es ist stets nur eine Frage der Zeit bis sich die Menschen erheben um ihre "geliebten Führer" in die Wüste zu schicken.

    7 Leserempfehlungen
    • pylades
    • 22. Dezember 2012 17:45 Uhr

    das ist schon eine ganz abenteuerliche Mischung aus antiquitiertem Antikommunismus und wenig differenzierter Medienschelte, die Sie uns hier auftischen.

    Allein auf ZEIT ONLINE, gibt es dutzende Artikel, die sich mit Nordkorea und dessen totalitärer Ideologie befassen. Andere deutsche Medien haben auch zu Genüge über das Land geschrieben. Von totschweigen, gar von einem "System", was dahinter hintersteckt, kann wohl kaum die Rede sein. Im Gegenteil, angesichts der Größe des Landes wird über Nordkorea öfter berichtet als über die meisten anderen Entwicklungsländer.

    Der Schritt von Grundeinkommen zum nordkoreanischen Todeslager ist allerdings unwesentlich größer als sie das in ihrem Eifer wahrnehmen wollen. Würden Sie westliche Befürworter des neoliberalen Kapitalismus eigentlich genauso gerne in die Slums von Bangladesch und Nigeria schicken, um denen die Augen zu öffnen, wohin das führt?

    15 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 22. Dezember 2012 20:12 Uhr

    "Würden Sie westliche Befürworter des neoliberalen Kapitalismus eigentlich genauso gerne in die Slums von Bangladesch und Nigeria schicken, um denen die Augen zu öffnen, wohin das führt?"

    Die wissen das sowieso, es wird nicht bestritten, und es dürfen welche kommen und helfen. Und immer noch kann man weg und mit Glück es woanders besser haben.

    Es ist ein Unterschied. Die Armut wegen Staatsräson, die auch noch alles für richtig und unabänderlich bis gottgewollt erklärt, die keine Aussicht auf Änderung verspricht und die Möglichkeit verbaut, dass ein Besserer überhaupt kommen könnte.

    Das Leben im Gefängnis und in einem gleich großen Zimmer in Freiheit ist ein Unterschied.

  2. interessieren was Sie den Menschen in Nordkorea vorschlagen würden, um aus diesem, zweifelsohne schlimmen Sytem, herauszukommen? Was ich auch nicht nachvollziehen kann, ist Ihr Geschwafel vom Grundeinkommen. Bitte, was hat das mit der Situation der Menschen in NK zu tun? Bin mal gespannt was sie dazu schreiben werden!

    2 Leserempfehlungen
  3. herr Gorbatschoff hat mutige DDR-bürger nicht auf die strassen geschickt und Korea steht auch nicht (wie einst die DDR) im mittelpunkt von 2 weltmächten. hier existieren schon ein paar unterschiede ... Korea als beweiss für die stabilität von kommunistischen/sozialistischen systemen heranzuziehen halte ich für sehr fragwürdig.

    nicht zu letzt kann man ja großartiges bedauern über ein volk in einem land und seinem politischen system äußern ... man sollte aber nicht vergessen, das sich ein volk auch wehren kann und muss.

    ferne frage ich mich, wo der zusammenhang zw. Nordkorea und dem bedingungslosen grundeinkommen besteht? ich glaube, sie müssten das arme arme volk nicht mehr so sehr bedauern, wenn die menschen in nordkorea über ein bedingungsloses grundeinkommen verfügen würden! ;)

    Eine Leserempfehlung
  4. Es stimmt aber schon, das die wirklich furchtbaren Verhältnisse in den Lagern von Nordkorea hierzulande gerne ausgeblendet werden, weil die USA dort ein Feindbild sind.

    Und manchen Zeitgenossen ist das grausame Schicksal von Millionen Menschen unterrangig, solange es irgendwie gegen die USA geht.

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Nordkorea | Geschichte | Kim Jong Il | Kim Jong Un
Service