Ottfried FischerEin Bild von einem Bullen

Ottfried Fischer kämpft seit Jahren gegen den Springer-Verlag. Das nächste Gerichtsurteil könnte den Boulevardjournalismus verändern. von  und

Es war ein ungewöhnlich drastisches Urteil, in einem ungewöhnlich heiklen Fall. Am 3. April 2012 entschied das Oberlandesgericht München in einem Strafverfahren gegen die Bild-Zeitung und für den Schauspieler Ottfried Fischer. Damit hob es das Urteil des Landgerichts auf, das ihm in der Beweiswürdigung fehlerhaft und auch lückenhaft erschien. Am kommenden Dienstag wird vor dem Landgericht wieder neu verhandelt, nun schon zum vierten Mal, und das Urteil könnte richtungsweisend für den Boulevardjournalismus in Deutschland werden.

In dem Verfahren geht es um Prostituierte, Zuhälter und Kreditkartenbetrüger. Es geht um ein Sexvideo und um publikumsträchtige, schlüpfrige Schlagzeilen. Es geht um einen prominenten Schauspieler, der sich von Deutschlands auflagenstärkstem Boulevardblatt »erpresst« fühlt – und sich dagegen wehrt. Auch das ist ungewöhnlich. Es geht schlicht um die Frage, ob sich die Bild-Zeitung strafbarer Methoden bedient hat, um an eine Geschichte zu kommen.

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Der Fall ist in einem Grenzbereich des Journalismus angesiedelt, wo zwischen öffentlichem Interesse und schützenswerter Privatsphäre nicht genug unterschieden wird. Müssen etwa Drohungen gegen Prominente gar nicht erst ausgesprochen werden, um sie zur Kooperation zu bewegen? Haben Film- und Fernsehstars Angst vor Informationen aus ihrem Privatleben, die der Boulevard gegen sie verwenden könnte? Gehorchen sie vorauseilend, um ein Übel abzuwehren? Es ist ein Geben und Nehmen: Prominente gehen so weit, auf einen Teil ihrer Privatsphäre zu verzichten, weil sie sich dafür gute Berichterstattung erhoffen. Manchmal geht das Geschäft gut für sie aus, manchmal nicht.

Bei Ottfried Fischer und der Bild-Zeitung war das von Anfang an komplizierter. Erst stellte ihn das Blatt bloß, berichtete auf der Titelseite, er habe Ärger mit Prostituierten. Und dennoch erzählte der Schauspieler und Kabarettist in einem Exklusiv-Interview mit derselben Zeitung später ganz offenherzig von seinem »sündigen Treiben«, wie er es nannte, von Dingen also, über die man eigentlich besser schweigen sollte.

Der Leser wunderte sich – und erfuhr erst später, dass Fischer das Interview nicht ganz freiwillig gegeben haben soll. Ein Journalist der Bild-Zeitung hatte sich ein Video besorgt, das Fischer beim Sex mit Prostituierten zeigt. Hat er dieses Video missbraucht, um Fischer zu dem Exklusiv-Interview zu bewegen, was den Straftatbestand der Nötigung bedeuten würde? Das Amtsgericht München, die erste Instanz, sah es so und verurteilte den Journalisten zu einer Geldstrafe.

Ottfried Fischer, ein Opfer?

Doch man kann es auch anders sehen, so, wie die zweite Instanz: Der Boulevardjournalist hat die von ihm erwartete Arbeit gemacht. Er hat recherchiert und das Video als Beleg für seine Erkenntnisse besorgt. Er gab Fischer die Möglichkeit, Stellung zu nehmen. Veröffentlichen wollte er das Video nicht. Die Berichte in der Bild waren dann für Fischer auch »total positiv«. Das Landgericht München I sprach den Journalisten in der Berufungsverhandlung frei.

Ottfried Fischer, eine Bedrohung für die Pressefreiheit?

Staatsanwälte und Richter, die sich bisher mit dem Fall befassten, haben beste Aussichten, in die Justizgeschichte einzugehen. Erst wurde der Journalist verurteilt, dann freigesprochen, im April hob das Oberlandesgericht den Freispruch wieder auf – weil er, so das Gericht, auf teils »lückenhafter« Beweiswürdigung basierte, manche Aussagen wurden nur »bruchstückhaft und verstreut« mitgeteilt, einige Annahmen sind »rechtsfehlerhaft«. Es verwies den Fall zurück an das Landgericht.

Ottfried Fischer, 59 Jahre alt, zwischen 130 und 160 Kilo schwer, an Parkinson erkrankt, ist als Fernsehschauspieler in Der Bulle von Tölz und als »Pfarrer Braun« ein Publikumsliebling. Zeit seines Lebens hat er auch Kabarett gespielt, mit den Mächtigen hat er sich immer gern angelegt. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich auch in diesem Fall »nichts gefallen lassen will«. Er kämpft darum, der Bild- Zeitung jene Methoden nachzuweisen, die er dort vermutet. Er trägt den Fall durch alle Instanzen, nimmt in Kauf, dass jedes Mal aufs Neue über seinen Kontakt mit Prostituierten berichtet wird. Vor dem Prozess wurden ihm »drei bis vier Drehbücher in der Woche« zugeschickt, heute bekommt er »nicht mehr eines«.

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