Doch die Mobilisierung stieß an Grenzen. Das Wachstum wich dem Niedergang in Apathie. Während sich der Große Führer pompöse Paläste baute, zogen in die Hütten Erschöpfung und Gleichgültigkeit ein, schließlich kam der Hunger. Das System, das den Menschen kaum eigene Existenzmittel erlaubte, verlor alle Effizienz. Mit dem Zusammenbruch der Bruderstaaten 1989 schloss sich auch noch der Lieferanteneingang für Produkte unter Weltmarktpreisen.

Anders als später Kim Jong Il, konnte sein breitschultriger Vater, der Partisanenheld, die Despotie noch paternalistisch verkleiden. Erst Kim Jong Ils Eifer, dem übermächtigen Vater zu gefallen, machte die kultische Verehrung zum Götzendienst. Als im Wendejahr 1989, fünf Jahre vor dem Tod Kim Il Sungs, die Säulenheiligen der kommunistischen Welt stürzten, blieben in Nordkorea die 34.000 Denkmäler des Großen Führers stehen. Ebenso die mit Glas geschützten Bänke, auf denen er einmal Platz genommen hatte. So schufen die Kims einen Staat nach Art einer fundamentalistischen Sekte, einen Scientology-Kommunismus. Marx wurde de facto gegen die sogenannte Juche-Philosophie ausgetauscht (das Auf-sich-selbst-Verlassen) – wobei es zunächst, seit 1955, nur um die indirekte Unabhängigkeitserklärung gegenüber Moskau und Peking ging. Der proletarische Internationalismus wich der vergötterten Einheit der Nation unter den Kims. »Permanent wurde den Menschen eingehämmert, dass Individuen, die man der Nation beraubt, nicht lebensfähig sind«, schreibt der Korea-Experte Han S. Park von der Georgia-Universität.

Der Kult um Kim Il Sung und Kim Jong Il trug immer bizarrere Blüten. So meldete Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA Anfang 1990: »In 9 Provinzen wurden 9.000 Bäume gefunden, die Losungen tragen.« Hans Maretzki, der letzte DDR-Botschafter in Pjöngjang, erklärt die Nachricht in seinem Buch Kim-ismus in Nordkorea. An Kiefern, die zur Harzgewinnung angeschabt worden waren, »entdeckten« Experten Losungen, die angeblich zwischen 1932 und 1945 mit Schreibpinseln aufgetuscht worden waren. »Der große Mensch, den der Himmel schickte«, stand da zu lesen oder »Kim ist der Führer der Weltrevolution«. Erstaunlich nur, merkt Maretzki an, dass die von den Japanern gejagte Guerilla in den Wäldern so sichtbare Spuren hinterließ! Selbst Kim Jong Il soll den prophetischen Partisanen damals schon erschienen sein: »Oh Korea, wir verkünden Dir die Geburt des Paekdu-Sterns – 1942«. Am heiligen Berg Paekdu ist Kim Jong Il der Legende nach geboren worden – tatsächlich kam er 1941 bei Wladiwostok zur Welt.

Kim Jong Un scheint dem Dogma »Militär zuerst« treu zu bleiben

Zeitlebens versuchte der verwöhnte Thronfolger, der 1994 die Macht übernahm, aus dem Schatten des Vaters zu treten. Die Sonnenbrillen wurden immer größer, die Absätze immer höher, die Pompadour-Frisur erschien immer üppiger. Wenn auch »erstaunlich gut informiert und sehr belesen« (so nennt ihn die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, die ihm im Jahr 2000 begegnete), blieb der 1,57 Meter große »Geliebte Führer« doch stets nur der kleine Diktator.

Vor allem im Militärischen wollte er den Vater übertrumpfen. Seit den neunziger Jahren forcierte Nordkorea sein Atomprogramm. Nicht zuletzt mit pakistanischer Hilfe gelang der Durchbruch: Im Oktober 2006 demonstrierte man der Welt die erste nukleare Explosion.

Der Preis für die Erfolge des Regimes – die Wahrung der Unabhängigkeit gegenüber den beiden Behemots an der Nordgrenze, der Aufstieg zur Atommacht – war hoch. Nordkorea wurde zu einer Art schwarzem Loch. Ein Kasernenstaat, in dem 22 Millionen Menschen eingesperrt sind, davon 1,2 Millionen als Soldaten. Sechs Millionen stehen als Reservisten bereit. Schon 1978 schätzte die CIA, dass 12 Prozent der Männer zwischen 17 und 49 Jahren regulären Armeedienst leisteten: »Ein Höchststand«, bilanzierte die CIA, »den nur Israel übertrifft.« Die forcierte Hochrüstung unter der »Armee zuerst«-Politik erniedrigte das Volk buchstäblich: Laut einer Studie von UN und EU aus dem Jahr 2002 ist ein siebenjähriger Nordkoreaner im Schnitt 20 Zentimeter kleiner und 10 Kilo leichter als sein Landesbruder im Süden.

Und es ging immer rasanter bergab. Die Wirtschaft schrumpfte seit Mitte der neunziger Jahre innerhalb von zehn Jahren um 40 Prozent. Fluten (1995/96) und Dürren (1997) von biblischem Ausmaß – mitverursacht durch die Abholzung der Wälder – führten zum Hungertod von zwei Millionen Menschen. Hunderttausende suchten Rettung in China. Auch heute treibt die Hoffnung auf ein besseres Leben Nordkoreaner über die Grenze, obwohl auf Flucht Lager, Folter oder Todesstrafe stehen. Etwa 200.000 Menschen vegetieren im Gulag; die früher 14 Lager sind zu sechs Strafkolonien zusammengelegt worden. Rund die Hälfte der Opfer sind politische Gefangene, für die Sippenhaft gilt. Wer zu fliehen versucht, hat die öffentliche Hinrichtung im Beisein eingesperrter Verwandter zu gewärtigen.

Von der Barbarei und der Not will der knapp 30-jährige Kim Jong Un, der nach dem Tod Kim Jong Ils 2011 den Familienthron bestieg, jetzt ablenken. Mit einem Strohhut, wie einst der Großvater, zieht er über neue Rummelplätze, sitzt bei Bürgern zu Hause auf dem Fußboden und redet so viel wie einst Michail Gorbatschow. Doch vieles an dieser Scheinperestroika ist nicht so neu, wie westliche Medien vermelden. Disney-Figuren hatte schon Kim Jong Il auf den Bildschirm gelassen. Das oft zitierte Warenhaus Rakwon (»Paradies«) mit Importwaren gibt es seit vielen Jahren.

Anpassung tut not. Einst erfuhren die Nordkoreaner nicht einmal, dass ein Mensch den Mond betreten hatte. Heute sind eine Million Handys im Umlauf. Auch wenn Verbindungen ins Ausland fehlen, wächst der Informationsaustausch im Land. Aus Südkorea und China kommen auf verschlungenen Wegen ungezählte DVDs mit allerlei Seifenopern über die Grenzen.

Mehr als Software aber kann Kim III. nicht zulassen, wie die Ankündigung neuer Raketentests bestätigt. Ein Ende der »Armee zuerst«-Politik, ein Reformprozess selbst mit bescheidenem Wettbewerb würde individuelles Denken fördern. Das schließt die Juche-Philosophie aus. Denn es zerstörte die Lüge vom auserwählten Land unter der väterlichen Hand der Dynastie. Das Einsiedlerreich der Kims – es braucht die Welt als Feind.