Nordkoreas MachthaberIm schwarzen Loch

Seit 1948 verwandelt der Familienclan der Kims Nordkorea in ein elendes Utopia. Die Geschichte einer Tragödie, die kein Ende nimmt von 

Porträts der früheren Diktatoren Kim Il Sung (links) und seines Sohnes Kim Jong Il schmücken die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Il Sungs im April in Nordkorea.

Porträts der früheren Diktatoren Kim Il Sung (links) und seines Sohnes Kim Jong Il schmücken die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Il Sungs im April in Nordkorea.  |  © Pedro Ugarte/AFP/Getty Images

Washington, 10. August 1945. Am Tag zuvor hat die zweite Atombombe auf Japan die Stadt Nagasaki ausgelöscht. Inzwischen tagt der Koordinationsausschuss von Außen-, Kriegs- und Marineministerium. Kurz vor Mitternacht beugen sich zwei junge Militärs über eine Karte Koreas. Soeben hat ihnen John McCloy, Staatssekretär im Kriegsministerium und später Hoher Kommissar der USA in der neu gegründeten Bundesrepublik, einen Eilauftrag erteilt. Binnen 30 Minuten sollen sie eine provisorische Teilung der Halbinsel, die noch von der japanischen Kolonialarmee besetzt ist, in zwei Zonen vorschlagen, Nord und Süd. Im Norden sollen die Sowjets die Japaner entwaffnen, im Süden die Amerikaner. Die beiden Offiziere – einer von ihnen ist Dean Rusk, der 1961 unter Kennedy Außenminister werden wird – entscheiden sich für den 38. Breitengrad. Damit hätten die USA die Hauptstadt Seoul in ihrer Hälfte. Überraschend stimmen die Sowjets zu. Ihre schon von Nordosten her einmarschierenden Soldaten bleiben am 38. Breitengrad stehen, obwohl die US-Truppen erst einen Monat später im Süden der Halbinsel landen können. Stalin besitzt noch gar keinen Plan für Korea.

Den haben die Amerikaner schon seit Längerem; Franklin D. Roosevelt hatte ihn bereits vor Kriegsende gefasst. Der US-Präsident hielt das 1910 von Japan annektierte Korea für »nicht reif genug«, sich selbst zu regieren. Deshalb gewann er die Briten und die Chiang-Kai-shek-Regierung in China 1943 dafür, die Halbinsel 20 bis 30 Jahre lang von den Großmächten verwalten zu lassen. Mit welcher »Reife« die USA selbst dieses Projekt angingen, ließ ihr damaliger Außenminister Edward Stettinius erkennen, als er noch 1945 einen Untergebenen bat, ihm zu zeigen, wo Korea liege.

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Die Aufteilung zerreißt eine alte Nation, die ihren einheitlichen Staat rund neun Jahrhunderte vor den Vereinigten Staaten bildete. Und sie beschert Amerika den erbittertsten aller Feinde, der sich zudem ein System schaffen wird, wie es die Welt zuvor nicht gesehen hat: Nordkoreas Despoten gründen die erste kommunistische Dynastie. Sie herrscht bis heute über ein immer wieder totgesagtes, hohlwangiges Utopia, dem Kim III. derzeit notgedrungen einen neuen Anstrich zu geben versucht.

Damals, im Sommer 1945, war das noch nicht abzusehen. Als Japans Tenno am 15. August die Kapitulation seines Landes verkündete – und damit auch das Ende der Kolonialherrschaft über Korea –, brauste ein Freudensturm über die Halbinsel. Spontan formierten sich überall im Lande lokale Selbstverwaltungsorgane. Am 6. September beschlossen ihre über 1.000 Delegierten in Seoul die Gründung der Volksrepublik Korea, um sich den ankommenden Amerikanern wieder als selbstständiger Staat zu präsentieren. Die neue Regierung war linksorientiert, aber legitimiert. Auch im südlichen Teil wünschten sich 70 Prozent der Bevölkerung den Sozialismus, 14 Prozent bevorzugten den Kapitalismus, nur 7 Prozent den Kommunismus. Das ergab noch 1946 eine Umfrage der US-Militärregierung.

Am 8. September 1945 führte Generalleutnant John R. Hodge seine US-Truppen nahe Seoul an Land. Zur Begrüßung schickte ihm die neue Regierung drei Englisch sprechende Koreaner entgegen. Doch der Kommandeur hatte den Befehl, keine Repräsentanten einer provisorische Regierung zu empfangen. Das US-Militär zog in Seoul ein und übernahm sogar Beamte der bisherigen japanischen Besatzer für die Verwaltung.

Zum zweiten Mal fühlten sich die Koreaner von Amerika verraten. Als ersten Verrat hatten sie die geheime Übereinkunft empfunden, die 1905 zwischen dem US-Kriegsminister und späteren Präsidenten William H. Taft und Japans Außenminister geschlossen worden war. Darin billigte Washington, dass Asiens neue, dynamische Großmacht Japan die Herrschaft über Korea an sich riss. Als Gegenleistung erkannte Tokio das koloniale Regime der USA über die Philippinen an.

Wie so oft in den 2.000 Jahren seiner überlieferten Geschichte sah sich das »Land der Morgenstille« fremden Interessen ausgeliefert. Eingezwängt zwischen Russland, China, Japan, hatte Korea im Lauf der Zeit an die 900 Invasionen erleben müssen. Von 1637 an kapselte sich das konfuzianisch geprägte Reich vollständig von der Außenwelt ab, um den brutalen Überfällen der Japaner und Mandschu-Chinesen einen Riegel vorzuschieben. Die westliche Welt nannte das Land fortan Hermit Kingdom, das Einsiedlerreich. Kim Il Sung und sein Nachfolger haben gerade diese Tradition für ihren Machterhalt genutzt und ihre Abschottungspolitik bis zur totalen Selbstisolierung Nordkoreas getrieben.

Leserkommentare
  1. Wie ich schon anfangs schrieb, wird sich deswegen keine Mehrheit für die Unterstützung der Nordkoreaner bilden, weil dessen Herrscher die USA als Feindbild haben.

    Und in der heutigen Lage zählen Menschen nicht viel, wenn man dafür in Opposition zur USA sein kann.

    • TDU
    • 22. Dezember 2012 20:45 Uhr

    "Warum kann sich ein eher armer Mensch in Deutschland problemlos viele hochwertige Kleidungsstücke/Elektrogeräte/Lebensmittel aus aller Welt kaufen? Weil sie von Leuten hergestellt werden, die ausgebeutet werden, deren Lebensstandard extrem niedrig ist, damit wir ein materiell schönes Dasein haben können."

    Gehen wir davon aus, dass Sicherheitsbestimmungen und Arbeitsbedingungen nicht die unseren sind. Leben und teilhaben können die Menschen aber da von ihrem Lohn genausowenig oder soviel wie hier die Geringverdiener.

    Die Gleichung, wenn die reich wir arm und umgekehrt gilt nicht, denn der Wohlstand in der Breite nebst Demokratie wächst nur bei fairen Deals, sonst gäbe es nicht die Idee vom vereinten Europa.

    Exporte zu den gleichen und Geschäfte unter gleichen haben die BRD wachsen lassen. Dass in manchen Ländern der Reichtum nicht verteilt, sondern von Cliquen verfrühstückt wird, berührt unseren Wohlstand nicht. Geld zu verschenken kann und wird nicht die Lösung sein. Leider, denn dann sonst müsste man das Geld ja nur drucken.

    Der Export macht schon lange Deutschlands Wohlstand. Auch weil bei uns die Löhne gedrückt werden, wovon China profitiert. Aber eben nicht alle wie hierzulande auch. Daraus erwaöchst die Forderung nach der Internationalen Solidarität. Wäre sie da auf allen Seiten, würde es uns allen besser gehen. Aber jedem in seinen Verhältnissen auskömmlich. Bevor China auf de Weltmarkt kam, waren die Menschen da noch ärmer.

    Eine Leserempfehlung
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    • TDU
    • 22. Dezember 2012 20:51 Uhr

    Nordkorea will alles nicht. Es will "Splendid Isolation" wie China das 1000 Jahre auch getan hat. Neuerungen von aussen gekappt, damit dass System, was einige sich ausgedacht hatten und haben wollten, funktionierte.

  2. 19. Zusatz:

    Nicht ungeachtet der Rolle der USA in dessen Entwicklung. Aber was hilft es den Menschen dort, wenn man deswegen nichts tun will, weil die USA in diesem Fall Fehler gemacht hat?

  3. Sie kennen ja den alten Spruch. Es gibt viele Möglichkeiten eine Statistik zu drehen, aber selbst wenn man es nicht (absichtlich) macht hat eine Statistik nur begrenzte Aussagekraft. Korelationen lassen sich erkennen, aber keine Kausalitäten. Und was sind eventuelle nicht erfasste Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen?

    Die Natur des Menschen ist keine neue Diskussion. Schauen Sie ins letzte Jahrhundert, wer hat den (fehlverstandenen) Darwinismus zum Kern seiner Ideologie gemacht? Es ist ein großer Irrtum, den Menschen als ein rein egoistisch motiviertes Wesen darzustellen - genauso wenig ist er ein rein altruistisches.

    Auch die Argumentation, jedes altruistische Verhalten ist im Kern auch egoistisch Motiviert, geht letzendlich fehl wenn es ein sozialdarwinistisches System rechfertigen soll. Nachdem ja bereits vorausgesetzt wird dass alle gemeinwohlorientierten Handlungen im Kern dem eigenen Egoismus dienen, könnte ein sozialistisch inspiriertes System ja nur die Vervollkommnung dieses Prinzips des Egoismus durch Kooperation sein.

    Das ist einer der vielen inneren Widersprüche der neoliberalen Ideologie. Aus ihrem eigenen Leben wissen Sie doch mit Sicherheit dass der Mensch das Potential zu allen möglichen Handlungsweisen hat, es kommt vor allem darauf an was durch die Umgebung gefördert wird. Ein System, dass Konkurrenz fordert, prägt auch seine Bewohner entsprechend - wo der Mensch aber im Einverständnis mit seiner Umgebung existieren kann, wird er es auch tun.

    Antwort auf "Kapitalismus"
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    Ich würde in diesem Fall schon eine gewisse Kausalität herauslesen. Alle sehr hoch entwickelten Länder haben ein Marktwirtschaftliches System. Natürlich könnte man sagen der Mensch sei von Geburt an brainwashed und kenne deswegen nur den Konkurrenzkampf und das Ego. Aber war die erste Generation das dann auch?
    Ich bezog meinen Egoismus auf die wirtschaftliche Sichtweise und klar kann auf gesellschaftlicher Ebene so etwas in Faschismus entgleiten. Ich unterstelle nun aber jedem Menschen ein gewissen Hang zu dieser Ideologie, dass fängt damit an welchen Menschen sie mögen und welchen nicht und hört bei der Partnerwahl auf. Wichtig ist nur das die vermeintlichen Verlierer dieser allzu menschlichen Sichtweise nicht auf der Strecke bleiben, hier versagt der Kapitalismus, da stimme ich ihnen zu.

    Trotzdem wichtig ist nur diese vermeintlichen Schwächen zu nutzen und daraus stärken zu machen(zb verbesserte Startvoraussetzungen, verhinderung von marktversagen aller Art, grundversorgung). Der Widerspruch den sie meinen, ist der zwischen Paretooptimum und Nashgleichgewicht, bei einem Gefangenendilemma.

    Ich selbst finde man sollte nicht alles verfluchen, sondern die guten Ansätze benutzen und daraus etwas neues erschaffen.

    Wie gesagt Probleme erkennen und realistische Lösungen zu finden, ist das beste was man selbst machen kann.

    • TDU
    • 22. Dezember 2012 20:51 Uhr

    Nordkorea will alles nicht. Es will "Splendid Isolation" wie China das 1000 Jahre auch getan hat. Neuerungen von aussen gekappt, damit dass System, was einige sich ausgedacht hatten und haben wollten, funktionierte.

    Antwort auf "@ 11 sebastian2607"
    • Obscuro
    • 22. Dezember 2012 20:53 Uhr

    Der war gut:)
    Wenn Nordkorea Öl findet oder Gas, dann wird sich was tun.

    Erst wenn der Norden von Korea etwas zu Bieten hat, was Geld einbringt wird sich was ändern. Bis dahin wird sich die Elite aufs Meckern beschränken.

    Und mal nebenbei es ist ja nicht unbedingt so das Demokratien Automatisch Gerechtigkeit und Wohlstand bedeuten.

  4. Genau, und deswegen werden sich Meinungsführer wie Sie den Teufel tun, um Nordkorea nicht zu helfen, damit Ihr Weltbild auch Bestand hat.

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    • Obscuro
    • 23. Dezember 2012 0:25 Uhr

    Meinungsführer^^
    Ich bin Realist!
    Kapitalismus bedeutet den TOD der Armen. Nur so Verdient Mann Geld!

  5. Ich würde in diesem Fall schon eine gewisse Kausalität herauslesen. Alle sehr hoch entwickelten Länder haben ein Marktwirtschaftliches System. Natürlich könnte man sagen der Mensch sei von Geburt an brainwashed und kenne deswegen nur den Konkurrenzkampf und das Ego. Aber war die erste Generation das dann auch?
    Ich bezog meinen Egoismus auf die wirtschaftliche Sichtweise und klar kann auf gesellschaftlicher Ebene so etwas in Faschismus entgleiten. Ich unterstelle nun aber jedem Menschen ein gewissen Hang zu dieser Ideologie, dass fängt damit an welchen Menschen sie mögen und welchen nicht und hört bei der Partnerwahl auf. Wichtig ist nur das die vermeintlichen Verlierer dieser allzu menschlichen Sichtweise nicht auf der Strecke bleiben, hier versagt der Kapitalismus, da stimme ich ihnen zu.

    Trotzdem wichtig ist nur diese vermeintlichen Schwächen zu nutzen und daraus stärken zu machen(zb verbesserte Startvoraussetzungen, verhinderung von marktversagen aller Art, grundversorgung). Der Widerspruch den sie meinen, ist der zwischen Paretooptimum und Nashgleichgewicht, bei einem Gefangenendilemma.

    Ich selbst finde man sollte nicht alles verfluchen, sondern die guten Ansätze benutzen und daraus etwas neues erschaffen.

    Wie gesagt Probleme erkennen und realistische Lösungen zu finden, ist das beste was man selbst machen kann.

    Antwort auf "Statistik"
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    - beziehungsweise die Marktwirtschaft - hat schon Marx beschrieben, und im Prinzip sogar für die spätere Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft vorausgesetzt. Marktwirtschaft hat auch klare Vorzüge wenn es um die Entwicklung einer Wirtschaft geht, wird aber zunehmend instabil wie man beobachten kann.

    Wie auch immer, wir haben ja durch das ganze letzte Jahrhundert schon sozialistische Prinzipien (Planwirtschaft, Sozialfürsorge) erfolgreich in unsere Politik integriert, ohne die wäre es auch garnicht gegangen. Einen reinen Kapitalismus gibts eigentlich nur in den Phantasien von Ökonomen. Wenn es Sie interessiert und Sies noch nicht kennen lesen Sie mal über Milton Friedmann und Augusto Pinochet.

    Was die menschliche Natur betrifft, das wesentlichste Mermal ist ja gerade dass es kaum feste Merkmale gibt. Gerade weil der Mensch so stark formbar ist, funktionieren Erziehung, Werbung, Propaganda, Folter und Gehirnwäsche.
    Natürlich ist es dabei einfacher, punktuelle Beeinflussung vorzunehmen. Sie können durch Werbung leicht ein paar Leute verleiten ein Produkt zu kaufen, wesentlich aufwändiger ist es schon sie dazu zu bringen einen Weltkrieg anzuzetteln.

    Tiefgreifende kulturelle Veränderungen sind dagegen natürlich langfristig und weniger erzwingbar, aber genauso möglich. Das geht aber nicht, solange unser gesamtes Leben nach einem Wirtschaftssystem ausgerichtet wird, das die niedersten Instinkte in uns befödert und die guten langsam verwesen lässt.

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  • Schlagworte Nordkorea | Geschichte | Kim Jong Il | Kim Jong Un
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