Die Staatsanwaltschaft gilt manchen als objektivste Behörde der Welt. Sie soll belastende und entlastende Hinweise gleichermaßen ermitteln. So steht es im Gesetz, und dieser Auftrag ist eine rechtsstaatliche Verpflichtung. Manchmal jedoch ist zweifelhaft, ob sich eine Staatsanwaltschaft an diesen Auftrag erinnert. So wie derzeit vor dem Landgericht Koblenz. Dort wird seit Oktober eigentlich die Frage verhandelt, ob sich der frühere Finanzminister des Landes Rheinland-Pfalz, Ingolf Deubel, gemeinsam mit anderen Angeklagten der Untreue schuldig gemacht hat. Und zwar in den Jahren bis zum Sommer 2009, als das Land die Rennstrecke am Nürburgring mit viel Steuergeld zu einer Art Ganzjahres-Freizeitpark hochrüsten wollte (ZEIT Nr. 41/12).

Politisch brisant war der Fall immer. Nun aber steht die Frage im Raum, ob die Staatsanwaltschaft alle ihre Vorwürfe beweisen kann. Und das wird nicht leicht.

Deubel kostete das Scheitern des Projekts »Nürburgring 2009« seine politische Karriere und brachte ihn vor Gericht. Er war damals Aufsichtsrat der staatseigenen Nürburgring GmbH. Die Staatsanwaltschaft indes glaubt, dass er sich wie ein Geschäftsführer aufgeführt und entgegen vieler Warnungen mit dem windigen Finanzvermittler Urs Barandun eingelassen habe. Der soll laut Anklageschrift selbst dann noch Deubels Vertrauensperson bei der Finanzierung des Projekts geblieben sein, als ihn jedermann längst als Hochstapler hätte verdächtigen müssen.

Das ist die These der Staatsanwaltschaft. Doch an ihr gibt es einige Zweifel.

Barandun reagierte nicht auf eine Anfrage der ZEIT. Aber es stimmt ja, dass der Schweizer eine undurchsichtige Person ist. Die Akten weisen darauf hin. So ließ Barandun mehrfach Verabredungen platzen und präsentierte statt Geldgebern Ausreden. Angeblich sei er mal in den Vereinigten Arabischen Emiraten verhaftet worden, wo Baranduns Firma B&B MMC eine Geschäftsadresse besitzt. Gegen Ende des Nürburgring-Dramas im Sommer 2009 wurde Barandun auch noch mit ungedeckten und womöglich gestohlenen Schecks in Verbindung gebracht. Doch schon spätestens 2008, so argumentiert die Koblenzer Staatsanwaltschaft heute, sei die mangelnde Seriosität Baranduns für Deubel unübersehbar gewesen.

Seltsam nur: Die Koblenzer Staatsanwaltschaft zweifelte damals auch nicht groß an Baranduns Rechtstreue. Am 26. März 2009 nämlich trafen sich Beamte des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts (LKA) mit dem Staatsanwalt Harald Kruse, der heute Chef der Koblenzer Anklagebehörde ist. Gemeinsam erörterten sie Hinweise auf mögliche Straftaten im Zusammenhang mit der Finanzierung des Nürburgrings. Das belegt unter anderem ein polizeilicher Aktenvermerk. Ein Mann hatte das LKA auf Barandun aufmerksam gemacht und ihn wegen früherer, vom Nürburgring unabhängiger Geschäfte als Betrüger bezichtigt. Was das nun bedeute, diskutierten Staatsanwälte und Polizisten.

»Als Ergebnis der Besprechung waren sich alle Teilnehmer einig darüber, dass der Anfangsverdacht einer Straftat nicht bestand«, sagt Staatsanwalt Kruse heute der ZEIT. Für »Täuschungshandlungen zum Nachteil der Nürburgring GmbH« habe das LKA seinerzeit keine Hinweise vorgelegt.

Alle waren sich einig? Der LKA-Mann erinnert sich offenbar anders an das Treffen, jedenfalls berichtete er vor rund zwei Jahren einem Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags davon. Laut Protokoll zeigte er sich verwundert, dass die Koblenzer Staatsanwälte Barandun in Ruhe lassen wollten. Angesichts seiner Informationen habe er erwartet, dass etwa wegen Kreditvermittlungsbetrugs ermittelt werde. Schon ein versuchter Betrug wäre strafbar gewesen. Doch das geschah nicht.

Im Klartext: Die Koblenzer Staatsanwaltschaft sah 2009 keinen Grund, gegen Barandun vorzugehen. Heute wirft dieselbe Behörde Deubel vor, mit dem Schweizer zusammengearbeitet zu haben. Hätte sie damals schon ermittelt, wäre wohl ein Teil des finanziellen Schadens, der nun Gegenstand ihrer Anklage ist, gar nicht erst entstanden.

Die Anklageschrift ist deutlich. Sogar von Anbeginn an hätten bei Deubel erhebliche Zweifel an der Seriosität Baranduns bestanden, heißt es dort. Das habe eine Know-Your-Customer-Prüfung ergeben, mit der die Nürburgring GmbH Barandun und dessen Firma durchleuchtet hatte. Solche Checks sind üblich, bevor man mit neuen Partnern zusammenarbeitet.