WeihnachtenPhilosophie des Plätzchens

Warum sind Plätzchen keine Kekse? Wie viele Sorten gibt es überhaupt? 13.824 lassen sich errechnen, aber nur wenige beherrschen die bunten Teller. Weshalb kennen Plätzchen keine Demokratie? Wie steht es um ihre Moral? Was macht der Verzehr mit uns? Plätzchenfragen sind Existenzfragen. von 

Auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt beherrschen Lebkuchen die Auslagen.

Auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt beherrschen Lebkuchen die Auslagen.   |  © Christof Stache/AFP/Getty Images

Wer nennt die Namen, zählt die Plätzchen? Elisenkuchen, Florentiner, Spekulatius, Bärentatzen, Walnussherzen, Vanillekipferl, Heidesand, Husarenkrapfen und Brabanter – es ist der Reigen der Weihnachtszeit, ein Lied mit vielen Strophen, das schon unsere Vorvorväter kannten, das mit einem leisen Summen sich aber wohl bereits im Rokoko ankündigte, als die barocke Freude am Überfluss sich mit der Liebe zur Miniatur verband. Das Plätzchen, seinerzeit noch überwiegend französisch biscuit genannt, verhielt sich zu Kuchen und Torte wie die Spieluhr zur Orgel. Es sollte überraschen und rühren, nicht überwältigen – so könnte im Geist des Dix-huitième das Ideal des Plätzchens bestimmt werden.

Indes hat das Plätzchen noch etwas anderes mit der Spieluhr gemein: dass man Kind sein muss, um nicht zu erkennen, wie sich die Melodien wiederholen, die Schokoladen-, die Zimt-, die Mandel-, die Haselnuss-, Zitronen- und Vanillemelodie. Der Erwachsene, der sich von ihnen rühren lässt, tut dies, weil in seinem Gaumen noch die Erinnerung an die erste, die uranfängliche Überraschung des Kindes lebt und immer wieder aufgerufen werden kann.

Anzeige

Das Plätzchen unserer Kindheit

ist wie eine Träne, die auf der Zunge schmilzt. Die sogenannten Prasselkuchen, die meine Mutter buk, aus dem deutschen Osten stammend, winzige Rauten, die unter einem Hauch von Streuseln eine Schicht Johannisbeergelee verbargen, waren schon in meiner Jugend Allegorien der Vergänglichkeit. Für die Wiederbegegnung mit solchen Plätzchen muss man stark sein. Die Prasselkuchen, die eigentlich Knisterkuchen waren, weil die Streuselschicht nur wie ein Raureif über dem Gelee lag, den die Zähne kaum hörbar durchbrachen, feiern eine Zerbrechlichkeit, an der man sich nicht mehr erfreuen kann, wenn schon zu viel zerbrochen ist.

Das Plätzchen ist eine Gemütsprobe

und weit davon entfernt, weniger erschütternd zu sein als der gewaltige Orgelprospekt einer Festtorte, wie das galante Zeitalter meinte. Der kleinste Florentiner kann direkt ins Herz treffen. Ein Plätzchen, im rechten, das heißt falschen Moment gegessen, in einem vielleicht schläfrigen, nur halb bewussten, kann ein ungeheures Panorama von Ahnungen (wenn man jung ist) und Erinnerungen (wenn man alt ist) entfalten. Man denke an das Gitterwerk, das manche Plätzchen überzieht und wie ein Käfig die Schokolade darunter gefangen hält – auch dies eine Allegorie von schmerzlicher Ambivalenz, die nicht sagt, ob man den Käfig dafür verfluchen soll, dass er des Lebens Süßigkeit wegsperrt, oder dafür, dass er am Ende doch nicht hält.

Die Lektüre des Plätzchens

können nur die Fantasie oder die Erinnerung leisten. Nur sie haben Zugang zu dem Code, der unablässig neu verschlüsselt wird wie von der berühmten Enigma-Maschine der deutschen Kriegsmarine. Plätzchenfragen sind Rätselfragen, die tief in das Innere unserer Lebensform führen, und das tiefste Rätsel liegt noch nicht einmal in unserer Individualität, sondern in dem, was wir mit Familie, Gesellschaft, Tradition und Geschichte so innig teilen, dass am Ende nicht irgendwelche Plätzchen gebacken werden, sondern ganz bestimmte – die alle verstehen, aber jeder Einzelne auf seine Weise.

Das Internet kennt Rezepte von weit über tausend Plätzchen, was für sich schon eher ein Indiz für Wiederholung als für Individualität ist. Gleichwohl heißen die Schalen oder Schüsseln, in denen sie zur Adventszeit versammelt werden, noch immer bunte Teller. Auf ihnen findet sich auch anderes, was ehedem als kostbar galt, Mandarinen, Quittenbrot und manche Marzipankartoffel (die meist als Erste dem Verzehr zum Opfer fällt), doch herrscht Konsens, die Masse des Kleingebäcks darauf als Plätzchen zu bezeichnen. Und warum nicht als Keks? Es liegt in der Natur der Plätzchenfragen, dass sie in wissenschaftlich gänzlich ungesichertes Terrain führen.

Das Plätzchen wird gebacken

und der Keks gekauft, lautet eine naheliegende Antwort. Das ist weniger trivial, als es klingt, weil das Handgemachte, das wie auch immer Unbeholfene der Ausführung keineswegs als Makel gilt, sondern durchaus gerne gesehen wird – als Ausweis der Authentizität, des Protests gegen die industrialisierte Welt, vielleicht auch der tugendhaften Pflichterfüllung, die den bequemen Weg des Kaufens ausschlägt. Das unbeholfene Plätzchen kann ein besonders moralisches Plätzchen sein.

Für die konsumkritische Geste spricht, dass Waffeln, insbesondere die gefüllten, die geradezu der Inbegriff des Kaufkekses sind, noch nie als Plätzchen gegolten haben. Andererseits scheint es mir selbst in traditionsstolzen Haushalten erlaubt, bestimmte Bestandteile bunter Teller zuzukaufen, zum Beispiel die Lebkuchen mit ihren Verwandten, den Pfefferkuchen, Spekulatius und Printen. Sind diese deshalb keine Plätzchen? Oder sind einige von ihnen, obwohl zum bunten Teller gehörig, aus einem anderen Grunde keine Plätzchen – weil sie zu groß sind?

Leserkommentare
  1. Einfach ein schöner, besinnlicher Artikel. Danke an den Autor.

    Ich backe gerne, viel und oft; halte mich an bewährte Rezepte, bin aber in der Formgebung nicht zu genau. Dafür fehlt mir wohl die Feinmotorik und Geduld. Auf die mangelnde Zeit will ich es gar nicht schieben. Dabei blicke ich anerkennend, aber nicht neidisch auf die präzisen und kunstvollen Erzeugnisse mancher anderer Bäcker (im Gegensatz zum Brotbacken scheinen es bei den Plätzchen noch immer wenig Männer zu sein) oder Bäckerinnen und freue mich immer sehr, diese Kunstwerke geschenkt zu bekommen.

    Wäre wäre Weihnachten ohne das Teig gewordene Abbild der Persönlichkeit des Bäckers in Auswahl, Ausführung und Darbietung. Damit kann kein Industrieprodukt mithalten: Dort sind Zimtsterne immer perfekt weich, Lebkuchen niemals bröselig und Springerle oben hellweiss mit perfektem Füsschen.

    • Hagmar
    • 21. Dezember 2012 22:04 Uhr

    Ich bin überzeugt, Herr Jessen hat eine Wette abgeschlossen, ob er es schafft, einen fünfseitigen Artikel über Plätzchen zu schreiben, den auch jemand zu Ende liest.
    Im Ernst, ich fand ihn lang. Aber eigentlich in jedem Abschnitt mindestens eine Satzperle, die zu finden, die Lektüre wert war und die man sich - wie ein wunderbares Plätzchen ganz langsam kauend, im Munde explodieren lässt. Und trotz der fünf Seiten hat Herr Jessen eine ganz wichtige Eigenschaft des Plätzchens vergessen: Seine Tauschbarkeit. Meine Mutter hätte ohne Weiteres jedem seinen Lieblingsbuntenteller machen können, die Vorlieben waren bekannt und änderten sich nur selten. Aber das wäre ja nur das halbe Vergnügen gewesen. Der Peffernussliebhaber (kamen Pfeffernüsse im Artikel überhaupt vor??) musste sich von mindestens zwei Butterplätzchen trennen und wer keine Zimtsterne mochte, war in der überaus glücklichen Lage, meinem Vater im Tausch dafür die begehrten Vanillegipferl abzuluchsen. Die Tauschwährung war von Teller zu Teller verschieden. Ich hatte grosses Glück: Von klein auf war ich das einzige unter 5 Geschwistern, das süchtig nach Anisplätzchen war und weder Zimtsterne noch Königsberger Marzipanherzen (von Muttern gemacht) mochte......

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Weihnachten | Nahrungsmittel | Genuss | Kochen
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service